Die "Neue Zeit" war das theoretische Organ der Sozialdemokratischen Partei. Durch die Mitarbeit Franz Mehringsmehr... wurde sie zu einem der wichtigsten literaturkritischen Medien im Wilhelminischen Reich. Die "Neue Zeit" vertrat die Richtung des konsequenten Marxismus. 1883 von Karl Kautsky (1854-1838) gegründet, waren ihre politischen Möglichkeiten in den Anfangsjahren, die in die Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890) fielen1, stark eingeschränkt. Gerade in dieser Zeit der Selbstzensur fiel dem literaturkritischen Teil der Zeitschrift eine politische Funktion zu. Erst nach dem Wegfall des Sozialistengesetzes 1890 konnte es zu einer stärkeren funktionalen Differenzierung von politischem und feuilletonistischem Teil der Zeitschrift kommen.

Die sozialdemokratische bzw. sozialistische Literaturkritikmehr..., wie sie in der "Neuen Zeit" praktiziert wurde, bestand im Wesentlichen darin, des Inhalt eines Werkes, vor allem der bürgerlichen Literatur, vor dem Hintergrund der marxistischen Gesellschafts- und Geschichtstheorie zu prüfen. Die formalen Aspekte eines literarischen Textes wurden dagegen entweder vernachlässigt oder gesondert von der inhaltlichen Auseinandersetzung behandelt, was, z. B. in der literaturkritischen Praxis Franz Mehrings, mitunter zu Widersprüchen in der Wertung führte.

Besonderes Augenmerk galt der Darstellung der Arbeiterklasse. Wichtige literaturkritische Debatten, wie sie im Umkreis der Sozialdemokratie und auch in der "Neuen Zeit" geführt wurden, waren z. B. die "Naturalismus-Debatte" (1891-1896), die "Schiller-Debatte" (1905) oder die Debatte um die so genannte "Tendenzkunst" (1910-1912). Neben Franz Mehring, der von 1908 bis 1913 die monatliche Feuilletonbeilage verantwortete, gehörten zu den wichtigsten literaturkritischen Mitarbeitern der Zeitschrift Wilhelm Blos, Julie Zadek, Gustav Landauer, Paul Ernst, Karl Korn und Rosa Luxemburg.