START SUCHE HOME


 

Quellen zur Studieneinheit 5: "Mythologie und Utopie"

 

Quelle 1: Lukrez: De natura rerum, 5.737-740

It ver et Venus, et Veneris praenuntius ante
pennatus graditur, Zephiri vestigia propter
Flora quibus mater praespargens ante viai
cuncta coloribis egregiis et odoribus opplet.
Frühling und Venus kommen und vor ihnen schreitet der Venus
flügeltragender Herold, und nahe den Spuren des Zephirs
streut ihnen Flora, die Mutter, vorher das Ganze des Weges
und erfüllt es mit auserlesenen Farben und Düften.

Ebd., 1.18-23:

[...] frondiferasque domos avium camposque virentis
omnibus incutiens blandum per per pectora amorem
efficis ut cupide generatim saecla propagent:
quae quoniam rerum naturam sola gubernas
nec sine te quicquam dias in luminis oras
exoritur neque fit laetum neque amabile quicquam [...]
[...] durch der Vögel belaubtes Heim und grünende Fluren
schüttest du allen ins Herz die sanft erregende Liebe,
wirkst, daß sie voll Begier nach Arten die Rassen vermehren -
da du also allein die Natur der Dinge regierest,
ohne dich nichts entspringt in des Lichtes göttliche Reiche,
nichts auch üppig gedeiht, nichts Liebenswertes hervortritt [...]

Auszug der Quelle aus: zitiert nach Titus Lukretius Carus, De rerum natura/ Welt aus Atomen, übers. v. K. Büchner, Stuttgart 1973, S. 405-407 und 8-10
 

Quelle 2: Horaz, Oden, 1.30

O Venus, regina Cnidi Paphique
Sperne dilectam Cypron et vocantis
Ture te multo Glycerae decorem Transfer in aedem.
Fervidus tecum puer et solutis
Gratiae zonis properentque Nymphae
Et parum comis sine te Juventas Mercuriusque.

Venus, die in Cnidus du thronst und in Paphus,
laß dein liebes Zypern und komm zum schmucken
Tempel meiner Glycera, die dich ruft, mit
reichlichem Weihrauch!
Mit dir [Venus] seien Amor, der hitz'ge Knabe,
Grazien im gelösten Gewand, die Nymphen
und die Jugend, die nur mit dir erst Reiz hat,
eile Merkur nach!

Auszug der Quelle aus: zitiert nach Horaz, Werke in einem Band, übers. v. M. Simon, Berlin/ Weimar 1990, S. 29
Quelle 3: Vergil, Aeneis, 4.242-246
Tum virgam capit; hac animas ille evocat Orco
pallentes, alias sub Tartara tristia mittit,
dat somnos adimitque et lumina morte resignat.
Illa fretus agit ventos et turbida tranat
nubila [...]

Dann ergreift der den Stab, womit aus dem Orkus die bleichen
Schatten er ruft und andere zum traurigen Tartarus sendet,
Schlummer nimmt und verleiht, aus dem Tod noch das Leben zurückruft.
Fassend den Stab, zerteilt er die Winde und schwebt durch die trüben
Nebel; [...]

(in der Übersetzung von Johannes Götte, Vergil, Aeneis, Zürich und München 1988, S. 101:)

[...] dann nimmt er die Rute,
Bleiche Seelen ruft er mit ihr empor aus dem Orkus,
Andere schickt er mit ihr hinab in des Tartarus Grauen,
Schenkt und nimmt den Schlaf, entsiegelt vom Tode die Augen.
Ihr vertrauend lenkt er die Winde und schwimmt durch trübe
Wolken. [...]


Auszug der Quelle aus: zitiert nach Vergil, Aeneis, übers. v. W. Plankl, Stuttgart 1976, S. 90-91
Quelle 4: Ovid, Fasten, 5.193-214, zum 2. Mai:

Sic ego, sic nostris respondit diva rogatis
dum loquitur, vernas efflat ab ore rosas.
Chloris eram, quae Flora vocor: corrupta Latino
nominis est nostri littera Graeca sono.
Chloris eram, nymphe campi felicis, ubi audis
rem fortunatis ante fuisse viris.
quae fuerit mihi forma, grave est narrare modestae
sed generum matri repperit illa deum.
ver erat, errabam: Zephirus conspexit, abibam.
Insequitur, fugio: fortior ille fuit,
[...]

vim tamen emendat dando mihi nomina nuptae,
inque meo non est ulla querella toro.
vere fruor semper: semper nitidissimus annus,
arbor habet frondes, pabula semper humus.
est mihi fecundus dotalibus hortus in agris:
aura fovet, liquidae fonte rigatur aquae.
hunc meus implevit generoso flore maritus
atque ait: `arbitrium tu, dea, floris habe.'
saepe ego digestos volui numerare colores
nec potui: numero copia maior erat.

