Für die Autoren der "Gesellschaft" war die Literaturkritik eine Waffe in ihrem Kampf gegen die Gründerzeitliteratur, -kritik und -gesellschaft. Mit ihr sollte eine im Sinne des Realismus erneuerte deutsche Literatur durchgesetzt werden. In ihrer Selbstbeschreibung beanspruchte die "Gesellschaft" für sich das Ideal einer gerechten, sachlichen, unparteiischen Kritik: "die kritische Rechtspflege [wird] nirgends unparteiischer und gewissenhafter geübt, als in unserer 'Gesellschaft'. / Wir fordern jeden Leser auf, der in der deutschen Zeitschriftenlitteratur bewandert ist, uns ein Blatt namhaft zu machen, worin die litterarische Kritik eine umfassendere, sachlichere und redlichere Pflege findet, als bei uns. Die 'Gesellschaft' ist auch als kritisches Organ einfach ein Unikum in der gesamten deutschen und nichtdeutschen Publizistik. Die Fülle und Tüchtigkeit unseres kritischen Teils wird von keiner anderen Zeitschrift der Welt erreicht, geschweige übertroffen. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir uns anmaßen, niemals zu irren, immer und jedesmal unfehlbar das Richtige zu treffen. Aber das soll gesagt sein, daß wir hinsichtlich des besten Willens, die Kritik auf die erreichbare höchste Stufe der Gediegenheit und Zuverlässigkeit zu treiben, keinen Vergleich mit den angesehensten Kritikern der Welt scheuen." (Die Gesellschaft, 5. Jg. 1889, S. 1882)

Ihre Rolle sahen die Kritiker der "Gesellschaft" in der des Lehrers, Erziehers und Richters, der Literaturkritiker war der Vorkämpfer für eine neue, realistische Literatur. Die ästhetischen Werte, die propagiert wurden, stimmen weitgehend überein mit denen der naturalistischen Literaturkritikmehr.... So wird in vielen Rezensionen auf den Wert der "Neuheit" rekurriert: In seinem Essay "Andere Zeiten andere Lieder!"Textbeispiel, in dem Bleibtreu für eine zeitgemäß-aktuelle Lyrik eintritt, heißt es: "Wozu die Kopien! Neues, Neues - das ist die gebieterische Forderung an jeden schöpferischen Geist." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885. S. 891) Attackiert wurden Phrasen- und Schablonenhaftigkeit der Gründerzeitliteratur, die durch eine realistische, aber auch individuell-subjektive Literatur abgelöst werden sollte. In seinem Porträt über Detlev von LiliencronTextbeispiel konstatiert Johannes Schlaf: "Die Individualität polemisiert gegen die Schablone, die Afterkunst und sucht sich um jeden Preis von ihr zu befreien." (Die Gesellschaft, 3. Jg. 1887, S. 226) Die Subjektivität galt auch Karl Bleibtreu als rettender Ausweg: "In allererster Linie muß die Subjektivität entfesselt werden, um die Erstarrung in konventioneller Schablone zu brechen." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 892) Die Subjektivität sollte auch für den ersehnten "mannhaften" Realismus sorgen. Unter seinem Pseudonym "Fritz Hammer" definiert M. G. Conrad das Schlagwort der Zeit: "Realistisch ist, was den vollen Eindruck der Naturwahrheit, der Fülle, Kraft, und Eigenart des Lebens macht in energisch individualisierter Darstellung eines temperamentsvollen Schriftstellers." (Die Gesellschaft, 2. Jg. 1886, 2. Bd., S. 185)

Der Rekurs auf biologische Kategorien wie "männlich" und "weiblich" und entsprechende Geschlechterstereotype sollte zusätzlich der Abwertung der Gründerzeitliteratur und der Aufwertung der eigenen Literatur dienen, die als "tapfer", "mutig" usw. im Gegensatz zu einer "verweiblichten" Dichtung und Kritik gekennzeichnet wurde. In Karl Bleibtreus Abrechnung mit den Gegnern des "mannhaften" Zola heißt es etwa: "Und einen Mann [gemeint ist Zola], der solche Sachen geschrieben, bei denen sich jedem männlichen Manne das Herz im Leibe umkehrt, einen solchen männlichen Dichter wagt man mit gemeinen Insinnationen zu bejubeln! Pfui!" (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 470)