Innerhalb der kulturrevolutionären Bewegung des Expressionismus (1910-1920) nahm die Literaturkritik zwar keinen dominierenden, jedoch einen wichtigen Platz ein. Ihre Funktion bestand darin, beim Publikum um Verständnis und Zustimmung für das expressionistische Weltbild zu werben, also in der Agitation für die junge expressionistische Literatur: 'Literaturkritik als Propaganda' (Thomas Anz/Michael Stark). Die expressionistische Literaturkritik verstand sich als ein Mittel zur Durchsetzung der expressionistischen Kunst bzw. der noch unbekannten Autoren der Avantgarde in dem von bürgerlichen Autoren dominierten Literaturbetrieb.

Die jungen Dichter, Künstler und Kritiker dieser Richtung lehnten die Wilhelminische Gesellschaft mit ihren starren Normen und Konventionen ab. Sie sahen sich als Außenseiter der Gesellschaft. In ihren Werken wollten sie den "Schrei" der vom Elternhaus oder den bürgerlichen Institutionen (Schule, Militär, Beruf) unterdrückten "Seele" des Einzelnen zum Ausdruck bringen. Ziel der expressionistischen Kunst war es, "Geist" (so ein viel beschworenes Schlagwort) bzw. Intelligenz, aber auch Gefühl und Intuition wieder in die geistfeindliche, als "tot", "erstarrt" oder "unlebendig" empfundene Gesellschaft zu bringen und im Rezipienten eine Veränderung bzw. "Wandlung" zu bewirken. Entsprechend wichtig als axiologische Werte waren die Wirkungsaspekte eines Werkes, Kunst sollte z.B. "erschüttern". Außerdem sollte sie subjektiv-bekenntnishafte Qualitäten aufweisen, das authentische Leiden des Individuums darstellen.

Um ihr politisch-aktivistisches Engagement publizistisch-literaturkritisch zum Ausdruck zu bringen, bedienten sich die Expressionisten neben der Einzel- oder Sammelrezension und dem Autorenporträt häufig didaktischer oder für die Agitation geeigneter Textformen, etwa der Glosse. In den Großstädten, v. a. in Berlin, sammelte sich diese Generation in Gruppen, die gemeinsam an Zeitschriften- und Anthologieprojekten arbeiteten. Zwischen den Zeitschriften und dem (vergleichsweise kleinen) Publikum existierten enge Bindungen: Autoren, Künstler und Publikum waren tendenziell identisch. Entgegen der Absicht der Expressionisten, mit ihren Texten auf die ganze Gesellschaft verändernd einzuwirken, blieb der kritische Diskurs auf den Kreis der Avantgarde beschränkt. Die expressionistische Literaturkritik manifestierte sich in Gelegenheitskritikern und Gelegenheitsrezensionen: Die Rezensenten waren selten professionelle Kritiker, sondern meist expressionistische Lyriker und Autoren, die bei Gelegenheit Werke befreundeter oder gleichgesinnter Autoren besprachen. Beliebt waren Mischformen aus Rezension und Autorenporträt; der Kritiker porträtierte einen expressionistischen Autor aus Anlass eines neuen Werkes. Die Rolle des Kritikers war dementsprechend die eines Freundes des Autors, die Tendenz der meisten Rezensionen die eines hymnischen Lobgesangs auf den "Bruder" Dichter. In der Zeit des Ersten Weltkrieges hatte die Literaturkritik auch eine politische Funktion: sie diente der verdeckten Artikulation pazifistischen und humanistischen Engagements.

Wichtige expressionistische Medien waren etwa "Die Aktion"mehr..., "Die weißen Blätter", "Pan" oder "Das Forum", bedeutende expressionistische Kritiker waren z. B. Franz Pfemfertmehr..., Kurt Hiller, Wilhelm Herzog, Alfred Döblin, Rudolf Kayser und Robert Müller.