So antwortete die Göttin auf meine Bitten -
während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Munde -:
Chloris war ich, die ich [jetzt] Flora genannt werde.
Verderbt ist durch die lateinische Aussprache der griechische Buchstabe meines Namens.
Chloris war ich, eine Nymphe der glücklichen Feldflur, wo, wie du hörst, die beglückten Menschen früher ihren Besitz gehabt haben.
Welche Schönheit ich gehabt habe, [das] zu erzählen ist für mich bei meiner Bescheidenheit schwer;
Indessen fand sie für Mutter einen Gott als Eidam.
Es war Frühling, ich irrte umher: Zephirus erblickte mich, ich ging weg. Er folgte, ich fliehe, jener war stärker. [...]
Die Gewalttat dennoch machte er wieder gut dadurch, daß er mir den Namen der Verheirateten [Gattin] gab, und in meiner Ehe gibt es [für mich] keinen Grund zur Klage.
Stets genieße ich den Frühling, stets ist üppig blühend die Jahres[zeit], die Bäume haben Laub und Nahrung stets der Erdboden.
Auf meinen zur Mitgift gehörigen Äckern [Landgut] habe ich einen fruchtbaren Garten:
die Luft wärmt [ihn], von einer Quelle hellen Wassers wird er benetzt.
Ihn füllte mein Gatte mit edlen Blumen an und sagte: `Habe du, o Göttin, die Entscheidung über die Blumen.'
Oft wollte ich die Farben ordnen und zählen, aber ich konnte [es] nicht: die Menge war größer als die Zahl.

Auszug der Quelle aus: zitiert nach Ovid, Fasten, übers. v. W. Richter, Hollfeld (Oberfr.) o. J., S. 13-15
Quelle 5: Seneca, De beneficiis, 1.3.2-7

Quorum quae uis quaeue proprietas sit, dicam, si prius illa, quae ad rem not pertinent, transilire mihi permiseris, quare tres Gratiae et quare sorores sint, et quare manibus implexis, et quare ridentes et iuuenes et uirgines solutaque ac perlucida ueste. Alii quidem uideri uolunt unam esse, quae det beneficium, alteram, quae accipiat, tertiam quae reddat; alii tria beneficorum esse genera promerentium, reddentium, simul accipientium reddentiumque. Sed utrumlibet ex istis iudica verum: quid ista nos scientia iuuat? Quid ille consertis manibus in se redeuntium chorus? Ob hoc, quia ordo beneficii per manus transeuntis nihilo minus ad dantem reuertitur et totius speciem perdit, si usquam interruptus est, pulcherrimus, si cohaeret interim et uices seruat. In eo est aliqua tamen maioris dignatio sicut promerentium. Vultus hilari sunt, qualis solent esse, qui dant uel accipiunt beneficia; iuuenes, quia non debet beneficiorum memoria senescere; uirgines, quia incorrupta sunt et sincera et omnibus sancta; in quibus nihil esse alligati decet nec adstricti: solutis itaque tunicis utuntur; perlucidis autem, quia beneficia conspici uolunt.
[...] Ergo et Mercurius una stat, non quia beneficia ratio conmendat uel oratio, sed quia pictori ita uisum est.
Der Wohltaten Kraft und Eigenart werde ich beschreiben, wenn du mir zuvor das, was nicht zur Sache gehört, zu überspringen gestattest - warum es drei Grazien gibt und sie Schwestern sind, warum sie einander an den Händen fassen, warum sie lachen, junge Männer und Jungfrauen, und ihr Gewand gelöst und durchsichtig ist. Die einen wollen, man glaube, eine sei es, die die Wohltat erweist, eine zweite, die sie entgegennimmt, eine dritte, die sie erwidert, andere, es gebe drei Arten von Wohltaten: sich ein Verdienst zu erwerben, eine Wohltat zu erwidern, eine Wohltat zugleich entgegenzunehmen und zu erwidern. Doch halte du davon, was du willst, für wahr: was hilft uns diese Kenntnis? Was jener Reigen der mit angefaßten Händen im Kreistanz sich bewegenden Grazien? Deswegen, weil die Reihenfolge der Wohltat, wenn sie von Hand zu Hand geht, dennoch wieder zum Gebenden zurückkehrt und es den Anblick des Ganzen verdirbt, wenn sie an irgendeiner Stelle unterbrochen worden ist - in höchstem Grade schön, wenn sie den Zusammenhang wahrt und die Rollen im Wechsel einhält. In dieser Gruppe besteht dennoch eine Anerkennung des Wichtigeren, z. B. derer, die sich ein Verdienst erwerben. Die Mienen sind heiter, wie sie zu sein pflegen, wenn man Wohltaten erweist oder entgegennimmt; junge Männer sind es, weil man in der Erinnerung an Wohltaten nicht altern darf, Jungfrauen, weil sie unberührt sind, unversehrt und für alle verehrungswürdig; an ihnen, so gehört es sich, gibt es nichts Gebundenes noch Erstarrtes: daher tragen sie gelöste Gewänder; durchsichtige aber, weil sie die Wohltaten sehen lassen wollen. [...] Also steht auch Mercurius als eine Grazie da, nicht weil der Verstand zu Wohltaten rät oder die Rede, sondern weil es dem Maler so richtig schien.

