Alfred Kerr (1867-1948) war im wilhelminischen Kaiserreich wie auch in der Weimarer Republik der prominenteste und einflussreichste Literatur- und Theaterkritiker. Nach seinen Anfängen in der Zeit des Berliner Naturalismus wurde er bald zum Prototyp des impressionistischen Kritikers.mehr... Aufgrund seines charakteristischen Stils und seines politischen Engagements wurde er in den 1920er Jahren jedoch auch von vielen expressionistischen Autoren geschätzt. Heute gilt er als erster "Großkritiker" des sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant entwickelnden Mediensystems.

Mit Kerr kam es zu einer Ästhetisierung der Literaturkritik. In seinen Rezensionen betrieb er häufig eine umstrittene Form der Selbststilisierung und -inszenierung. Seine Texte waren in einem unverwechselbaren, ingeniösen Stil geschrieben. Sein Markenzeichen war die Unterteilung seiner Beiträge mittels nummerierter Absätze. Persönliche Erlebnisse und subjektive Gefühle spielten in Kerrs Kritiken eine große Rolle. Die Kritik galt ihm als neben Lyrik, Drama und Prosa vierte literarische Gattung. Gegenüber dem Autor/Künstler war der Kritiker nicht nur gleichberechtigt, sondern sogar überlegen: der Kritiker als eine Art "Superkünstler". In seinen Rezensionen kämpfte er gegen die "Philister", die Zensur und überkommene Moralvorstellungen. Literatur, Theater und Kritik standen bei Kerr im Dienst der Fortschrittlichkeit und, in einem vitalistischen Sinn, des "Lebens".

Während seines literaturkritischen Wirkens, v.a. für den Berliner "Tag", ab 1919 für das "Berliner Tageblatt", war Kerr in zahlreiche Auseinandersetzungen und Literaturfehden mit Autoren und konkurrierenden Kritikern verwickelt. Während der 1920er Jahre bekämpfte der jüdisch stämmige Kerr entschieden Hitlers NSDAP. 1933 rettete er sich mit seiner Familie ins Exil, zuerst in die Schweiz, später nach Paris und London. Auch im Exil arbeitete Kerr, soweit noch möglich, als Literaturkritiker. Er starb 1948 bei einem Besuch in Hamburg.