Die expressionistische Literaturkritik verstand sich als Korrektiv zu der in der bürgerlichen Tagespresse publizierten Kritik.Funote Dieser etablierten Kritik wurde von Seiten der Avantgarde vorgeworfen, sie beschäftige sich allein mit bereits etablierten Autoren und ignoriere die jungen Avantgardisten. Unabhängig von den in den metakritischen Manifesten postulierten Aufgaben der Kritik bestand die Funktion der expressionistischen Literaturkritik dementsprechend darin, der expressionistischen Kunst zum Durchbruch zu verhelfen, d. h. in der Werbung für die expressionistische Sache. Die Folge war, dass in den Rezensionen hymnische Lobgesänge auf befreundete Autoren dominierten, wie Paul Raabe feststellt: "Dem Geist dieser Literatur entsprach am meisten die Literaturkritik: es sind hymnische Gesänge auf neue Autoren, kaum kritische Sichtungen, vielmehr an Kerr geübte poetische Paraphrasen. Auch das war typisch: man förderte die Gleichgesinnten und spielte Namen hoch, die später nicht standhielten und zu Recht der Vergessenheit anheimfielen." (Raabe, Ich schneide die Zeit aus, S. 12) Die Expressionisten lobten sich wechselseitig. Nach Thomas Anz und Michael Stark waren daher "Selbstrezensionen gang und gäbe, und die Voten der schriftstellerischen Mitstreiter gerieten zu Apologien der neuen Literatur." (Anz/Stark, Expressionismus, S. 448) Daher lief die expressionistische Kritik Gefahr, "die Aufgabe des kritischen Räsonnements über avantgardistische Kunstwerke fast völlig durch die ergänzende Propaganda der künstlerischen Bewegung zu ersetzen. Letztlich ging es ihr darum, 'eine intellektuelle Situation zu schaffen', die der Aufnahme der Werke selbst entgegenkommen sollte." (ebd., S. 449)

Die Literaturkritik der Expressionisten fand hauptsächlich in den dieser Richtung zuzurechnenden Zeitschriften statt. Diese zeichneten sich durch eine enge Publikumsbindung aus: Autoren, Künstler, Kritiker und Leser waren tendenziell identisch. Entgegen der Absicht der Expressionisten, mit ihren Werken und ihren Programmen auf die ganze Gesellschaft verändernd einzuwirken, blieben die Gleichgesinnten unter sich. Die expressionistische Literaturkritik bestand in der Praxis aus Gelegenheitskritikern und Gelegenheitsrezensionen: Die Kritiker waren in der Regel selbst expressionistische Autoren, die bei Gelegenheit Rezensionen über Werke befreundeter Autoren verfassten. Paul Raabe konstatiert: "Die Kritik im Expressionismus kam vielfach aus den eigenen Reihen. Sie trug sehr dazu bei, daß aus dem dichterischen Tun der Einzelnen das Bestreben einer Gruppe wurde. Die Herausgeber der Zeitschriften und Anthologien standen dabei nicht nur Pate, sondern sie waren quasi die Politiker der literarischen Strömung. Endlich: die Bewußtheit, mit der man schrieb, das Engagement, in dem viele standen, förderten ebenfalls den Willen, das darzustellen, was die expressionistische Generation wollte." (Raabe, Expressionismus - Der Kampf um eine literarische Bewegung, S. 9) Kommerz und Kapitalismus, von den Expressionisten abgelehnt, holten die Rezensenten wieder ein - indem sie letztlich nur Eigenwerbung praktizierten. Daher beschränkte sich die Wirkung der expressionistischen Kritik, entgegen ihrem Anspruch, vorwiegend auf den avantgardistischen Diskurs selbst.

Die Rolle des Kritikers war die eines Freundes des Autors, der Autor war der "Bruder" Dichter, zwischen Autor und Kritiker deutete sich ein intimes Verhältnis an. Viele Rezensionen expressionistischer Provenienz richteten sich letztlich primär an den Autor selbst.Textbeispiel

Wie die expressionistischen Texte wurde auch der Stil der Rezensionen dominiert von einer Sprache, die stark vom Ausdruck von Emotionen bzw. vom Appell an Emotionen getragen war. Der Sprache in der expressionistischen Literatur kam generell keine Abbildungs- sondern eine expressive Funktion zu; die Appellfunktion dominierte die Darstellungsfunktion. Auch die expressionistische Literaturkritik zeichnete sich durch Spontaneität, Neologismen, Synästhesien u. ä. aus. Das große Vorbild für die expressionistische Kritik war Alfred Kerrmehr... mit seinen sprachlichen Innovationen, seinem direkten, "mündlichen" Stil, seinen Wirkungsintentionen sowie seinem Anspruch, als Kritiker selbst ein Künstler zu sein.Textbeispiel.

