Kerrs literaturkritische Praxis zeichnete sich durch eine Vielzahl von methodischen und vor allem stilistisch-sprachlichen Charakteristiken aus, die seine Rezensionen unverwechselbar machten. Typisch für Kerr war die Tendenz zum Subjektivismus. Der besprochene Text, die rezensierte Theaterinszenierung wurden zum willkommenen Anlass, die Erlebnisse, Assoziationen, Gefühle und Stimmungen des Kritikers festzuhalten. So enthält eine Sammelrezension, in denen Kerr Uraufführungen von Stücken Arthur Schnitzlers, G.B. Shaws und Herbert Eulenbergs besprach, Erinnerungen an eigene Urlaubsreisen und Reiseerlebnisse. Kerrs leitende Fragestellung dabei lautete: "Welche Eindrücke vollziehen sich in mir, wenn ich (mit dem festen Entschluß, über zwei Dramen von Schnitzler, über eines von Eulenberg, viertens über ein Lustspiel von Shaw unweigerlich etwas zu sagen) den Blick nach innen stoße?" (Kerr, Das neue Drama, Bd. 2, S. 275)

"Eindrücke", Impressionen waren es, die Kerr in seinen Kritiken immer wieder präsentierte: Seine Aufsätze bezeichnete er als "Quittungen für Erlebtes" (Kerr, Die Welt im Licht, 1961, S. 7): "Immer wieder horchen, immer wieder feststellen: 'welche Gefühle hat man?'" (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 3, S. 304) Daher wurde er schon früh als "Prototyp des impressionistischen Kritikers" (Wolf Seidl) bezeichnet, und als solcher gilt er noch heute.Funote Doch ist das nur die halbe Wahrheit: Impressionen, Wahrnehmungspartikel und Assoziationen waren nur ein Mittel, mit denen Kerr seine Texte mit einer heute noch beeindruckenden Lebendigkeit ausstattete.

Kerrs Texte sind, jeder für sich, funkensprühende Potpourris eines Formulierungskünstlers, Feuerwerke der Sprachlust, in denen Kerr hemmungslos vor allem eines feierte: das eigene Sprachgenie.Funote Verpflichtet sind sie vor allem dem Witz und der Direktheit. Ohne Zweifel haben diese Texte tatsächlich jene ästhetische Qualitäten, die Kerr von seiner Kritik behauptete. Treffend urteilte Hermann Bahr einmal über Kerr: "hier hat sich einmal ein Dichter in die Kritik verirrt! [...] in ihm steckt ein Kritiker, der aber von einem Dichter überwältigt worden ist." (Chapiro, Für Alfred Kerr, S. 93)

Zu den wichtigsten Merkmalen seines Stiles gehören Nominalstil, der Hang zur Sentenz und zum Aperçu, Neologismen (so entwickelte Kerr im Lauf der Zeit eine eigene Terminologie für Theaterkritik, mit Wörtern wie "Kernbelichtung", "Rampenvogt" usw.), Vergleiche, ein parataktischer Satzbau, Ellipsen, filmähnliche Montagetechnik, fiktive Dialoge, die Anrede des Lesers, die Anrede des Autors, die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten durch Hinzunahme der bis dahin nicht literaturfähigen dialekt- und umgangssprachlichen Wörter (z. B. schnoddrige Berlinismen, Plattdeutsch usw.), die Prägung suggestiver Formeln und die Annäherung der geschriebenen an die gesprochene Rede Funote. Doch liebte Kerr auch den Kalauer ("Blödipus") und die wüste Beschimpfung. So verglich Kerr Sudermanns Stück "Die drei Reiherfedern" mit einer Fehlgeburt: "Ein Kind gab der mißbrauchte Leib nicht her. Bloß einen Abortus. Er starb plutze, wie eine Lichtputze. Soll man über die Grube dieses Wurms einen Spottgesang rülpsen? Man soll es nicht." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. 260)

Kerrs bevorzugte Prinzipien waren dabei Abwechslung, Verdichtung und Konzentration: Neben der Assoziation stand die Analyse, neben dem Reiseerlebnis die Gesellschaftskritik. Und: "Aus einem Gedanken macht der Stückmacher ein Stück. Der Schriftsteller einen Aufsatz. Ich einen Satz." (Kerr, Die Welt im Drama, S. XVIII) Das Weglassen alles Überflüssigen bestimmte Kerrs Prosa: "Die innere Form der Davidsbündlerkritik sei Zusammendrängung. Sie will lieber Extrakt sein als Limonade; lieber mit Blitzlicht arbeiten als mit angereihten Petroleumfunzen." (Kerr, Das neue Drama, S. 9) Während er auf ausführliche Inhaltswiedergaben oder Informationen zum Autor verzichtete, verwendete er umgekehrt das Prinzip der Wiederholung, um dem Leser ihm wichtig scheinende Aussagen geradezu "einzubläuen".

Karikatur Alfred Kerrs aus einer NS-Zeitschrift(größere Abbildung)externes Material
Das wohl berühmteste Mittel Kerrs war jedoch die (meist römische) Nummerierung seiner Texte in einzelne Absätze bzw. Blöcke. Dieses "Markenzeichen" Kerrs verlieh seinen Texten die erregende Offenheit des Fragmentarischen.Funote

Das Resultat der komprimierten Verwendung all dieser Stilmittel war ein Telegrammstil, für den Kerr schon früh berühmt wurde: Als "literarische Stenogramme" bezeichnete Bernhard Diepold 1928 Kerrs Texte: "Nur keiner langen Rede kurzen Sinn verträgt Kerr: der Schöpfer des literarischen Stenogramms. Immer wird der kurzen Rede langer Sinn gefordert. Alles spüren, rasch denken, knapp reden. Kürze ist nicht nur Einfall, sondern Summe von Einfällen. Kürze muß Formel werden. Nicht nur für Gedachtes, sondern für Gesehenes und Gehörtes muß das Wort gefunden werden. Kürze ist psychologische Detektivsarbeit. Den nackten Tatbestand in flagranti ertappen. Autopsie am Tatort. Fünf Sinne haben und ins Wort telegraphieren. Das Geheimnis, das Rezept: Sich nicht den Einfall durch das gerade 'übliche' Sehen, Hören, Riechen, oder durch kulturgeschichtliche Pietät oder gesellschaftlichen Snob-Gemeinsinn kolportieren lassen. Selber sehen, selber hören, selber riechen. Ganz Auge, ganz Ohr, ganz Nase sein. Das allerseltenste: eigenes Auge, eigenes Ohr, eigene Nase! Rasch erspähen, erlauschen, erhorchen! Und das Gewonnene mit Blitzgeladenheit verwörtlichen. Grammophonplatte. Seelen-Aufnahme. Das gibt Eigengewächs: Geheimnis der Persönlichkeit! Stil von innen." (Chapiro, Für Alfred Kerr, S. 149f.)Funote