WOLFGANG-STAMMLER-GASTPROFESSUR

2016/17

Die andere Literaturgeschichte ‒ Text- und Überlieferungsgeschichte ernst genommen

Prof. Dr. Jürgen Wolf
 
Blockseminar FS 2017
Übersicht zur Vorlesung (Universität Freiburg/Schweiz)
Plakat

Zeiten und Themenkomplexe
24./25. Februar 2017  Übersicht - Theorie - Modell
24./25. März 2017      Modellbeispiel: Annolied und Kaiserchronik
28./29. April 2017      Modellbeispiel: Ulrich von Liechtenstein und das Lyrik ABC
19./20. Mai 2017        Modellbeispiel: Tristan-Fassungen und Hartmann von Aue: Erec + Bilanz/Abschlussdiskussion

Sitzungstermine            jeweils Freitags 14-16.30 Uhr + Samstags 9.30-12 und 13.30-16 Uhr (bzw. je nach Bedarf)

Materialien: Für die einzelnen Sitzungen relevante Materialien werden jeweils per Rundmail an alle TeilnehmerInnen geschickt!


Kommentar:

In Zeiten der extremen Atomisierung der Wissenschaften und mehr noch der Wissensgegenstände scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, um überhaupt noch ein umfassendes VERSTEHEN zu ermöglichen, eine Schneise durch diese unendliche Erkenntnisfülle zu schlagen. Und für die Philologie heißt dies nicht zuletzt, in einem Überblick all die Fakten, Materialien, Erkenntnisse zu bewerten, zusammenzufassen und zu einem leidlich verständlichen Mosaik zusammenzubauen. Üblicherweise ist dies die klassische Aufgabe der Literaturgeschichte, doch vor den Handschriften hat sie kapituliert. Zu groß sind mittlerweile die Datenmassen: Im Handschriftencensus sind derzeit fast 7.000 mittelalterliche deutsche Autoren und Werke in weit über 25.000 Handschriften und Fragmenten erfasst. Nikolaus Henkel und Jens Haustein beschreiben die Problematik und die daraus resultierenden Erfordernisse drastisch:

Wir brauchen eine Beschreibung des zu einem bestimmten Zeitpunkt aktuellen literarischen Wissens […], das von der Präsenz älterer, aber aktueller Werke ebenso geprägt ist wie von der Bildung neuer Modelle“
.

Den diachronischen Entwicklungsmodellen [müssen wir] einen synchronischen Entwurf zur Seite zu stellen. Ein solcher Entwurf hätte vorrangig von der handschriftlichen Materialität der Texte auszugehen und nach ihrer Verortung im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext zu fragen.


Im Rahmen der Stammler-Gastprofessur soll exemplarisch der Versuch unternommen werden, die Handschriften samt all ihrer Textvarianzen in diesem Sinn ernst zu nehmen. Hintergrund sind dabei folgende Erkenntnisse der Überlieferungsforschung:

  • Offensichtlich erreichten die Werke im Regelfall erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung ihren Wirkungs- und Rezeptionszenit.
  • Oftmals geschieht dies in einer Zeit, in der vermeintlich schon ganz andere literarische Modelle wirkmächtig sind. Die vermeintlich 'alten' Texte werden dann als 'archaisch' oder 'nachklassisch' stigmatisiert und aus der Forschungswahrnehmung ausgesondert, tatsächlich dominieren sie aber häufig auch und gerade die vermeintlich 'neue' Zeit.
  • Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen scheint ein Prinzip mittelalterlicher Literaturproduktion und -reproduktion zu sein.
Anhand exemplarisch ausgewählter Werke und Überlieferungskomplexe soll in den 4 Blockseminaren ein auf der Überlieferung und der Textgeschichte basierendes Modell erarbeitet und jeweils in Form kleiner Musterkapitel als Modell einer neuen 'Manuskript-Literaturgeschichte' formuliert werden. Dabei werden sich liebgewonnene Strukturen und Epochengrenzen - Althochdeutsche Zeit, Frühhöfische Zeit, Höfische Blützezeit, Nachklassik - in dramatischer Weise auflösen und vielleicht etwas NEUES - ein NEUES Mittelalter? - sichtbar werden.

