Falsch wäre es jedoch, anzunehmen, die impressionistische Literaturkritik hätte über gar keine Normen und Wertmaßstäbe verfügt. Im Gegenteil: Auch in der Kritik galten die zeittypischen ästhetischen und lebensphilosophischen Werte wie "Subjektivismus", "Verfeinerung", "Empfindungsvermögen"/"Sensitivität", "Künstlichkeit". Gefordert wurde der Blick "nach innen", die quasi-psychologische Ausleuchtung von Seelenräumen. Mit der Entwicklung einer "neuen Psychologie" (Bahr) wurden zeitgleich und im Austausch mit der Psychoanalyse Freuds Figuren und Autorpsychen von der Kritik sensibel gedeutet, vor allem im Umkreis der Wiener Moderne: "Die Kritik des Jungen Wien hat die nachempfindende, einfühlende Methode in einer bis dahin nicht bekannten Intensität ausgebildet und angewandt. Der verstehende Ansatz, den die Literaturkritik der Frühromantik entwickelt und zur Meisterschaft geführt hat, wird durch die starke Einbeziehung der Psychologie differenziert. Besonders fruchtbar ist dabei die Sensibilität im Erfassen von Details. Obwohl selten überzeugende Gesamtinterpretationen gelingen, enthalten die Kritiken eine Fülle genauer Beobachtungen zu einzelnen Stellen und Gestalten. Die Ausbildung der interpretierenden Methode in der Literaturwissenschaft konnte hier Anknüpfungspunkte finden." (Steinecke, Impressionismus oder Junges Wien, S. 507)

Hoch im Kurs der Kritik stand auch die Darstellung sexueller, religiöser oder mystischer Grenzerlebnisse, die Schilderung bewusstseinserweiternder, "anderer Zustände". Die Grenze zwischen Kunst und Leben galt als überwindbar; die Kunst hatte nach Nietzsche im Dienst des Lebens zu stehen (v.a. bei Kerr und HofmannsthalFunote). Kunst und Literatur waren nicht mehr, wie noch im Naturalismus, politisch engagiert, sondern teils zweckfrei, teils dienten sie der Steigerung des individuellen LebensgefühlsFunote.

Im Unterschied zum Naturalismus, dem es zunächst vor allem um neue Inhalte in der Kunst ging, standen in der Literatur und Kritik der Jahrhundertwende die formal-ästhetischen Qualitäten von Kunstwerken, ihre Komposition und sprachlichen Qualitäten, im MittelpunktFunote. Dies bezog sich nicht nur auf die Texte selbst, sondern auch auf die Gestaltung von Büchern: Die Ästhetisierung der Lebenswelt im Jugendstil führte zu einer Blüte der Buchkunst, der Kritiker wurde zum bibliophilen Genießer: Die Kritik würdigte das materiale Buch, ausgestattet mit Illustrationen, schönem Schriftsatz und Einband, das auch Augen und Tastsinn ansprach, als Kunstwerk an sich. So lobte etwa Oscar Bie, der Herausgeber der "Neuen Rundschau", 1906 die bibliophilen Produkte des Insel-Verlags als "Ornamente des Schrankes, Hochgefühle für die Hand, Erlesenheiten für den Geist" (Die neue Rundschau, 17. Jg. 1906, S. 378)Textbeispiel.

Anders als im Naturalismus spielte der Wert von "Deutschtum" und "Nation" in der Literaturkritik nur noch eine untergeordnete Rolle: Die impressionistische Literatur und Literaturkritik zeigte, v.a. in Wien, ein kosmopolitisch-europäisches KunstverständnisFunote.