Die "Freie Bühne" entstand im Umkreis der naturalistischen Literaturbewegung. Doch wies bereits die von ihrem ersten Herausgeber, Otto Brahm, verfasste programmatische Einleitung in ihren Zielen über den Naturalismus hinaus. So forderte Brahm zwar, typisch für die Jüngstdeutschen, "Wahrheit" in der Literatur, aber auch im gesellschaftlichen Leben: "Der Bannerspruch der neuen Kunst, mit goldenen Lettern von den führenden Geistern aufgezeichnet, ist das eine Wort: Wahrheit; und Wahrheit, Wahrheit auf jedem Lebenspfade ist es, die auch wir erstreben und fordern." (Brahm, Zum Beginn, S. 1) Doch ging es Brahm nicht um die objektiv-positivistischen Erkenntnisse der aufstrebenden Naturwissenschaften: "Nicht die objective Wahrheit, die dem Kämpfenden entgeht, sondern die individuelle Wahrheit, welche aus der innersten Ueberzeugung frei geschöpft ist und frei ausgesprochen: die Wahrheit des unabhängigen Geistes" (ebd.), war es, der die Zeitschrift eine Plattform bieten wollte.

Neben der subjektiven Wahrheit freier Geister war es vor allem das schöpferische, fortwährend Neues zeugende Leben, das Brahm in seiner Einleitung beschwor. Aus ihm leitete er die entsprechenden Werte ab, die bewusst über den Naturalismus hinauswiesen und sich programmatisch für noch nicht absehbare kommende Kunstrichtungen und Literaturströmungen offen hielten: "Wir schwören auf keine Formel und wollen nicht wagen, was in ewiger Bewegung ist, Leben und Kunst, an starren Zwang der Regel anzuketten. Dem Werdenden gilt unser Streben, und aufmerksamer richtet sich der Blick auf das, was kommen will [...]. Die moderne Kunst, wo sie ihre lebensvollsten Triebe ansetzt, hat auf dem Boden des Naturalismus Wurzel geschlagen. [...] Dem Naturalismus Freund, wollen wir eine gute Strecke Weges mit ihm schreiten, allein es soll uns nicht erstaunen, wenn im Verlauf der Wanderschaft, an einem Punkt, den wir heute noch nicht überschauen, die Straße plötzlich sich biegt und überraschende neue Blicke auf Kunst und Leben sich aufthun. Denn an keine Formel, auch an die jüngste nicht, ist die unendliche Entwickelung menschlicher Cultur gebunden; und in dieser Zuversicht, im Glauben an das ewig Werdende, haben wir eine freie Bühne aufgeschlagen, für das moderne Leben." (Ebd., S. 2) Kein Wunder, dass die Zeitschrift in den folgenden Jahren gerade Autoren aus dem Umkreis von Impressionismus, Lebensphilosophie und Lebensreform, Jugendstil usw. eine bedeutende Plattform bot.

Diesem, den Prinzipien der Offenheit und der fortwährenden Innovation verpflichteten Programm, blieb die Zeitschrift auch unter ihren späteren Herausgebern treu. Oscar Bie, unter dessen jahrzehntelanger Leitung die Zeitschrift nach 1900 zur führenden Kulturzeitschrift der literarischen Moderne avancierte, bestätigte ebenfalls im Rückblick auf die Geschichte der Zeitschrift das von seinem Vorgänger Brahm vorgegebene Programm: "Schon am Schluß der Vorrede des ersten 'Freie Bühne'-Heftes hatte sich diese Zeitschrift keineswegs verschworen, nur dem Naturalismus zu dienen, wenn die Zeiten einmal über ihn hinweg und zu neuen Formen führen sollten. Es galt, das Alte, mit dem wir groß geworden waren, nicht zu verachten und das Neue, das vielleicht den Keim der Zukunft in sich trug, rechtzeitig zu beobachten. Man mußte sich von einem festen Prinzip, von einer bestimmten Richtung genau so losmachen, wie es die Sezession in der Malerei tat. Man mußte also allen Werdenden die Tür öffnen und nur ein einziges Judizium zulassen: die Reife. Den Beweis, daß damals die Aufgabe der Zeitschrift in dieser Hinsicht richtig erfasst und gut organisiert war, erbrachte das steigende Interesse der Leser und die schnell wachsende Zahl der Abonnenten." (Zit. n. Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 444)

Und noch vier Jahrzehnte später sagte der Verleger S. Fischer: "Ich bekenne mich noch heute zu der Programmerklärung des ersten Heftes unserer Zeitschrift." (Zit. n. Mendelssohn, Die Geschichte der 'Neuen Rundschau', S. 602) Für Fischer, jahrzehntelang der wohl bedeutendste Verleger der literarischen Moderne im deutschsprachigen Raum, war die ästhetische Innovation ein Geschäftsprinzip: "Dem Publikum neue Werte aufzudrängen, die es nicht will, ist die wichtigste und schönste Mission des Verlegers." (Zit. n. Mendelssohn, S. Fischer und sein Verlag, S. 5) Entsprechend folgten Zeitschrift und Verlag den sich rasch einander ablösenden ästhetischen Strömungen, ohne dabei ihr von Beginn an typisches Profil eines eher kontemplativ als polemisch-scharf ausgerichteten Organs zu verlieren: "Die Zeitschrift begann mit dem Naturalismus; sie hielt es am Lebensende des Verlegers mit der Neuen Sachlichkeit; dazwischen lagen die Wegstrecken der Neuromantik und des Expressionismus." (Mendelssohn, Geschichte der Neuen Rundschau, S. 602)

Liest man, was die heutigen Herausgeber der Zeitschrift im Jahr 2002 als Programm auf ihrer Verlagshomepage ausweisen, so zeigt sich, dass es sich im Wesentlichen noch um das von Otto Brahm vorgegebene handelt. Kontemplativ und reflexionsstimulierend in seiner Haltung, will das Medium noch immer eine "Freie Bühne" für Neues und Aktuelles aus Literatur, Kunst, Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft sein, ohne sich einer bestimmten Richtung allein zu verschreiben: "Ziel der Zeitschrift soll es sein, Zusammenhänge im kulturellen Leben sichtbar zu machen und sie, wo nötig, herzustellen. Sie soll dazu beitragen, die in einem häufig atemlosen Kulturbetrieb leicht zu übersehenden Verbindungslinien zwischen den Künsten und den Wissenschaften ins Bewußtsein zu heben. Wir wollen versuchen, zeitgenössische Essays und zeitgenössische Literatur, Theorie wie poetische Praxis so miteinander ins Gespräch zu bringen, daß sich beides gegenseitig erhellt und kommentiert." (http://www.s-fischer.de/sfischer/nr/nr_portr.htmexternes Material Funddatum 15.5.2002)