Zu den Autoren, die Kerr entschieden propagierte, gehörten vor allem Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen, George Bernard Shaw, Frank Wedekind, Arthur Schnitzler, Carl Sternheim und Robert Musil(mehr...) mehr.... Wenig Verständnis zeigte er dagegen für die Versuche Hofmannsthals, in seinen Werken Vergangenes wieder gegenwärtig zu machen. Auch die Dramen Bertolt Brechts lehnte er in der Regel ab [Link Textbeispiele]. Zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen kam es mit Karl Kraus, später mit den Kritikerkollegen Julius Bab und Herbert Jhering.

KarrikaturKerrs Erscheinen im Theater wurde dabei im Lauf der Zeit zu einer gefeierten oder gefürchteten Selbstinszenierung des Kritikers. Herbert Jhering, der Brecht protegierte, warf dabei Kerr sogar Manipulationsversuche vor: "Um Brechts Frühwerk 'Baal' wurde gestern mittag im Deutschen Theater nicht etwa gekämpft, sondern vorbereiteter Skandal gemacht. Indirekt ermutigt durch die Kritiken des Herrn Kerr, der in ähnlichen Fällen den Beifall für Dichter und Werk zu verschweigen pflegt, um schadenfroh auf Pfiffe und Zwischenrufe hinzuweisen, glaubten skandalsüchtige Theaterbesucher die Pflicht zu haben, sich zu entfesseln. Es gab einst eine Kritik, die das Publikum zu führen suchte. Heute stellt sie sich unter das Publikum. [...] Beim 'Baal' machte Herr Kerr sogar einige geglückte Versuche, höchst persönlich durch provozierendes Lachen und Reden die Vorstellung zu stören." (Ihering, Von Reinhardt bis Brecht, Bd. 2, Berlin 1961, S. 174)

Eine witzige Anekdote über den Einfluss, den das bloße Erscheinen Kerrs im Theater hatte, findet sich bei Gerhart Rühle, der eine Erinnerung Carl Zuckmayers aufgreift: "Wie immer er erschien: es hieß 'Kerr!!' Sichtbarlich stand er im Theaterparkett, bevor der Vorhang aufging. Man sagt, Theater hätten den Beginn verzögert, wenn er nicht rechtzeitig am Platz war. Carl Zuckmayer bezeugt seine Wirkung: 'Gleich neben meiner Mutter saß der grimmige Kerr, der mich bisher so entsetzlich verrissen hatte.' Sie kam in der Pause - es war die Uraufführung vom 'Fröhlichen Weinberg': 'Sie war starr und bleich, und sie flüsterte nur mit verkrampften Lippen vor sich hin: 'Kerr hat zweimal gelächelt.' Wie nennt man das? Macht? Ruhm? Autorität? Was die Mutter berichtete, hieß ihm: 'Der Scharfrichter ist erkrankt. Die Hinrichtung ist aufgeschoben.' Am nächsten Tag fühlte Zuckmayer sich mit dem Lob Kerrs und Herbert Iherings für sein Stück so, als hätten ihn 'Griechen und Trojaner gemeinsam auf das Schild gehievt.' Beide führten damals gerade ihren bis heute unvergessenen kritischen Krieg gegeneinander. Beider übereinstimmendes Lob zählte damals zu den höchsten Auszeichnungen in Berlin." (Rühle, Kerr, der Kritiker, S. 747)