Die expressionistische Publizistik bevorzugte didaktische Textsorten: den Appell, das Programm, das Manifest, die Proklamation, den offenen Brief, die Glosse,- letztere wurde auch in der Literaturkritik produktiv gemachtTextbeispiel. Daneben erschienen Einzel- und Sammelrezensionen, Kurzrezensionen bzw. BuchhinweiseTextbeispiel, Selbstrezensionen, Autorenporträts, Nachrufe (etwa im Fall von im Krieg ums Leben gekommenen Expressionisten)Textbeispiel. Beliebt war eine Mischform aus Einzelrezension und Autorenporträt: Ein expressionistischer Autor wurde aus Anlass eines neuen Buchs mit einem Porträt gewürdigtTextbeispiel.

Die Werte und Maßstäbe, auf die die expressionistischen Kritiker in ihren Beiträgen rekurrierten, waren primär wirkungsbezogen. Kunst sollte "erschüttern", "ergreifen", "überwältigen", sollte im Rezipienten idealerweise eine unumkehrbare Wandlung erzeugen.Funote Ernst Blass beobachtete in einer Sammelrezension an einem Buch von Franz Jung: "wie hier (bei Jung) der Idealismus einer Frau, also das Seelische durchgattet gezeigt wird mit dem Erotischen zu einer stolzen, aufrichtigen, doch im Weltgefühl schmerzlichen Vermählung, das erschüttert als eine tiefe Realität wunderhaft." (Die Aktion, 3. Jg. 1913, Nr. 23, Sp. 578) Und Paul Kraft lobte an den Gedichten Franz Werfels: Werfel "weiß, daß der Dichter die Dinge weder so zeichnen soll, wie sie sind, noch sie ins 'Idealistische' übertragen soll, weiß, daß Dichtung und Kunst überhaupt weder niederdrücken müssen noch erheben, sondern, um es auf die kürzeste Formel zu bringen, überwältigen." (Die Aktion, 3. Jg. 1913, Nr. 26, Sp. 643)]

Abgelehnt wurden dagegen Ästhetizismus und L'art pour L'art. Im Vorwort seiner Lyrikanthologie "Menschheitsdämmerung" resümierte der Herausgeber Kurt Pinthus: "Niemals war das Ästhetische und das L'art pour l'art-Prinzip so mißachtet wie in dieser Dichtung, die man die 'jüngste' oder 'expressionistische' nennt, weil sie ganz Eruption, Explosion, Intensität ist - sein muß, um jene feindliche Kruste zu sprengen." (Pinthus, Menschheitsdämmerung, S. 29) Statt dessen sollte Kunst die Überbewertung naturwissenschaftlicher Sachlichkeit und Objektivität überwinden und zu einem radikalen Subjektivismus, dem authentischen Ausdruck individuellen Leidens finden. Im Rezipienten sollte dies auch zu einer dauerhaften Veränderung der Wahrnehmung führen: So lobte Otto Pick an der Prosa Franz Kafkas, dass in ihr das wahre Wesen einer Sache erkennbar werde und sie eine neue Form der Wahrnehmung ermöglichte: "Denn diese neue Art von Betrachter, wie Kafka sie restlos, daher unnachahmbar repräsentiert, sieht nie die Dinge an sich und auch nicht ihren Schein: Die Begriffe verschieben sich, Alltägliches steigert sich zum Ausserordentlichen, Gespenstisches wird wohlvertraut ..." (Die Aktion, 3. Jg. 1913, Nr. 8, Sp. 243) Von großer Wichtigkeit bei der Bewertung waren daher auch formal-ästhetische Innovationen. Weitere, dem expressionistischen Weltbild entsprechende Werte waren: Vitalität, Erlebnis, Rausch, Dynamik, Geschwindigkeit, Anti-Psychologismus, Bekenntnis/Authentizität, Jugend, Anti-Bürgerlichkeit, Unkonventionalität usw.