Trotz der von Kerr programmatisch verkündeten Funktionslosigkeit und Selbstzweckhaftigkeit seiner Kritik wollte er mit ihr zugleich auch Einfluss nehmen auf die Entwicklung der zeitgenössischen Literatur: "Denn ich bin hier: eine Wirkung zu üben auf das Aussondern des Minderen, auf das Stützen des Wertvollen; jeden ernsten Versuch zu schirmen und jede reine Absicht (sofern sie gekonnt, nicht bloß gewollt ist; man ist Kunstrichter, nicht Wulstrichter). / Tastende stützen; den Irrungen der Äffchen einen Damm schieben; sie herumwerfen; Ringenden helfen; Blender und Tamtamiten verspotten; einen reuigen Sünder so lieb haben wie einen Gerechten: das ist es, was ... nicht als Grundsatz vorschwebt, sondern als Praxis herauskommt." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. VII)

Die ästhetischen Werte, auf die Kerr in seinen kritischen Arbeiten rekurrierte, sind zahlreich. Weitgehend treu blieb er auch in späteren Jahren den Maßstäben seiner naturalistischen Herkunft: Realismus, (naturwissenschaftliche) Wahrheit und Wahrhaftigkeit waren für ihn zeitlebens bei der Beurteilung von Theaterstücken und Romanen von großer Bedeutung: "Ethos des Kritikers: Er sei vor allem ein Wahrheitssager." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. X)

Diese Werte vertrugen sich offenbar durchaus mit solchen, die im Umkreis von Lebensphilosophie und Impressionismus propagiert wurden und die für Kerrs Wertesystem wie auch Methode prägend wurden. Dazu gehört zunächst der Wert der psychologischen Richtigkeit: Vom Dichter wurde eine präzise, realistische und vor allem nacherlebbare "Menschengestaltung" bzw. "Seelenschilderung" gefordert: So lobte er an Robert Musils Debütroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", dass in ihm "neue Stufungen im Seelischen" (Tag, 21.12.1906) gezeigt werden. Der Dichter sollte seinen Stoff so durchdringen, dass er ihn "beseelt". Verhasst war Kerr, gerade in Theaterstücken, dagegen alles Künstliche und Artifizielle: So sollten Schauspieler gerade durch die Natürlichkeit ihrer Darstellung überzeugen.

Kunstwerke sollten ihm ein Erlebnis bieten und damit, zur Steigerung des Lebens- und Daseinsgefühls, im Dienst des Lebens stehen. Auch Schönheit galt im Ästhetizismus der Jahrhundertwende nicht als Selbstzweck, sondern als etwas, das dem Leben dienen bzw. zum gesteigerten Leben erwecken sollte. Kerr trat ein für Wirklichkeitsnähe, Daseinsfreude und Verherrlichung des Lebens: "Und in dem was ich höre, liegt alles: die Wurstigkeit gegen Einwände; die Belanglosigkeit der Kunst; und die Seligkeit, die Seligkeit, die Seligkeit des Daseins." (Kerr, Das neue Drama, S. XIII)Funote

Die vitalistische Vorstellung einer dauernden Höher- und Weiterentwicklung, einer zunehmenden Verfeinerung begründete den Fortschrittsoptimismus Kerrs. Gelobt wurde das Neue, das Fortschrittliche. "Ein neuer Mann; ein neuer Wert. Weiter!", hieß es etwa in der Besprechung der Aufführung von Ernst Tollers "Die Wandlung" (Berliner Tageblatt, 1.10.1919). Das Neue, Richtungsweisende galt es auch in schlechten Stücken herauszupräparieren: "Der kommende Kritiker weiß, daß es nicht zu behaupten gilt: dieses Stück ist gut; oder: dieses ist schlecht. Sondern: aus der Art des Mistes auch die Möglichkeit der Blumen zu fühlen, die auf ihm wachsen könnten; deren Wurzeln schon in ihm sind ..." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. IX)

Im Dienste des Fortschritts (des Lebens, der Menschheit, der Gesellschaft ...) sah Kerr nicht nur den Künstler, sondern auch den Kritiker: "Ich zog aus: festzustellen, was ist; zu greifen, was lockt; zu schaffen, was bleibt. / Vorwärtskommend meine Welt vorwärtszubringen." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. V) Im Widerspruch zu den programmatischen Äußerungen, in denen er seine Kritik als Selbstzweck ansah, galt sie jetzt als "Vorwand für den Kampf um eine kühne vernünftigere Menschenordnung" (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. XV): "Der Kritiker sieht (und verlangt) sich als einen Menschen, der [...] niemals (und ob man das dümmste Stück eines schaffenden Idioten besprach) eine Zeile geschrieben, die kein Vorwand gewesen wäre für das Peitschen einer Entwicklung". (Ebd.)

Damit eng verbunden war auch die von Kerr immer wieder eingeklagte Gegenwartsnähe, die Literatur, Dramen und Inszenierungen aufweisen sollten: Die zentralen Aspekte, die brennenden Probleme der Gegenwart sollten auf die Bühne gebracht werden. Berüchtigt war Kerr daher für seine Respektlosigkeit gegenüber dem literarischen Kanon, für seine Klassikerfeindlichkeit. Klassische Stücke waren ihm nur insofern bedeutsam, als sie etwas zum Verständnis der Gegenwart beitrugen. "Ja, Kritik zergliedere sachlich Sachlichstes. Etwa: wie Bearbeitungen alter Stoffe zustandekommen; wie gering ihr Wert für heutige Menschen meistens ist." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. VIII) Entsprechend behandelte er z.B. Schiller als Gegenwartsautor: "Schiller, wir leben in einer neuen Republik. Hilf ihren Anfängen." (Berliner Tageblatt, 4.11.1929)Funote

Im Laufe der zwanziger Jahre, als die politische Bedrohung von Rechts und Links für die Weimarer Republik immer deutlicher wurde, kam es auch zu einer zunehmenden Politisierung im Wertesystem Kerrs. Was er nun verlangte, waren politische Bekenntnisse, Engagement und klar erkennbare Tendenzen: "Die Welt ist für tendenzlose Kunst nicht reif; zwölf Millionen Leichname, sinnlos zerfetzt, beweisen es. Die Kunst um der Kunst willen ist jetzo nicht das wichtigste Ding der Welt." (Kerr, Essays, hg. v. Hermann Haarmann und Klaus Siebenhaar, S. 156) Kerr, der sich schon früh für Demokratie und Meinungsfreiheit engagiert hatte, nutzte seine Kritiken nun verstärkt als Plattform für den politischen Kampf.Funote