Der Name Franz Pfemfert ist untrennbar mit seiner kultur- und kunstrevolutionären Zeitschrift "Die Aktion" verbunden, die nach 1911 zu einem der wichtigsten Organe des Expressionismus wurde. Die "Aktion" war sein LebenswerkFunote. Mit ihr bot er der jungen Generation ein Forum, wo sie ihre Kritik an der Wilhelminischen Gesellschaft in literarischen und essayistischen Beiträgen formulieren und sich von überkommenen sozialen Werten und politischen Strukturen distanzieren konnte. "Auf der Höhe seiner Zeit, mitunter auch ihr voraus machte Franz Pfemfert die 'Aktion' zur Keimzelle der deutschen politischen, künstlerischen und literarischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts" (Exner, Vergessene Mythen, S. 17).

Der von Pfemfert geförderte literarische Protest der jungen Generation richtete sich gegen die patriarchalische Gesellschaft, gegen das Pressewesen, gegen Chauvinismus und Militarismus, gegen Kapitalismus und das autoritäre Schulsystem. Pfemfert und seine "Aktion" standen für moralische und gesellschaftliche Erneuerung, für einen neuen (moralisch) gewandelten Menschen, für das Eintreten für die Rechte des Einzelnen wie des Proletariats. Bewusstseinsbildung und politische Veränderung waren Pfemferts Ziele. Politisch stand er zeitweise der Sozialdemokratie nahe, engagierte sich aber später für kommunistisch-sozialistische Gruppierungen.

Der Wille zur politisch-gesellschaftlichen Veränderung, zur Revolution bestimmte Pfemferts Schaffen, in dem das politische Engagement das literarische letztlich dominierte. Pfemfert wollte der Kunst eine politische Funktion zuweisen. Die von seinem Freund Ludwig Rubiner geprägte Formel "Der Dichter greift in die Politik" (Aktion, 2. Jg. 1912, Nr. 23, Sp. 709-715) bringt dieses Vorhaben auf den Punkt.

Die Vorbilder Pfemferts waren mit Maximilian Harden, Alfred Kerrmehr..., Karl Kraus und Heinrich Mann Intellektuelle, deren Namen für eine Einheit von künstlerischem und politischem Wirken standen.Funote Seine politische und moralische Integrität, seine kompromisslose Haltung schlugen jedoch immer wieder um in einen moralistischen Rigorismus, der zu zahlreichen Feindschaften führte. Nicht nur, wer sich 1914 an der allgemeinen Kriegseuphorie beteiligte - und das waren damals die meisten Intellektuellen und Literaten -, wurde von Pfemfert angegriffen, ohne Rücksicht darauf, ob der Betreffende zuvor von der "Aktion" als Vorbild gepriesen wurde (z. B. Alfred Kerr, Wilhelm Herzog). Auch wer im Lauf der Zeit von den von ihm geförderten jungen Autoren bei größeren Verlagen Erfolg hatte, bekam von Pfemfert den Vorwurf der Korrumpierbarkeit zu hören. "Pfemfert war auf der Suche nach einem 'neuen Menschen', der den Verführungen der bürgerlichen Gesellschaft widerstehen konnte. Immer wieder hat er sich enttäuscht oder aggressiv von all denen abgewendet, die sich mit den bürgerlichen Lebensformen und Institutionen arrangiert haben. Er unterstellte stets persönliche Motive, Ruhmsucht etwa; er wurde nicht müde, auf den Widerspruch hinzuweisen, einerseits die bürgerliche Gesellschaft zu verachten, andererseits aber durchaus an deren Gratifikationen teilhaben zu wollen, und sei es um des materiellen Überlebens willen." (Haug, Das "Phänomen" Franz Pfemfert, S. 26)

Zum moralischen Vorbild wurde Pfemfert während des Ersten Weltkrieges. Es gelang ihm, seine "Aktion" als einzige oppositionelle Zeitschrift kontinuierlich weiter erscheinen zu lassen. Schon in den Jahren zuvor hatte er immer wieder nachdrücklich vor der Gefahr eines kontinentalen Krieges gewarnt, hatte er einer militarisierten, chauvinistischen Gesellschaft hellseherisch die Schrecken vor Augen gemalt, die ein moderner Weltkrieg mit sich bringen würde.Funote Nach Kriegsausbruch beschränkte sich die "Aktion" auf die Publikation literarischer, literaturkritischer und essayistischer Texte. Doch machte bereits ihre Auswahl die verdeckte politische Funktion dieser Beiträge deutlich, etwa wenn er Sondernummern zu den Literaturen der "Feindstaaten" Frankreich oder Russland erscheinen ließ.Funote

Nach Kriegsende sah Pfemfert die Chance für wegweisende politische Veränderungen. Mit der "Aktion" wendete er sich mehr und mehr sozialistisch-kommunistischen Themen zu. Von dem inzwischen Mode gewordenen Expressionismus, wie von Literatur überhaupt, wollte er nichts mehr wissen. Im April 1918 zog er unter sein Engagement für den Expressionismus einen deutlichen Schlussstrich: "Wenn ich es doch endlich allen Ahnungslosen einhämmern könnte, daß es mir nicht um Literatur, jüngste oder älteste Dichtung geht!" (zit. n. Rietzschel, Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, S. 15) Wolfgang Haug erklärt Pfemferts Bruch mit der expressionistischen Literaturbewegung, deren wohl wichtigster Förderer er über Jahre hinweg gewesen war, so: "Für ihn war diese Kulturströmung immer gleichbedeutend mit ihrer radikalen Haltung; sie gehörte zu einem Lebenszusammenhang, der aus persönlicher Betroffenheit entstanden war. Daß man mit expressionistischer Literatur seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, und daß er, als Herausgeber der 'Aktion', dem ungewollt Vorschub leistete, wollte Pfemfert nicht hinnehmen, und so denunzierte er jeden als Geschäftemacher, der von ihm zu kapitalkräftigen Verlagen abwanderte" (Haug, Das "Phänomen" Franz Pfemfert, S. 34)Funote