Gegenüber den in der Zeitschrift veröffentlichten literarischen und essayistischen Beiträgen waren die literaturkritischen Artikel quantitativ gesehen eher gering. Dies beklagte auch der Verleger gegenüber seinem Autor Schnitzler: "Sie werden finden, daß der literarisch-kritische Teil unserer Zeitschrift nicht ihren stärksten Wert heute ausmacht, was daran liegt, daß wir an einem auffallenden Mangel an wertvollen kritischen Kräften laborieren." (Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 473)

Die literaturkritische Praxis fand zum einen im Mittelteil der Zeitschrift statt in Form längerer problemorientierter Essays, Autorenporträts und Sammelbesprechungen. Unter dem Titel "Neue Bücher"mehr... oder "Literarische Chronik" steuerten z. B. Arthur Eloesser, Jakob Schaffner oder Robert Musilmehr... umfangreiche Sammelrezensionen bei, in denen 5-10 Neuerscheinungen behandelt wurden. Die Rubrik "Neue Bücher" erschien erstmals 1895 und sollte den Charakter einer bibliographischen Übersicht haben.

Zum anderen fand die Literaturkritik der "Neuen Rundschau" vor allem in einer zweispaltig und in einem kleineren Schriftsatz gesetzten "Rundschau" statt (später: "Anmerkungen"), mit der jedes Heft schloss. Diese "Rundschau" hatte einen Umfang von 10-12 Seiten (bei 128 Seiten Gesamtumfang pro Heft); pro Ausgabe erschienen in ihr ca. 6-8 kürzere Rezensionen, Glossen, Betrachtungen und Feuilletons. Die Rezensionen beschäftigten sich mit Theaterstücken sowie mit Neuerscheinungen der in- und ausländischen Literatur, aber auch mit Novitäten der Philosophie, Psychologie, Ästhetik, Soziologie, Nationalökonomie usw. Die Beiträge waren namentlich gezeichnet; gelegentlich unter Verwendung von Initialen (z.B. "O.B." für Oscar Bie, "A.G." für Alfred Gold oder "K." für Alfred Kerr).

Die Untersuchung eines zufällig ausgewählten Jahrganges (1906) ergab dabei folgende Ergebnisse: Kritische Beiträge lieferten in diesem Jahr: Oscar Bie, Arthur Eloesser, Tobias Fischer, Alfred Gold, Moritz Heimann, Willy Hellpach, Karl Jentsch, Elley Key, Eduard von Keyserling, Franz Oppenheimer, Felix Poppenberg, Kurt Singer, Julie Speyer, Albrecht Wirth. Bei 1536 Seiten Gesamtumfang dieses Jahrganges beträgt der quantitative Anteil der Kritik hierbei ca. 5 Prozent (78 Seiten). Nur 38 der 78 Seiten enthielten jedoch literatur- und theaterkritische Beiträge, der Rest beschäftigte sich mit Neuerscheinungen der Politik, Sozial-, Natur- und Musikwissenschaft, der Philosophie, Psychologie und Theologie. Der Stil der Rezensionen ist, typisch für die impressionistische Literaturkritikmehr..., literaturähnlich-kontemplativ und von einem hypotaktischen Satzbau geprägt. Die Differenz von Objekttext (der besprochene literarische Text) und Metatext (der besprechende literaturkritische Text) wurde in vielen Fällen tendenziell eingeebnet.

Die Titel der Rezensionen sind in der Regel kurz; gelegentlich sind sie identisch mit dem Titel des rezensierten Buches (z.B. Alfred Kerrs Rezension "Das Blumenboot" nach dem gleichnamigen Stück Hermann Sudermanns); manchmal handelt es sich eher um nichtssagende "Notüberschriften" (z.B. "Zwei Anmerkungen"). Da viele der Rezensionen mit einer ausführlichen, aus heutiger Sicht umständlichen Einleitung beginnen, wird beim Lesen der "Rundschau"-Texte oft erst im Lauf der Lektüre klar, ob es sich bei dem Text um eine feuilletonistische Betrachtung zu einem kulturellen Thema handelt oder um einen literaturkritischen Beitrag. Nur bei Rezensionen, die die bibliographischen Angaben des rezensierten Buches als Fußnote wiedergeben, wird dies für den Leser auf den ersten Blick deutlich. Einige exemplarisch ausgewählte Rezensionen des Jahrganges 1906 finden sich unter den Textbeispielen.