Mit der von Hermann Bahrmehr... verkündeten "Überwindung des Naturalismus" wurde auch endgültig der Glaube an ewig gültige Normen und Wertmaßstäbe verabschiedet. Eine starren Kunstnormen verpflichtete Kritik wurde somit obsolet. Gesucht wurde jetzt nach Möglichkeiten einer modernen, flexiblen, sich am individuellen Kunstwerk orientierenden Kritik: Sie sollte sich in den Künstler und das Werk "einfühlen", das Erlebnis seiner Rezeption vermitteln und sich dabei selbst zur Kunst erheben, gleichsam "Kunst" werden: So sprach Oscar Wilde von einer "schöpferischen Kritik", und Alfred Kerr forderte eine "produktive Kritik".

Vor allem zwei Autoren aus dem europäischen Ausland galten den impressionistischen Kritikern als Vorbild: Jules Lemaître und Oscar Wilde. Für den französischen Kulturkritiker Lemaître sollte die Kritik die Kunst lehren, Bücher genießen zu können. Der englische Dramatiker Wilde erhob in seinem Essay "The Critic as Artist" schon vor Kerr den Kritiker zum Über-Künstler: Auch Wilde begründete dies mit der Vorstellung, dass sich eine Kritik auf ein schon von den Schlacken der Realität gereinigtes Objekt, ein Kunstwerk, beziehe und somit einen noch höheren "ästhetischen Reinheitsgrad" erlange.Funote

Die für die Moderne charakteristische Erfahrung der fortwährenden Stilwechsel und Innovation der Techniken und Themen in der Kunst wurde vor allem von Hermann Bahrmehr... affirmativ zum Programm einer modernen Literaturkritik gemacht: "Die litterarische Kritik, wofern sie modern werden will, muß sich an die Bewegung der Schönheit gewöhnen, an ihr Wachstum in unablässig wechselnder Erscheinung, und, um die Ursachen der Richtung zu begreifen, welche diese Bewegung jeweilig nimmt, ihren Zusammenhang mit ihrer Nachbarschaft suchen. Sie muß sich darein finden, daß, was das eine Geschlecht mit Begeisterung, Leidenschaft und Liebe erfüllte, das nächste langweilt und kalt läßt und daß man die Fassung der Trauerspiele wechselt wie den Schnitt der Beinkleider. [...] Sie hat nicht länger den Künstlern zu declarieren, was ewig schön ist, sondern sie hat aus den Künstlern zu konstatieren, was derzeit schön ist. Sie hat nicht ihnen Lehren zu geben, sondern von ihnen Lehren zu empfangen." (Bahr, Zur Kritik der Moderne, Zürich 1890, S. 250)

Eine nicht mehr der Wertung, sondern primär der Deskription, Interpretation und Vermittlung verpflichtete Kritik richtete ihr Augenmerk verstärkt auf das einzelne Werk und seine Charakteristiken. Die Methode der Kritik war nicht mehr das deduktive Messen eines neuen Werkes an überzeitlichen Maßstäben, sondern das induktive Erschließen neuer Werte am Einzelwerk. So galt dem jungen Hugo von Hofmannstahl der Blick aufs Detail und den von ihm im Kritiker/Rezipienten ausgelösten Eindruck als Ausgangspunkt der Kritik: "Irgend ein Vers, ein Stückchen Ornament, eine Art, Augenlider und Lippen zu malen, impressioniert uns sehr stark, erzeugt in uns für einen Augenblick jenes aus Sehnsucht und Befriedigung gemischte Glücksgefühl, das vom ästhetisch Vollkommenen hervorgerufen wird." Dann freilich ginge es darum, "aus dem verirrten Bruchstück durch eine große Anspannung der Phantasie für einen Augenblick eine Vision dieser fremden Welt hervorzurufen, im Leser hervorzurufen: wer das kann und dieser großen Anspannung und Verdichtung der reproducierenden Phantasie fähig ist, wird ein großer Kritiker sein." (Zit. n. Wunberg, Das Junge Wien, Bd. 1, S. 465)

Der zeittypische Individualismus dominierte auch in der Kritik. Gefordert wurde die Einfühlung, das Verstehen, das einmalige Kunsterlebnis, das es dem Leser zu vermitteln galt. Entsprechend richtete sich die Kritik weniger an die kritische Urteilskraft des Lesers als vielmehr an sein Gefühl. Die Aufgabe des Kritikers bestimmte z.B. Hermann Bahr so: "Was er will, ist etwas andres: er hat irgend einen Eindruck gehabt, diesen Eindruck will er darstellen und will ihn dann vor sich selber rechtfertigen. Er ist ein guter Kritiker, wenn er fähig ist, erstens überhaupt einen Eindruck zu haben, zweitens diesen Eindruck darzustellen und drittens sich über diesen Eindruck Rechenschaft zu geben. Gelingt ihm das, so hat er alles erreicht, was ein ehrlicher Kritiker überhaupt erreichen kann." (Hermann Bahr, Kritik, in: Die Schaubühne, 7. Jg. 1911, S. 205) Kritik hatte sich demnach zu beschränken auf die quasi-literarische Wiedergabe der Rezeption, der bloßen Impression.

Die formal-stilistische Annäherung der Kritik an die Kunst, ihre Ästhetisierung, wird in der Forschung nicht zuletzt mit dem Verlust an allgemein gültigen ästhetischen Normen begründet: "Der endgültige Niedergang ästhetischer Normen in der literarischen Moderne hatte die Kritik mit einem Legitimationsproblem zurückgelassen. Nach welchen Maßstäben soll ein Kunstwerk beurteilt werden, wenn es sich ausdrücklich nicht mehr an poetologische Regeln hält, noch schlimmer: gerade deren Zerfall abbildet? Der vorläufige Ausweg war: Die Kritik stellt sich nicht mehr der Kunst gegenüber, sondern an ihre Seite, sie mißt nicht an ästhetischen Regulativen, sondern wird selbst ästhetisch - wenn man auch nicht mehr genau weiß, was das ist." (Fliedl, Come here, good dog, S. 60) Heftig umstritten war diese Form der "Meine-Eindrucks-Kritik und Vokabelraketen" (Robert Musil) freilich schon sehr früh.