Bei Kerr erfuhr die Literaturkritik eine enorme Aufwertung. Ihre übliche dienende, vermittelnde Funktion wurde von ihm suspendiert, und zwar sowohl in Hinsicht auf den Autor wie auch auf das Lesepublikum: "Warum rezensiert man gewisse Dinge? Darum: weil man glaubt, daß eine anständige Rezension bisweilen Aussicht hat, länger zu leben, als ein Schmierenstück. Warum treibt man das Verfassen von Rezensionen? Um des Rezensenten willen. Nicht um des Publikums willen, noch um des Rezensierten willen." (Kerr, Das neue Drama, S. X) Literaturkritik wird demnach, zumindest in der Theorie, funktionslos, sie soll Selbstzweck sein und dient allenfalls noch dem Kritiker als Bühne, auf der er glänzen und sich als Quasi-Künstler vor Publikum und Autor produzieren kann. Konsequenterweise sah Kerr die Kritik als eine neben Epik, Drama und Lyrik gleichberechtigte Kunstgattung an: "Fortan ist zu sagen: Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. VI) Damit knüpfte Kerr an frühromantische Kritikkonzeption, etwa von Novalis [siehe dort] und Friedrich Schlegel [siehe dort], an, an Robert Schumanns "Davidsbündlerschriften" und an Oscar Wildes für die impressionistische Literaturkritik wegweisenden Essay "The Critic as Artist".Funote

Das neue Selbstbewusstsein der Kritik gründete bei Kerr in erster Linie auf neuen formal-ästhetischen Qualitäten, die er von der Kritik verlangte und die zumindest von ihm selbst auch eingelöst wurden: "Die Kritik soll ihr Selbstbewußtsein heben. Sie wird eine Sprachkunst wie die des Herr von Hofmannsthal vielleicht als nicht ebenbürtig zurückweisen." (Kerr, Das neue Drama, S. XIf.) In Umkehrung eines berühmten Diktums von LessingFunote forderte Kerr: "Sie [die Kritik] ist im schönsten Fall eine Kunst. Sie wird um so größer sein, je mehr sie Kunst ist [...] Produktive Kritik ist solche, die ein Kunstwerk in der Kritik schafft. Jede andere Deutung ist leer. Unter den Kritikern hat nur das Recht, einem abgestempelten 'Dichter' zu nahen, wer selbst einer ist." (Kerr, Das neue Drama, S. XI)

Im Anschluss an Oscar Wildes Kritiktheorie konstruierte Kerr eine Analogie von Literatur und Kritik: Das Verhältnis von Literatur und Leben (das Leben als Material der Kunst) sei analog dem von Kritik und Literatur (die Literatur als Material der Kritik): "Der Dramatiker stützt sich auf ein Erlebnis; der Kritiker auf das Erlebnis dieses Erlebnisses. Ihm schwebt ... nicht ein Bühnenwerk vor - in dem fremde Menschen reden. Sondern ein Sprachwerk - in dem er selbst redet. / Das Bühnenwerk ist ihm ein Vorwand, Wesentliches zu sagen: ohne den Umschweif der Bühnenkunst. Nicht ohne das Mittel einer andren Kunst." (Kerr, Essays, hg. v. Hermann Haarmann und Klaus Siebenhaar, S. 337) Die Literatur galt Kerr als Mittel zum Zwecke einer "produktiven Kritik": "In der Kritik also nicht nur die Wahrheit zu sagen (welches Voraussetzung ist), sondern ein Kunstwerk in ihrer Äußerung zu gestalten, eine Schönheit zu zeugen, ein Gebilde zu bilden: nur solche Kritik ist produktiv." (Kerr, Das neue Drama, S. XI)

In Kerrs hypertrophem Selbstverständnis war der Kritiker dem Künstler überlegen, da er bereits verdichtetes, geformtes Leben in der Rezension nochmals verdichte und dabei sein ästhetisches Können auch an noch so missratenen Theaterstücke demonstrieren könne: "Manchmal ist ihr [der Kritiker] Mangel, daß sie so viel höher stehn als abgestempelte Dichter; sich deshalb in deren Gesellschaft ein bißchen langweilen. Sie selber können sich alles viel herrlicher verschaffen: weil sie Worte prägen schöner, singender, tiefer als die sogenannten Verse der andren; weil sie Gestalten auferstehn lassen in fünfzig Zeilen, wessen die andren mit fünf Akten im geringsten nicht fähig sind ..." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. XVIII) Bei Kerr war der Kritiker in der Rolle eines Super-Künstlers: "Der wahre criticus ist ein nicht unzurechnungsfähiger Dichter." (Kerr, Die Welt im Drama, Bd. 1, S. VI)