Der Expressionismus war eine kulturrevolutionäre Bewegung, die ihren Höhepunkt zwischen 1910 und 1920 (dem so genannten "expressionistischen Jahrzehnt") hatte und mehrere Künste zugleich erfasste: neben der Literatur auch Malerei, Tanz, Film usw. Junge Künstler und Autoren rebellierten gegen die Welt der Väter, gegen die Wilhelminische Gesellschaft mit ihrem Leistungsdenken, ihrem starren Kanon an Normen und Konventionen. Der Generationenkonflikt bzw. der Konflikt von Vater und Sohn war ein beliebtes Thema expressionistischer Werke; ebenso das Leiden des Individuums an der Welt des Bürgertums oder an dem die Sinne reizüberflutenden Großstadtleben.

In die geistfeindliche, "tote" Welt des "Getriebes" sollten Leben, Vitalität, Energie, Emotion und "Geist" gebracht werden: Die Literatur des Expressionismus war eine engagierte, politische Kunst. Sie zielte auf Veränderung, Engagement, Handeln, Tat, auf gelebte Solidarität mit den Opfern und Außenseitern der Gesellschaft - wie auch an den Titeln expressionistischer Zeitschriften deutlich wird ("Aktion", "Tat" usw.).Funote

Nach dem Vorbild von Heinrich Mann, dessen Essay "Geist und Tat" die Expressionisten begeistert rezipierten, wurde z. B. von Kurt Hiller das Programm des "Aktivismus" konzipiert. Nach Ursula Walburga Baumeister wurden "zu den Aktivisten jene Expressionisten gerechnet, die eine Erneuerung der Gesellschaft zur 'Gemeinschaft' auf der Grundlage eines gewandelten Bewußtseins des Einzelnen erstrebten. Die treibende Kraft dieser 'revolutionären' Umwandlung sprachen sie dem 'Geist' und den 'Geistigen' zu." (Baumeister, Die Aktion, S. 43)Funote Ludwig Rubiner prägte das Schlagwort "Der Dichter greift in die Politik".Funote

Historische Vorläufer sahen die Expressionisten im Jungen Deutschland und in der Literatur des Vormärz. Autoren wie Georg Büchner oder Heinrich von Kleist wurden neu entdeckt bzw. aufgewertet. Abgelehnt wurde dagegen Ästhetizismus im Sinne des L'art pour l'art.

Das expressionistische Weltbild wies deutliche Parallelen zu dem apokalyptischen Erlösungsdenken des Christentums auf. Dem engagierten, individuums- und gesellschaftsverändernden Impetus des Expressionismus entsprechend, sollte Kunst im Rezipienten eine Veränderung bewirken; Auslöser dieser "Wandlung" sollte eine "Erschütterung" sein. Der "alte Mensch" sollte sterben, "abgetan" werden und mit ihm die bisherige Gesellschaft. Das Ziel war die Geburt eines "neuen Menschen", einer "neuen Gemeinschaft". Der Künstler wurde als produktiver Schöpfer gesehen, der nicht bloß reproduzierend die äußere (wie im Naturalismus) oder innere (Impressionismus) Wirklichkeit mimetisch abbildet. Vielmehr sollte er konstruktiv-eruptiv seine innere Welt aus sich heraus in die Wirklichkeit "schleudern", seine Wahrnehmung der modernen Welt nacherlebbar machen, subjektiv-parteilich sein eigenes und das Leiden anderer Individuen bekennen, den "Bruder" Mensch durch die Evokation pathetischer Gefühle zur "Umkehr" bewegen. Gegenüber der vorhandenen, verachtenswerten, zu überwindenden Realität wurden mit den Mitteln der Ästhetik neue Wirklichkeiten geschaffen. Literatur und Politik wurden als Einheit verstanden (z. B. bei Franz Pfemfertmehr...).

Die expressionistische Kunst wollte aufrütteln, wachrütteln, verstören, provozieren. Nach Thomas Anz besteht die Modernität dieser Literaturströmung darin, dass sie sich, "im Unterschied zur völkisch-nationalen Literatur, zur Heimatkunstbewegung, zur katholischen oder neuklassischen Literaturbewegung um 1900, den zivilisatorischen Modernisierungsprozessen thematisch und formal zu stellen versucht, sie nachdrücklich in sich aufnimmt - und gleichzeitig gegen sie opponiert oder zumindest eine ambivalente Einstellung ihnen gegenüber zeigt." (Anz, Der Sturm ist da, S. 272)

Das Bekenntnis zur Subjektivität und die Einheit von Literatur und Politik sollten auch die expressionistische Kritik bestimmen. Eine subjektive Kritik forderte z. B. Marie Holzer in der "Aktion": "Die subjektive Kritik möchte ich als Korrektiv der objektiven bezeichnen. Sie wird nicht auf 'kaltem' Wege erzeugt, sie geht durch den Hochofen der Empfindung und das Temperament formt sie zu Werten." (Die Aktion, 3. Jg. 1913, Nr. 4, Sp. 115) Auch eine politische Funktion wurde der Kritik zugewiesen; sie galt wie die Kunst selbst als eine Waffe im Kampf um eine bessere, gewandelte Gesellschaft. So proklamierte Kasimir Edschmid 1919: "Kritik heißt nicht wahlloses Urteil, sondern sie verlangt große Politik." (zit. n. Anz/Stark, Expressionismus, S. 459) Der Kritiker sollte in der Rolle eines Agitators sein. In Anlehnung an Alfred Kerrs kritisches Programm forderte Kurt Pinthus 1917 in der "Aktion", "daß der Kritiker nicht nur Propagator des geistigen Werks (anderer), sondern vorausstürmender Gebärer, Aufpeitscher, Verkörperer des Geistes selbst zu sein hat." (Die Aktion, 7. Jg. 1917, Nr. 20/21, Sp. 264) Wie der Künstler sollte es auch dem Kritiker um Wirkung gehen, sollte seine Aufgabe und Funktion in der Aufrüttelung und Veränderung des Lesers liegen: Der Kritiker "nämlich ist es, der den Menschen rastlos aufpeitscht, den Aufschwung aus dem Sumpf des effektiven Zustandes zu dem in der Idee bereits erreichten Hochstand zu wagen. Er züchtigt den säumigen Künstler; wacht, daß der Bürger nicht triumphiere. Er hetzt den Geist aufs Publikum; beunruhigt, quält, reizt, lockt die Menschheit, indem er Wesen und Werk des Menschen zerlegt, prüft und wertet. Seine Aufgabe ist: Aufrüttelung! Aufrütteln zur Vervollkommnung!" (ebd., Sp. 267)

Literatur, Kritik und Politik bildeten im Expressionismus, zumindest vom Anspruch her, eine Einheit. Eingelöst wurde er z. B. während des Ersten Weltkrieges, als die Kritik (z. B. in Pfemferts "Aktion") als Deckmantel für pazifistisches Engagement dientemehr....