Bei den Bemühungen der Sozialdemokratie, die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu verbessern, ihr Bewusstsein um ihre Lage und ihre Aufgabe im Sinne der sozialistischen Gesellschaftstheorie zu bilden und somit auf die Verwirklichung einer utopischen proletarischen Gesellschaft hinzuwirken, spielte die Literaturkritik eine wichtige Rolle. Bis zur Aufhebung des "Sozialistengesetzes" (1878-1890), das zahlreiche Verhaftungen und Gefängnisstrafen zur Folge hatte, war die Literaturkritik eine der wenigen Möglichkeiten, sozialistisches Gedankengut zu publizieren.

Zu beachten ist jedoch, dass es innerhalb der sozialdemokratischen Literaturkritik verschiedene, einander widersprechende Richtungen gab, mehr oder weniger marxistisch-revolutionär orientiert: Entsprechend unterschiedlich waren auch die Positionen, die Revolutionsideologen und Revisionisten zu den zentralen Punkten der literaturkritischen Debatten bezogen.

Die sozialdemokratische Literaturkritik hatte, je nach Richtung, mehrere, primär politische Funktionen: Vor allem prüfte sie neue (bürgerliche) Literatur auf ihre Übereinstimmung mit dem sozialistischen Weltbild. Vom Kunstwerk wurde nicht nur eine wahrheitsgetreue Abbildung der Realität verlangt, sondern auch eine Darstellung jener Kräfte, die in der Zukunft durch Revolution das Elend des Proletariats in der Gegenwart überwinden würde. Der arbeitenden Klasse wollte die Kritik einen Zugang zu der (für sie geeigneten) Kultur und Kunst schaffen, galten "Besitz und Bildung" doch bis dahin als Privileg der Bourgeoisie, also des besitzenden Bürgertums. So dienten z.B. ausführliche Inhaltsangaben in Rezensionen auch dazu, den proletarischen Leser, für den Bücher weitgehend unerschwinglich waren, zumindest auf dem Weg der Buchbesprechung mit dem Inhalt einer Neuerscheinung vertraut zu machen. Die Rolle des Kritikers war demnach weitgehend die des Pädagogen und Erziehers des Publikums, also des Proletariats, zum Teil die des Literaturvermittlers.

Die wichtigsten Themen, mit denen sich die sozialdemokratische Literaturkritik beschäftigte, waren:

  • Entwicklung einer historisch-materialistischen Literaturtheorie, die im Anschluss an die Gesellschafts- und Geschichtstheorie Karl Marx' Literatur nicht losgelöst von ihren politischen und ökonomischen Bedingungen betrachtete und kulturelle Überbau-Phänomene aus dem materiellen Unterbau ableitete (z. B. Franz Mehring).
  • Die Kritik an der offiziellen Literaturgeschichtsschreibung (etwa der Scherer-Schule), die Autoren früherer Literaturepochen für die preußische Staatsideologie vereinnahmte: Sozialdemokratische Literaturkritiker erinnerten dagegen an demokratische Überzeugungen früherer Autoren (Beispiel: Mehrings 1893 veröffentlichte Studie "Die Lessing-Legende")
  • Die Frage nach der Bewertung der (Weimarer) Klassiker bzw. des bürgerlichen Kulturerbes ("Schiller-Debatte" 1905)
  • Die Frage nach dem Wert der bürgerlichen Gegenwartskunst, die mit der erwarteten Revolution und dem Aufstieg des Proletariats ohnehin enden würde: Literarische Richtungen wie der Naturalismus, die Neuromantik oder der Expressionismus wurden innerhalb der sozialdemokratischen Literaturkritik sehr kontrovers diskutiert. Beispielsweise wurde den naturalistischen Autoren vorgeworfen, das soziale Elend des Proletariats zu hypostasieren, ohne den (sozialistischen) Ausweg zu zeigen ("Naturalismus-Debatte" 1891-1896).
  • Die Frage nach den Möglichkeiten einer neuen proletarischen Kunst, von der ungewiss war, ob sie schon vor einer Revolution realisierbar war oder erst nach ihr; sofern in einer sozialistischen Gesellschaft Kunst überhaupt noch notwendig wäre.

Bedeutende sozialdemokratische bzw. sozialistische Literaturkritiker waren: Franz Mehring (1846-1919)mehr..., Kurt Eisner (1867-1919), Wilhelm Blos (1849-1927), Edgar Steiger (1858-1919), Julie Zadek, Wilhelm Liebknecht (1826-1900), Gustav Landauer (1870-1919), Paul Ernst (1866-1933), Robert Schweichel (1821-1907), Carl Korn (1865-1942), Rosa Luxemburg (1870-1919), in der Weimarer Republik Georg Lukács (1885-1971) und Gertrud Alexander (1882-1967)mehr....

Wichtige Medien der sozialdemokratischen Literaturkritik waren: das theoretische Organ der SPD, "Die Neue Zeit"mehr..., die eher revisionistisch orientierten "Sozialistischen Monatshefte", die "Volksbühne", die "Neue Welt" (eine Unterhaltungsbeilage für sozialdemokratische Zeitungen), der "Vorwärts" mit seiner 14-tägig erscheinenden Beilage "Literarische Rundschau" sowie eine Reihe von sozialdemokratisch orientierten Tageszeitungen wie etwa die "Leipziger Volkszeitung" oder die "Dresdner Volkszeitung".