Die Bedeutung der von den naturalistischen Autoren praktizierten Literaturkritik für die sich um 1880 in den Großstädten (v. a. München und Berlin) formierende naturalistische Literaturbewegung kann kaum überschätzt werden. Literaturkritik war Kritik an der (Gründerzeit-)Literatur, am Literaturbetrieb, an der Literaturkritik, aber auch an der Gesellschaft. Sie bereitete der zunächst mit Hilfe diffuser Schlagwörter und Parolen ("Wahrheit", "Realismus", "Modernität" usw.) nur postulierten neuen naturalistischen Literatur zuallererst den Weg und entstand aus der radikalen Ablehnung der Gründerzeitliteratur. Vor allem die Frühnaturalisten beriefen sich dabei auf die Sturm und Drang-Bewegung , deren Situation man als analog zur eigenen empfand: Um 1770 wurde die von der Regelpoetik gefangene Literatur von der gegen überkommene Autoritäten aufbegehrenden Jugend durch die Genieästhetik befreit. Ebenso sollten auch um 1880 Originalität und Individualität die als in klassizistischen Formalismen, Epigonentum, Konventionen, Phrasen und Schablonen erstarrt empfundene Literatur revitalisieren. Diese beim Bürgertum sehr beliebte, große Auflagen erzielende Literatur zeichnete sich aus Sicht der Naturalisten durch eine übertriebene Rücksichtnahme auf das empfindsame weibliche Lesepublikum bzw. auf bürgerliche Normen wie die Unverletzlichkeit von Ehe und FamilieFunote aus. Die Literaturkritik des Naturalismus, die sich vor allem journalistischer Darstellungsformen bzw. Textsorten (v. a. programmatische Essays, Rezensionen) und Medien (v. a. Zeitschriften) bediente, ist aufgrund ihrer auch politisch-gesellschaftlichen Wertmaßstäbe zur engagierten Literaturkritik zu rechnen.