1902 veröffentlicht der Dramatiker Hermann Sudermann, erbittert über den Umgang der Kritik mit seinen Stücken, die Streitschrift "Verrohung in der Theaterkritik". Seine Sammlung einschlägiger Zitate von Siegfried Jacobsohn, Maximilian Harden, Kerr und anderen löst eine heftige Debatte über den Zustand der Institution aus. Sie ist symptomatisch dafür, dass sich in den 1890er Jahren ein Generationen- und Stilwechsel vollzieht: Die "professorale" Kritik der Vor-Fontane-Zeit wird nach und nach abgelöst. Gealterte Größen wie Isidor Landau, Karl Frenzel oder Paul Lindau halten an einem idealistischen Kunstbegriff fest und lehnen die "modernen" Inszenierungen ab. "Det is ja keene Kunst, det is de richtije Natur", giftet Lindau sarkastisch angesichts von Arno Holz' und Johannes Schlafs Familie Selicke (Berliner Tageblatt, 8.4.1890). Mehr Erfolg beim heterogenen Massenpublikum der kommerziellen Presse hat die sich auf Fontane berufende, unterhaltsamere, oft auch polemischere Kritik eines Theodor Wolff, Fritz Mauthner, Schlenther oder Kerr. Vor kalkulierten "Entgleisungen" haben die jungen Rezensenten beim Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit keine Hemmungen; der sich verstärkende Profilierungszwang, der die Entwicklung einer Vielzahl kritischer Modelle fördert, tut ein Übriges.

In der zunehmend theaterverrückten Reichshauptstadt, in der seit Einführung der Gewerbefreiheit immer neue Bühnen gegründet werden (um 1900 gibt es ca. 20 große) und die Kommerzialisierung des Theaterlebens immer neue Blüten treibt, spielen die Kritiker in den Feuilletons der vielen Tageszeitungen wie dem "Berliner Tageblatt", der "Nation", der "Täglichen Rundschau", dem "Tag" oder dem "Berliner Börsen-Courier" mehr und mehr die Hauptrolle. Sogar Fachaufsätze über zwei Zeitungsseiten wie Kerrs "Die Technik des realistischen Dramas" 1891 in der "Vossischen Zeitung" sind nicht ungewöhnlich, so groß ist das Interesse breiter Publikumskreise. Jedoch haben die Modernisierungsprozesse längst begonnen, auch wenn es noch keine Medienkonkurrenz gibt: Vor dem Ersten Weltkrieg ist die Zeitung das einzige Massenmedium. Viele von ihnen erscheinen in Riesenauflagen mehrmals täglich; technische Innovationen wie der Rotationsdruck machen es möglich. Die Kommerzialisierung führt zur Entstehung von Pressekonzernen wie denen August Scherls oder Rudolf Mosses sowie zu Neuerungen wie der "B.Z. am Mittag" aus dem Hause Leopold Ullsteins. Mit ihr entsteht 1904 ein neuer Zeitungstyp, der sich im Straßenverkauf seine Leser täglich neu erkämpfen muss. Knapp gehalten und flotter geschrieben sind die Theaterbesprechungen von B.Z.-Kritikern wie Norbert Falk und Paul Wiegler. Das Bemühen, aktueller als die Konkurrenz zu sein, sowie die Einführung des Telegraphendienstes führen zur Praxis der unmittelbar nach der Aufführung geschriebenen und schon am nächsten Morgen gedruckten "Nachtkritik". Vertreter der älteren Kritikergeneration bekämpfen sie als unseriös. Pragmatisch sieht dagegen Alfred Kerr die neue Praxis: "Eine Kritik, fünfzig Minuten nach Aufführung zu Papier gebracht, gibt den Eindruck, den jemand fünfzig Minuten nach der Aufführung hat. Ist das unberechtigt?" (Kritik der Kritik, 1 Jg. 1905/06, S. 16)

Die Literaturkritik erscheint im Feuilleton "unterm Strich" oder bereits in eigenen Beilagen wie dem 1904 erstmals erscheinenden "Literaturblatt" der "Frankfurter Zeitung". Von dieser Qualitätszeitung sind Zahlen überliefert, die das rasche Wachsen von Buchmarkt und Kritik vor dem Ersten Weltkrieg belegen: So steigt die Zahl der bei der Redaktion eingegangenen Bücher von 682 (im Jahr 1875) über 2280 (1895) auf 5290 (1913); besprochen werden davon 175 bzw. 473 bzw. 1129 (Geschichte der Frankfurter Zeitung, Frankfurt am Main 1911, S. 1024). Ingesamt erhöht sich die Buchproduktion von 1875 bis 1910 von 12 843 auf 30 317 jährliche Neuerscheinungen (Moufang 1921, S. 19)

