Kerrs Bedeutung für die Kritik und den Literaturbetrieb seiner Zeit dürfte damit hinlänglich deutlich geworden sein. Dass sich diese Bedeutung über Jahrzehnte hinweg hielt, auch dann, als der Impressionismus längst von anderen Literaturrichtungen abgelöst worden war (Expressionismus, Neue Sachlichkeit), zeugt von der Vielfalt an Werten, Inhalten und Mitteln in Kerrs Kritik. So galt er etwa, auch aufgrund seines politischen Engagements, den frühen Expressionisten als einer der Ihren. Gegenüber seinen zahlreichen Gegnern, die sich etwa in Jacobsohns "Schaubühne" sammelten, inszenierten Franz Pfemfertmehr... und Kurt Hiller in der "Aktion" mehr... eine Gegenattacke in Form einer Umfrage. Ausdruck für die Bedeutung des Kritikers waren auch die nach 1917 im S. Fischer Verlag erschienenen "Gesammelten Schriften" Kerrs oder das 1928 von Joseph Chapiro besorgte "Buch der Freundschaft" mit Beiträgen u.a. von Hermann Bahr, Gerhart Hauptmann, Max Rychner, Arthur Schnitzler, George Bernard Shaw, Ernst Toller und Theodor Wolff.

In diesem Band findet sich auch eine von Rudolf Kayser verfasste, eindrucksvolle Beschreibung der Bedeutung Kerrs für die jungen Intellektuellen: "Alfred Kerrs Bedeutung, wie wir sie damals sahen, hieß kurz: Erlösung der Kritik aus akademischer Trockenheit; fröhliche Wissenschaft im Sinne Friedrich Nietzsches; begeisternde Bejahung des Daseins und vor allem jene neue sprachliche Kunst, in der unser eigener Rhythmus lebendig wird: knapp, geistig, scharf und gesalzen. 'Salz im Ausdruck ist das Pikante, pulverisiert. Es gibt grobkörniges und feines', sagte Friedrich Schlegel. Kerr brachte Salz in den gestuftesten Dosierungen in die zumeist noch fad schmeckende Tages-Kritik. Er fragte nicht nach dem Wert im Sinne einer schulmeisterlichen Ästhetik. Er fragte nicht nach Moral, nach Vollkommenheit, nach Gesetz. Er fragte nach dem Dasein, dem menschlichen und dem künstlerischen, nach Gegenwart und ihrem menschlichen Ausdruck. [...] Alfred Kerrs Revolution der deutschen Kritik war größer, stürmischer und erfolgreicher als je eine andere seit den Tagen der deutschen Romantik." (Chapiro, Für Alfred Kerr, S. 123)

Mit dem Gang ins Exil geriet Kerrs Bedeutung mehr und mehr in Vergessenheit, seinem fortwährenden publizistischen Wirken zum Trotz. Zu Kerrs 80. Geburtstag 1947 verzichteten die meisten deutschen Tageszeitungen und Kulturzeitschriften auf eine Würdigung; für die Generation der Nachkriegsautoren hatte Kerr keine Bedeutung mehr. Später, im Umkreis der Studentenbewegung und Kritischen Theorie, war Bertolt Brechts Denunzierung Kerrs als bürgerlicher "kulinarischer" KritikerFunote populär; Kerr galt nun als erster "Großkritiker" im neu entstandenen System der Massenmedien. Verschiedene Neuausgaben seiner Theaterkritiken änderten daran nur wenig. Erst in den neunziger Jahren kam es im Zuge der im Erscheinen begriffenen neuen Werkausgabe zu einer Kerr-Renaissance, die auch die Wiederentdeckung der Reiseessays und Gedichte Kerrs zur Folge hatte.