Die schon erwähnte enge Kooperation der Zeitschrift mit dem Verlag Samuel Fischers stellte für die literaturkritische Praxis ein seinerzeit offenbar nur wenig reflektiertes Problem dar. Der Glaubwürdigkeit der Literaturkritik war es jedenfalls nicht zuträglich, dass Autoren des S. Fischer Verlags alle wichtigen Neuerscheinungen des S. Fischer Verlags, die in der "Neuen Rundschau" zuvor womöglich noch in Fortsetzungen als Vorabdruck erschienen waren, besprachen. Zumindest von ihrem Anspruch her wollte die Zeitschrift keineswegs nur eine Art Werbemagazin des Verlags sein, die Praxis freilich sah dagegen häufig anders aus.

Dabei wurde eine "Cliquenwirtschaft", ein sich gegenseitiges "Hochjubeln", bereits der "Freien Bühne" zur Last gelegt. Die sozialdemokratische Zeitschrift "Neue Zeit"mehr... lästerte "Herr Wilhelm Bölsche feierte Herrn Julius Hart, Herr Julius Hart feierte Herrn Bruno Wille, Herr Bruno Wille feierte Herrn Heinrich Hart, und Herr Heinrich Hart feierte Herrn Wilhelm Bölsche. Die Leser der Freien Bühne konnten sich alle Abende schlafen legen in dem beruhigenden Bewußtsein: Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!" (Zit. n. Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 474) Und Peter de Mendelssohn, Autor einer umfangreichen Verlagsgeschichte, kommentiert: "Überblickte man dieses Jahrzehnt der 'Neuen Rundschau' von 1904 bis 1914, so konnte man wohl den Eindruck gewinnen, daß in der Buchkritik 'einer über den anderen' schrieb: Heimann über Hauptmann, Wassermann, Steht und Strauß; Wassermann über Hofmannsthal und Schnitzler; Salten über Schnitzler und Wassermann; Schaffner über Loerke und Hesse; Loerke über Schaffner, Heimann und Hauptmann; Kyser über Loerke; Jensen über Nansen; Holitscher über Kellermann; Bang über Keyserling und Poppenberg über alle und jeden, von Hofmannsthal bis Norbert Jacques, von Bang bis Dehmel bis Hollaender." (Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 474)

Einen Blick hinter die Kulissen der literaturkritischen Praxis lässt dabei der Briefwechsel Samuel Fischers mit Arthur Schnitzler zu. Dieser machte sich 1908 anlässlich des Erscheinens seines Romans "Der Weg ins Freie" Sorgen: "Ich möchte Sie auch gleich heute fragen, wer in der Neuen Rundschau über den Roman schreiben wird. [...] Es läge mir viel daran, daß mit dieser Aufgabe nicht etwa ein Kritiker betraut werde, der 'auch' dichtet, sondern ich möchte, daß sich über dieses Buch entweder ein Kritiker von Beruf oder ein Dichter von Rang vernehmen läßt ... Sie begreifen, daß mir viel daran liegt, gerade in der Neuen Rundschau von jemandem besprochen zu werden, der nicht etwa 'wohlwollend' wäre, aber wenigstens von einem, der überhaupt 'will'." (Zit. n. Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 473) Der seinem Autor wohlgesinnte Verleger antwortete: "Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie einen Rezensenten selber vorschlagen würden. Die litterarische Buchkritik liegt augenblicklich sehr darnieder; es wird von allen Seiten auf diesem Gebiet herumdilettiert. Die paar Leute, die wirklich etwas verstehen, schreiben meist über's Theater. Wenn ich daran denke, wem man die Besprechung über Ihr Buch übergeben könnte, so scheint mir Kerr der Geeignetste. Ich bezweifle aber, ob er die Sache übernehmen würde. Wie denken Sie über Handl oder Polgar, über Salten oder Fred? Bei uns kämen eventuell Eloesser, Poppenberg, Paul Wiegler in Betracht. Sehr geeignet schiene mir Bahr oder Salten. Auch an Herman Bang wäre zu denken; ich fürchte aber, daß er dem Milieu Ihres Romans etwas fremd gegenübersteht." (Zit. n. Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 474)

In einem Medium, bei dem sich die Autoren ihre Literaturkritiker selber aussuchen konnten, spielte natürlich die PR-Funktion der Kritik eine wichtige Rolle. Dabei war es in der "Neuen Rundschau" auch durchaus üblich, dass Neuerscheinungen von Mitarbeitern besprochen wurden, mitunter im selben Heft, in dem von diesem Mitarbeiter ebenfalls ein literaturkritischer Beitrag erschien. So besprach 1914 Ernst Heilborn eine im S. Fischer Verlag erschienene Novellensammlung von Moritz Heimann, der nicht nur Lektor des S. Fischer Verlags war, sondern auch Beiträger der "Neuen Rundschau" und nur drei Seiten vor dieser Besprechung selbst eine Rezension veröffentlicht hatte (vgl. Die Neue Rundschau, 25. Jg. 1914, S. 442f. u. 445ff.)