Auch die Kirchen bemühten sich, Einfluss auf die Entwicklung von Kultur und Literatur zu nehmen und zumindest ihre Mitglieder vor der verderblichen Wirkung der Werke der ästhetischen Moderne zu schützen: Die Funktion der konfessionellen, katholischen wie protestantischen, Literaturkritik bestand vor allem in der Bewahrung und dem Schutz des christlichen Lesers vor falschem Gedankengut. Kritik diente als ein reines Selektionsinstrument für das "moderne Literatur-Chaos". Das Weltbild der konfessionellen Literaturkritiker zeichnete sich durch eine ursprüngliche Einheit von Religion, Kunst und Gesellschaft aus; Aufgabe der Kunst war die "idealische" Darstellung des Schönen und Vollkommenen, also der göttlichen Herrlichkeit und Schöpfung.

Wie die Heimatkunstbewegung war auch diese Literaturströmung eine rückwärtsgewandte Reaktion auf die Modernitätsschübe Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Heimatkunst verband das Literaturverständnis der konfessionellen Literaturkritiker auch einige Gemeinsamkeiten, etwa die Darstellung ursprünglicher, ganzheitlicher, religiöser Lebensformen auf dem Land.Funote

Der Kritiker war somit in der Rolle eines Hüters oder Hirtens und hatte eine soziale bzw. pädagogische Aufgabe. In der literaturkritischen Praxis zeigte die konfessionelle Literaturkritik eine Tendenz zur Kanonbildung in Form von Empfehlungskatalogen und literaturempfehlenden Zeitschriften. Die Institution der Literaturkritik mit ihren Empfehlungskatalogen diente gerade auch den christlichen Volksbibliotheken zur Orientierung bei Neuanschaffungen.

Die auch in den verschiedenen Richtungen der konfessionellen Literaturkritik zu findende Spannung zwischen der Bewertung inhaltlicher und formaler Aspekte manifestierte sich zwischen 1907 und 1910 in einem in katholischen und protestantischen Medien geführten Literaturstreit: Es ging dabei zum einen um die Frage, welche Rolle bei der Beurteilung von Kunst außerästhetische Maßstäbe, also z. B. die Übereinstimmung mit dem christlichen Welt- und Menschenbild, spielen sollte. Die protestantische Kritik vertrat dabei zumindest tendenziell eine eher liberale, der zweckfreien Ästhetik verpflichtete Kunstauffassung. Zum anderen ging es, vor allem im Streit zwischen Karl Muth und Richard von Kralik bzw. zwischen den Zeitschriften "Hochland" und "Gral", um die Frage, ob die Romantik (wie Kralik meinte) oder die Klassik (wie Muth meinte) als Ideal christlicher Literatur anzusehen war.

Wichtige konfessionelle oder christlich orientierte Literaturkritiker waren Karl Muth (1867-1944), Konrad Weiß (1880-1940) und Richard von Kralik (1852-1934). Bedeutende Medien konfessioneller Literaturkritik waren Muths 1903 gegründete Zeitschrift "Hochland", der "Gral", die "Stimmen aus Maria Laach" (nach 1914: "Stimmen der Zeit") und "Der Türmer". Ein spezielles Rezensionsorgan für katholische Fachgelehrte war die "Literarische Rundschau" (1894-1914), zwischen 1900 und 1906 war unter katholischen Studenten die "Literarische Warte" verbreitet, und ab 1903 diente die "Bücherwelt", ab 1904 der "Literarische Handweiser" speziell den Zwecken der katholischen Volksbüchereien (Borromäusverein) (vgl. dazu Löffler, Geschichte der katholischen Presse Deutschlands, S. 92 f.).