1901 erschien der erste Band von Bartels' "Geschichte der deutschen Literatur", deren Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert lag. Im Vergleich mit anderen literaturhistorischen Darstellungen in dieser Zeit wurde Bartels' Literaturgeschichte ein großer Erfolg, vermutlich nicht zuletzt dank ihrer explizit chauvinistischen und antisemitischen Perspektive.Funote

Mit seiner Literaturgeschichte verfolgte Bartels das Ziel einer möglichst vollständigen Prüfung der deutschen Literatur nach antisemitischen, antiintellektuellen, rassistischen, antiurbanen und antimodernen Kriterien. In ihr wurde eine "reine" deutsche, allen anderen überlegene Literatur abgegrenzt vom minderwertigen Rest. Dass er seine Literaturgeschichte als Verteidigung gegen einen imaginären Angriff auf die deutsche Kultur betrachtet, wird bereits im Vorwort von 1901 deutlich: "Über die entschieden-nationale Haltung dieses Werkes endlich brauche ich hoffentlich kein Wort zu verlieren. Eben weil ich vom Standpunkte der Gegenwart schrieb, mußte ich jede Gelegenheit benutzen, den Stolz auf unser deutsches Volkstum zu stärken und das nationale Gewissen zu schärfen - ist doch vielleicht die Zeit nahe, wo deutsche Natur und Kultur die letzte und schwerste Probe zu bestehen haben wird." (Bartels, Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 1, 1924, S. VII)

Aufgrund des großen Erfolges der ersten beiden Bände schrieb Bartels zwei Jahre später als Ergänzung ein "Handbuch zur Geschichte der deutschen Literatur", das mit den anderen beiden Bänden als "Set" verkauft wurde. Schließlich erschien eine einbändige Version der "Geschichte der deutschen Literatur" - von ihr wurden zwischen 1919 und 1924 fast 30 000 Exemplare verkauft. Bartels überarbeitete und radikalisierte seine Literaturgeschichte ständig - bei seiner zwölften Auflage 1933 hatte das Buch endlich den Charakter einer Werkliste, die in die Kategorien "deutsch" und "undeutsch" unterteilt ist. Nebenbei gab Bartels ab 1916 unter dem Titel "Die besten deutschen Romane" tatsächlich eine einfache Liste heraus, auf denen alle Werke vermerkt waren, die Deutsche seiner Ansicht nach lesen sollten.

In den zwanziger Jahre begann Bartels bei seinen Überarbeitungen der "Geschichte der deutschen Literatur" den Vermerk "Jude" hinter alle ihm "verdächtigen" Autoren zu setzen: Formal orientierte er sich an der später auch von den Nazis praktizierten Methode, die Vorfahren bis zu den Großeltern zurückzuverfolgen und davon auszugehen, dass die betreffende Person nicht jüdisch sei, wenn alle vier Großeltern es nachweislich nicht waren. Tatsächlich ging er jedoch eher intuitiv vor: Jeder Autor, den Bartels, sei es aufgrund seiner politischen Einstellung, sei es aufgrund seines literarischen Werkes, ablehnte, konnte damit rechnen, von ihm als jüdisch eingestuft zu werden: "Schlechte Literatur" und "jüdische Literatur" waren für Bartels quasi synonym: "Da es nur nationale Kunst gibt, nur diese von dauerndem Wert für die Menschheit ist, so muß natürlich der nationale Charakter einer Kunst und Literatur immer nach Kräften rein erhalten werden, und schon damit ist ein Grund zur Abweisung des jüdischen Einflusses gegeben. [...] Einen wirklich bedeutenden Gestalter weist die ganze deutsch-jüdische Literatur nicht auf, selbst Heine, Auerbach, Franzos und Schnitzler sind das nicht, auch sie wirken mehr durch interessante Ansätze, Beleuchtung, Tendenzen, Effekte als durch sorgfältige und gewissenhafte Modellierung." (Bartels, Kritiker und Kritikaster, S. 119. Hervorhebung im Original)

In anderen Fällen genügte die bloße Nähe von Autoren zu bekannten Juden oder Jüdinnen: Autoren des S. Fischer Verlags galten ihm generell als jüdischFunote. Solchen Zuordnungen lag die Vorstellung zugrunde, das literarische Werk eines Autors spiegele seine Abstammung wider, da sich in der Literatur stets das Wesen eines Volkes ausdrücke. Nichtsdestotrotz rühmte sich Bartels bei seiner "verdienstvollen" Tätigkeit, die deutsche Literatur von jüdischen Autoren zu "säubern", deutscher Gründlichkeit: "Ich bin außerordentlich vorsichtig, ehe ich einen deutsch schreibenden Dichter als Jude bezeichne, ich tue es nur, wenn ich aus den Werken den Eindruck jüdischer Abkunft oder doch Blutsmischung empfange, wenn ich Bilder gesehen, wenn ich bei der Redaktion des Semikürschner und sonst Nachfrage gehalten habe." (Die Deutsche Not, 1. Jg. 1918, Nr. 10, S. 80) Im Zweifelsfall berief sich Bartels also auf das Aussehen des Autors, den Eindruck physiognomischer Rasseneigentümlichkeiten.Funote

Den Nationalsozialisten, die in Fragen der Abstammung Bartels an Gründlichkeit noch übertrafen, war später das "Empfangen von Eindrücken" denn doch nicht verlässlich genug: Im Dezember 1934 wies Richard Suchenwirth, der damalige Präsident der Reichsschrifttumskammer, Bartels' Verlage an, keine neuen Auflagen zu drucken, bis Bartels' Werke so überarbeitet seien, dass sie nur noch solche Autoren diskriminierten, die entsprechend der NS-Zuordnung tatsächlich als "jüdisch" galten. Bartels' Ruhm als Kultfigur des Nationalsozialismus tat diese Episode freilich keinen Abbruch, und die Situation der betroffenen jüdischen Autoren wurde durch diese Maßnahme nur noch verschlimmert, gab sie Bartels' Hetzschrift doch einen zusätzlichen Anstrich von "Wissenschaftlichkeit".Funote