Als Reaktion auf den Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Modernitätsschub in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur formierte sich im deutschsprachigen Raum auch eine modernitätsfeindliche, konservative Kulturbewegung, deren Leitbegriffe Heimat, Volk, Nation, Rasse und Deutschtum waren. Die Heimatkunstbewegung, die zumindest eine Wurzel im Frühnaturalismus hattemehr..., und die völkische Bewegung waren Versuche, regressive Utopien zu realisieren: Die Wunschphantasie von einer wiederzuerlangenden ganzheitlichen, in der "völkischen" Gemeinschaft wurzelnden Lebensform diente psychologisch wesentlich der Identitätsstiftung. Die völkische Kulturbewegung, die in der Weimarer Republik noch an Zulauf gewann, bereitete dem Nationalsozialismus den Boden und nahm auch zentrale Merkmale der NS-Literaturkritik vorweg.

Für die völkische Bewegung waren Kunst, Literatur und ihre Kritik ein wichtiger "Kampfplatz", galt es doch, eine authentische deutsche Kultur wiederzubeleben und vor der "degenerierten" Moderne zu schützen. Die moderne Kunst mit ihren formal-ästhetischen Innovationen wurde von den Literaturkritikern der Heimatkunstbewegung abgelehnt; sie erschien ihr als eine "entartete" Kunst des Verfalls und der Dekadenz. Der Gegensatz von "Gesundheit" und "Krankheit" spielte im Wertsystem der völkischen Kritik eine große Rolle.

Für das Verständnis der völkischen Weltanschauung wie auch der völkischen Literatur und Literaturkritik waren vor allem folgende wertbesetzte Gegensatzpaare wichtig:

Negativ besetzt

positiv besetzt

Technisierung

Handwerk, Ackerbau

Industrialisierung

Kleinbetrieb

Großstadt

Dorf

"Asphalt"

"Scholle"

Zivilisation

Kultur

Gesellschaft

Gemeinschaft

Judentum

Deutschtum

Kapitalismus

Antikapitalismus

Zentral war der Konflikt von (Groß-)Stadt und Land, dem in der Realität Landflucht und das rasche Anwachsen der Großstädte im Zuge der Industrialisierung mit den Massenquartieren für die Arbeiterklasse entsprachen. Gegenüber dem bindungslosen, entwurzelten, anonymen Leben in der Großstadt wurde die Bindung an Familie und Dorfgemeinschaft verherrlicht und eine ihr entsprechende, von ihr kündende "Blut und Boden"-Dichtung gefordert. Verdammt wurden Naturwissenschaft und Rationalismus, gepriesen ein irrationales, intuitives, nur dem Deutschen eigentümliches EinfühlungsvermögenFunote.

Gegen den sich immer schneller vollziehenden Wandel der Gesellschaftsstrukturen wurde das Bestehende, Beharrende ins Feld geführt: die Dorfgemeinschaft, die Tradition, der Lauf der Jahreszeiten. In dem biologistisch unterfütterten Weltbild der völkischen Bewegung galt der wahre Mensch als "wurzelecht", "kernecht", "bodenständig": Der Künstler erschien als die Frucht des Volkes, als Führer und Prophet; die Literatur hatte vom Reichtum deutschen Stammestums zu künden und hatte vor allem eine kompensatorische Funktion. "Eine in die Vergangenheit projizierte Einheit des Volkes um das authentische Kunstwerk wurde mit der Atomisierung der modernen Gesellschaft kontrastiert, und die Wiederherstellung der ursprünglichen Gemeinschaft wurde zum Ziel erklärt. Liberalismus, Kapitalismus und Judentum galten als Feinde." (Berman, Literaturkritik zwischen Reichsgründung und 1933, S. 255)

Antisemitismus war ein wesentlicher Bestandteil der völkischen Literaturkritik: Im "Juden" sah die völkische Bewegung alles Unheil verkörpert: Wurzellosigkeit, Geldgier, Rationalismus usw. Völkische Literaturkritiker wie Adolf Bartelsmehr... sahen den Kulturbetrieb von jüdischen Geschäftsleuten beherrscht und korrumpiert; die Autoren der deutschen Literaturgeschichte teilte er in "Deutsche" und "Juden" ein, mit dem Ziel, letztere auszugrenzen. Die jüdische Herkunft eines Autors war gleichbedeutend mit der ästhetischen Disqualifizierung seines Werkes. Die Spannung zwischen form- und inhaltsbezogenen Wertungen zeigt sich darin, daß die völkische Literaturkritik von einem Primat des Inhalts ausging, während eine formdominierte Ästhetik als etwas "Jüdisches" disqualifiziert wurde und als typisch für jüdische "Effekthascherei" galt.

Die Funktion der Kritik bestand dem entsprechend darin, einer an traditionelle Formen und Inhalte anschließenden volkstümlichen Kultur zum Durchbruch zu verhelfen und die Kunst der Moderne abzuwehren: "Einziger Zweck der literaturkritischen Praxis blieb die Durchsetzung der völkischen Literatur bei dem Leser, der in die Rolle eines Verwaltungsobjekts gedrängt wurde." (ebd., S. 259) Ironischerweise war es dabei gerade die Funktion der Werbung, die für völkische Literaturkritik (die ja die "jüdische" Kommerzialisierung des Kulturbetriebs verdammte) in der Folge bestimmend wurde; mit Russel A. Berman lässt sich sogar von einer primär "verkaufsorientierten Rezensionsstrategie" (ebd.) sprechen, die im Leser vor allem den Konsumenten sah. Romane von Heimatkunstautoren wie Gustav Frenssen oder Hermann Löhns wurden dem lesenden "Volksgenossen" explizit zum Kauf empfohlen. Mit Erfolg: Frenssens Roman "Jörn Uhl", 1902 erschienen, brachte es bis 1939 auf 463 000 verkaufte Exemplare; Hermann Löns' "Bauernchronik" "Der Wehrwolf", 1910 erschienen, bis 1939 gar auf 565 000 Exemplare.

Wichtige Literaturkritiker der völkischen Bewegung und der Heimatkunst waren (als Vorläufer und Vordenker) Michael Georg Conradmehr..., Adolf Bartelsmehr..., Ottokar Stauf von der March (1868-1941) und Friedrich Lienhard (1865-1929). Bedeutende Medien, die dieser Richtung (in unterschiedlichem Maße) zuzurechnen sind, waren: "Hochland", "Der Kunstwart", "Heimat", "Eckart", "Süddeutsche Monatshefte", "Blätter für deutsche Art und Kunst" und "Der Türmer".