Als Arbeitskomplexe sind vorgeschlagen:
  • Annolied und Kaiserchronik
  • Ulrich von Liechtenstein und das Lyrik ABC
  • Hartmann von Aue: Erec und Tristan-Fassungen


Literaturgeschichten (in Auswahl)

Folie 14 A) Literaturgeschichten
  • Friedrich Heinrich von der Hagen und Johann Gustav Büsching: Literarischer Grundriß zur Geschichte der Deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnte Jahrhundert. Berlin1812 (online + online).
  • Walter Muschg: Tragische Literaturgeschichte. Bern 1948.
  • De Boor/Newald: Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 1: Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung (770-1170), München 1949.
    • Band 1: Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung: 770-1170. 9. Aufl. bearbeitet von Herbert Kolb. München 1979.
      Band 2: Die höfische Literatur: Vorbereitung, Blüte, Ausklang; 1170-1250. 11. Aufl. bearbeitet von Ursula Hennig. München 1991.
      Band 3: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Teil 1: Zerfall und Neubeginn: 1250-1350. 5., neubearbeitete Auflage, neubearbeitet von Johannes Janota. München 1997 und
          Teil2: Reimpaargedichte, Drama, Prosa. Herausgegeben von Ingeborg Glier. München 1987.
  • Geschichte der Textüberlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur, Bd.2: Überlieferungsgeschichte der mittelalterlichen Literatur. Hg. v. Karl Langosch et al. Zürich 1964.
    • Karl Langosch, Überlieferungsgeschichte der mittellateinischen Literatur. In: Geschichte der Textüberlieferung, Bd. 2, 1964, S. 9-185.
  • Die deutsche Literatur. Ein Abriss in Text und Darstellung. 17 Bde. Stuttgart 2000.
  • Literaturgeschichte des Mittelalters in 3 Bänden (DTV -Taschenbuch). München 1989,
    • Bd. 1: DIETER KARTSCHOKE: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter:
    • Bd. 2: JOACHIM BUMKE: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter;
    • Bd. 3: THOMAS CRAMER: Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter.
  • Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, hg; von Joachim Heinzle:
    • Bd. I.1: WOLFGANG HAUBRICHS: Die Anfänge: Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter.Königstein 1984
    • Bd. I.2: GISELA VOLLMANN-PROFE: Wiederbeginn volkssprachiger Schriftlichkeit im hohen Mittelalter. Königstein 1984
    • Bd. II.1.: PETER JOHNSON: Die höfische Literatur der Blütezeit. Tübingen 1999.
    • Bd. II.2: JOACHIM HEINZLE: Wandlungen und Neuansätze im 13. Jahrhundert (1229/30-1280/90). Tübingen 21994;
    • Bd. III:  JOHANNES JANOTA: Orientierung durch volkssprachige Schriftlichkeit (1280/90-1380/90). Tübingen 2004.

B) Methodische Reflektion
  • Kurt Ruh: Überlieferungsgeschichte mittelalterlicher Texte als methodischer Ansatz zu einer erweiterten Konzeption von Literaturgeschichte, in: Überlieferungsgeschichtliche Prosaforschung, 1985, S. 262-272.
  • Joachim Heinzle, Wie schreibt man eine Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters?. In: Der Deutschunterricht 41 (1989), S. 27-40.
  • Mediävistische Literaturgeschichtsschreibung. Gustav Ehrismann zum Gedächtnis, hg. von Rolf Bräuer/Otfrid Ehrismann. Göppingen 1992 (GAG 572), S. 153-172.
  • Walter HAUG: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, 2. rev. Auflage, Darmstadt 1992.
  • Eckhard Conrad Lutz, Literaturgeschichte als Geschichte von Lebenszusammenhängen. Das Beispiel des Ezzoliedes. In: E.C. Lutz: Mittelalterliche Literatur im Lebenszusammenhang. Ergebnisse des Troisième Cycle Romand 1994. Freiburg (Schweiz) 1997 (Scrinium Friburgense 8), S. 95-145.
  • Uwe Jochum, Textgestalt und Buchgestalt. Überlegungen zu einer Literaturgeschichte des gedruckten Buches. In: LiLi 26 (1996), S. 20-34.
  • Literatur - Geschichte - Literaturgeschichte. Beiträge zur mediävistischen Literaturwissenschaft. Festschrift für Volker Honemann zum 60. Geburtstag. Hg. von N. Midema und R. Suntrup, Frankfurt am Main 2003.
  • Ralf G. Päsler, Überlegungen zu einer Literaturgeschichte des mittelalterlichen Preussenlandes, in: Mittelalterliche Kultur und Literatur im Deutschordensstaat in Preussen. Leben und Nachleben, hg. v. Jarosław Wenta/Sieglinde Hartmann/Gisela Vollmann-Profe (Sacra Bella Septentrionalia 1). Thorn 2008, S. 369-392.


