Gegenüber dem Naturalismus veränderte sich im Impressionismus auch das Rollenverständnis der Kritik: Aus dem Lehrer wurde ein feinsinniger Literatur- und Bücherfreund und "literarischer Feinschmecker", Freund des Autors und der Literatur. Extreme bildeten die Rollenkonzeptionen bei Kerr und Bahr. Bei Kerr war der Kritiker wie bei Oscar Wilde in der Rolle eines Super-Künstlers: "Der wahre criticus ist ein nicht unzurechnungsfähiger Dichter." (Kerr, Die Welt im Drama, Berlin 1917, Bd. 1, S. VI)

Bei Bahr präsentierte sich der Kritiker in der Rolle eines "Kautschukmannes", eines Verwandlungskünstlers: "Der Kritiker muß ein Verwandlungsmensch sein, ein Kautschukmann und Schlangenmensch des Geistes, der immer aus seiner Haut und in jede fremde Natur kriecht, um aus ihr heraus zu berichten, was in ihr drin geschieht und wie es da aussieht. Der Kritiker muß sich des Eigenen völlig entäußern, seine Instinkte abthun, um die fremden zu erspähen, seinen Willen unterdrücken, um den fremden in Herkunft, Entwicklung und Absicht zu erforschen. Der Kritiker muß ein Entsagender und Verzichtender sein, der Herrschaft verschmäht und lieber zum Dienste der anderen lebt, der gehorsame und selbstlose Freund ihrer Geheimnisse, der alles verzeiht, weil er seine Geschichte weiß, wie es kam und warum es so kommen mußte." (Bahr, Die Überwindung des Naturalismus, Dresden und Leipzig 1891, S. 123)

Das kritisierte Buch oder Theaterstück war letztlich nur ein Anlass zur Reflexion bzw. zur Schaffung neuer Poesie: Die gegenüber der Kunst massiv aufgewertete Kritik galt nun als zweckfreie, gleichberechtigte Kunstgattung: "Fortan ist zu sagen: Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. VI) Ihre übliche dienende, vermittelnde Funktion wurde vor allem von Kerr suspendiert, und zwar sowohl in Hinsicht auf den Autor wie auch auf das Publikum: "Warum rezensiert man gewisse Dinge? Darum: weil man glaubt, daß eine anständige Rezension bisweilen Aussicht hat, länger zu leben, als ein Schmierenstück. Warum treibt man das Verfassen von Rezensionen? Um des Rezensenten willen. Nicht um des Publikums willen, noch um des Rezensierten willen." (Kerr, Das neue Drama, Berlin 1905, S. X) Entsprechend war auch der Adressat dieser Kritik einerseits der befreundete Autor, andererseits der individuelle "auserwählte" Leser. Ihr Publikum dürfte die impressionistische Kritik vor allem im gebildeten, elitären Bürgertum gefunden haben.