Auszug der Quelle aus:zitiert nach L. Annaeus Seneca, Philosophische Schriften, V, übers. v. M. Rosenbach, Darmstadt 1989, S. 106-109

Quelle 6: Leon Battista Alberti, Della pittura, (andere Ausgabe)Buch 2, § 45

Dilettano nei capelli, nei crini, ne' rami, frondi et veste vedere qualche movimento; Quanto certo ad me piace nei capelli vedere quale io dissi sette movimenti: volgansi in uno giro quasi volendo anodarsi et ondeggino in aria simile alle fiamme, parte quasi come serpi si tessano fra li altri, parte crescendo in quà et parte in là. Cosi i rami ora in alto si torcano, ora in giù, ora in fuori, ora in dentro, parte si contorcano come funi. A medesimo ancora le pieghe facciano; et nascano le pieghe come al troncho dell'albero i suoi rami. In queste adunque si seguano tutti i movimenti tale che parte niuna del panno sia senza vacuo movimemto. Ma siano, quanto spesso ricordo i movimenti moderati et dolci, piu tosto quali porgano gratia ad chi miri, che meraviglia di faticha alcuna. Ma dove così vogliamo ad i panni suoi movimenti sendo i panni di natura gravi et continuo cadendo a terra, per questo starà bene in la pictura porvi la faccia del vento Zeffiro o Austro che soffi fra le nuvole onde i panni ventoleggino. Et quinci verrà ad quella gratia, che i corpi da questa parte percossi dal vento sotto i panni in buona parte mostreranno il nudo, dall'altra parte i panni gettati dal vento dolce voleranno per aria [...].
Es gefällt, im Haare der Menschen und der Tiere, in den Zweigen, im Laub, in der Gewandung eine gewisse Bewegung zu sehen. Ich sicherlich wünsche in den Haaren jene von mir genannten sieben Arten von Bewegungen wahrzunehmen. Sie mögen sich im Kreise drehen, als wollten sie sich verknüpfen; oder in der Luft wallen, ähnlich den Flammen, oder sich untereinander verschlingen gleich den Flammen, oder sich emporsträuben nach dieser oder jener Richtung. Ingleichen mögen die Zweige bald bogenförmig nach der Höhe sich wölben, bald sich herabbeugen, bald nach innen, bald nach auswärts sich kehren, bald wie Seile sich miteinander verflechten. Auf dieselbe Weise verfahre man bei der Drappierung; wie vom Baumstamme aus die Äste, so mögen die Falten sich verbreiten. So bringe man denn auch also hier alle Bewegungen zur Erscheinung, so daß auch nicht der kleinste Teil der Gewandung derselben entbehre. Doch, wie ich immer wieder ermahne, es seien die Bewegungen maßvoll und lieblich, derart, daß sie bei dem Beschauer viel mehr Wohlgefallen als Anstaunen der dabei aufgewendten Mühe hervorrufen. Ist aber solche Bewegung erwünscht, so wird bei dem Umstande, daß die Gewandung in Folge ihrer natürlichen Schwere beständig erdwärts fällt, es gut sein, auf dem Bild den Kopf der Zephirus oder Auster anzubringen, wie er durch Wolken hindurchbläst, wodurch dann die Gewänder in Bewegung kommen. Dabei wird man auch noch dies gewinnen, daß die Körper auf der Seite, wo die Gewandung vom Winde getroffen und emporgehoben wird, sich zum guten Teil nackt zeigen werden, wohingegen auf der anderen Seite die vom Winde erfaßten Gewänder anmutig durch die Luft flattern werden [...]
Ebd., Buch 3, § 54:
Piacerebbe ancora vedere quelle tre sorelle, a quali Hesiodo pose nome Eglie, Heufronesis et Thalia, quali si dipignievano prese fra loro l'una l'altra per mano, ridendo, con la vesta scinta et ben monda; per quali volea s'intendesse la liberalità, chè una di queste sorelle dà, l'altra riceve, la terza rende il beneficio, quali gradi debbano in ogni perfetta liberalità essere.
Ein gleichfalls gefälliger Anblick wären jene drei Schwestern, welchen Hesiod die Namen Euphosyne, Aglaja und Thalia gab, und die man malte, einander an den Händen haltend, lächelnd, in ungegürtetem und durchsichtigem Gewande; es sollte mit ihnen die Wohltätigkeit (liberalità) dargestellt werden, indem die eine dieser Schwestern spendet, die andere empfängt, die dritte die Wohltat vergilt, welche drei Momente in jeder vollkommenen (Allegorie) der Wohltätigkeit (liberalità) vorhanden sein müssen.

Auszug der Quelle aus:hier zitiert nach Leon Battista Alberti, Kleine kunsttheoretische Schriften [Della pittura/ De statua], hrsg. und übers. v. H. Janitschek, Wien 1877, S. 128-130, und S. 146-147