Materialien zu den Arbeitskomplexen (Überlieferung, Ausgaben, Digitalisate, Forschungsliteratur)

Sitzung 2

  • Annolied und Kaiserchronik

Sitzung 3
  • Übersichtsliteratur und Ausgaben:
    • Ulrich von Liechtenstein. Leben - Zeit - Werk - Forschung, hg. von Sandra Linden und Christopher Young (De Gruyter Lexikon), Berlin/New York 2010.
    • Christopher Young (Hg.), Ulrich von Liechtenstein, Das Frauenbuch. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übersetzt und kommentiert von Chr. Y., (Reclams Universal-Bibliothek 18290), Stuttgart 2003.
    • Franz Viktor Spechtler (Hg.), Ulrich von Liechtenstein, Frauendienst (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 485), Göppingen 1987.
    • Ursula Peters (Hg.), Ulrich von Lichtenstein, Frauendienst ('Jugendgeschichte'). In Abbildungen aus dem Münchner Cod. germ. 44 und der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Litterae 17), Göppingen 1973.
  • Übersichtsliteratur und Ausgaben:
    • Lothar Voetz, Codex Manesse. Die berühmteste Liederhandschrift des Mittelalters, Darmstadt 2015.
    • Hartmut Bleumer, "Codex Manesse". Ein Buch zwischen Sang und Geschichte, in: Codex im Diskurs, hg. von Thomas Haye und Johannes Helmrath unter Mitwirkung von Ulrike Michalczik (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 25), Wiesbaden 2014, S. 119-141.
    • Der Codex Manesse und die Entdeckung der Liebe. Eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Heidelberg, des Instituts für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde sowie des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg zum 625. Universitätsjubiläum, hg. von Maria Effinger, Carla Meyer und Christian Schneider unter Mitarbeit von Andrea Briechle, Margit Krenn und Karin Zimmermann (Schriften der Universitätsbibliothek Heidelberg 11), Heidelberg 2010.
    • Die 'Jenaer Liederhandschrift'. Codex - Geschichte - Umfeld, hg. von Jens Haustein und Franz Körndle, Berlin/New York 2010.
    • Hellmut Salowsky, Codex Manesse. Beobachtungen zur zeitlichen Abfolge der Niederschrift des Grundstocks, in: ZfdA 122 (1993), S. 251-270.
    • Rudolf Gamper, Der Zürcher Richtebrief von 1301/1304. Eine Abschrift im Auftrag von Rüdiger Manesse, in: Zentralbibliothek Zürich. Alte und neue Schätze, hg. von Alfred Cattani, Michael Kotrba und Agnes Rutz, Zürich 1993, S. 18-21, 147-151.
    • Claudia Brinker und Dione Flühler-Kreis (Hg.), edele frouwen - schoene man. Die Manessische Liederhandschrift in Zürich. Ausstellungskatalog. Schweizerisches Landesmuseum Zürich, Zürich 1991.
    • Codex Manesse. Katalog zur Ausstellung vom 12. Juni bis 4. September 1988, Universitätsbibliothek Heidelberg, hg. von Elmar Mittler und Wilfried Werner, Heidelberg 1988.
    • Codex Manesse. Die große Heidelberger Liederhandschrift. Faksimile-Ausgabe des Codex Pal. Germ. 848 der Universitätsbibliothek Heidelberg. Interimstexte von Ingo F. Walther. Frankfurt a.M. 1975-79.
    • Helmut Tervooren und Ulrich Müller (Hg.), Die Jenaer Liederhandschrift in Abbildung. Anhang: Die Basler und Wolfenbüttler Fragmente (Litterae 10), Göppingen 1972.



Sitzung 4
Arbeitssitzungen
  • 24./25. Februar 2017
  • 24./25. März 2017
  • 28./29. April 2017
  • 19./20. Mai 2017


Allgemeine Hilfsmittel

Überlieferung
Wörterbücher etc.
Literaturdatenbanken
Editionen/Textausgaben


Zeitschrift für deutsches Altertum (ZfdA)
Mittelalter in literaturkritik.de

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