Metakritische Reflexionen, zu denen es nach 1900 immer wieder kommt und für die 1905 sogar eine eigene Zeitschrift ("Kritik der Kritik") gegründet wird, beklagen das mangelnde Niveau vieler Besprechungen, das häufig auf das notorisch niedrige Honorar zurückgeführt wird. 1914 moniert J. M. Schoenthal im Börsenblatt, dass die Verleger ihren Rezensenten mit 10-15 Pfennig ein geringeres Zeilenhonorar zahlen als den Feuilletonisten für ihre beim Publikum beliebteren "Plaudereien" (20-25 Pfennig). Da für Rezensionen meist nicht mehr als 50 Zeilen zur Verfügung stehen, beträgt das Honorar oft nicht mehr als 5 Reichsmark, während ein Feuilleton 15 bis 30 RM einbringt. "Es gibt in Deutschland auch keine einzige Zeitung, die einen oder mehrere festangestellte Bücherrezensenten hätte." (Börsenblatt, 81. Jg. 1914, Nr. 179, 5.8.1914, S. 1226). Viele Zeitungsverleger, denen die Literaturbeilage nur eine "kostspielige Ehrensache" ist (ebd., S. 1225), betrachten die Honorierung mit dem vom Verlag gestellten Rezensionsexemplar für abgegolten, wenn sie nicht die Kritik gleich ganz durch den Abdruck der von den Verlagen mitgelieferten "Waschzettel" substituieren, d.h. Werbetexte im redaktionellen Teil abdrucken. Über beides, über den Abdruck von Waschzetteln und die kostenlosen Rezensionsexemplare, die Rezensenten wie Redakteure zu Unsitten wie "Bücherschnorren", Alibirezensionen und das umgehende Verramschen beim nächsten Antiquar verleiten (wogegen sich einige Verlage durch den Stempel "Rezensionsexemplar" zu schützen suchen, vgl. ebd., S. 1231), wird zwischen 1905 und 1910 in zahllosen metakritischen Beiträgen heftig debattiert, etwa in einem "Waschzettel" betitelten Artikel Ferdinand Avenarius' (Der Kunstwart, 20. Jg. 1907, H. 24, S. 667f.) Doch kommen auch andere Methoden und Praxen der Institution auf den Prüfstand, verbreitet ist der Korruptionsverdacht. Carl Bleibtreu mehr... ruft gar eine "kritische Krisis" aus (Kritik der Kritik, 1. Jg. 1905/06, S. 330-333). Er und viele seiner Kollegen legen über ihr Tun in Selbstauskünften Rechenschaft ab.

Neben den Zeitungen sind die zahlreichen Literatur- und Kulturzeitschriften der Ort, wo die Kritik dieser Zeit breiten Raum findet. Zu den bedeutendsten gehören die "Deutsche Rundschau", die "Süddeutschen Monatshefte", die "Preußischen Jahrbücher" sowie Neugründungen wie die bereits genannte "Neue Rundschau" mehr... Samuel Fischers oder die 1905 von Siegfried Jacobsohn gegründete Theaterzeitschrift "Die Schaubühne". Eine integrierende Funktion für den Literaturbetrieb hat das 1898 von Josef Ettlinger gegründete "Literarische Echo" , das ab 1910 von Ernst Heilborn herausgegeben wird, ein reines Rezensions- und Referateorgan mit einer umfangreichen Presseschau. Charakteristisch für den sich entfaltenden Zeitschriftenkosmos ist seine "weltanschauliche" Vielfalt; jede der politischen, künstlerischen oder kulturellen Gruppierungen schafft sich eigene Sprachrohre und mediale Repräsentationen; innerhalb des Literatursystems entstehen Subsysteme mit eigenen Kritikern, Autoren, Periodika und Verlagen. Ein Großteil der Literaturkritik der Zeit ist "ideologisch", d.h. außerästhetische, politische oder religiöse Wertmaßstäbe dominieren die Beurteilung neuer Literatur. Nicht selten kommt es zu einander widersprechenden Urteilen über Inhalt und formale Qualitäten eines Werkes wie in etlichen Rezensionen des sozialdemokratischen Kritikers Franz Mehring mehr....