In der literaturkritischen Praxis stellte Bahr ein ums andere Mal sein Gespür für zukünftige Entwicklungen der Literatur unter Beweis. Ihm war es weniger um die Deskription der Gegenwart zu tun als vielmehr um die Prognose und Vorformulierung der literarischen Zukunft: Bahr war dem allgemein verbreiteten Urteil immer um einen Schritt voraus. Was sich soeben durchgesetzt hatte, wurde von ihm dagegen verworfen. "Ich habe fast jede geistige Mode dieser Zeit mitgemacht, aber vorher, nämlich als sie noch nicht Mode war." (Bahr, Selbstbildnis, S. 1f.)

Die jeweils aktuellsten Themen wurden von Bahr in Essays oder essayähnlichen Rezensionen, deren stichwortartigen Titel bereits das jeweilige Thema verkündeten (z. B. "Die Décadence", "Symbolisten", "Satanismus"), dargestellt. Häufig bediente er sich aber auch der problemorientierten Rezension: Am fremden Objekt entwickelte er seine eigenen Anschauungen. Eine Neuerscheinung diente ihm dann als Indiz für die Darstellung einer neuen Entwicklung wie etwa in seiner Rezension von Thomas Manns Roman "Königliche Hoheit"Textbeispiel. Bahrs literaturkritisches Verfahren lässt sich mit Gotthart Wunberg als induktiv bezeichnen: "Nahezu alle seine [Bahrs] Äußerungen, die einen literaturkritischen Charakter haben, sind an konkreten Gegenständen, im Anschluß an sie, entwickelt worden. Theateraufführungen, neu erschienene Bücher oder Personen des literarischen Lebens waren für ihn der Anlaß, allgemein zu werden. Viele seiner Aufführungsbesprechungen bieten zu Stück und Vorstellung das wenigste, beschränken sich auf die in einem kurzen Schlußabsatz untergebrachte Aufzählung der Schauspieler. Voraus gehen grundsätzliche Überlegungen zum Fortgang der Literatur überhaupt, der österreichischen speziell. [...] Er zieht die Autoren nicht als Beispiel für ein mitgebrachtes Theorem heran, um es an ihnen zu demonstrieren; das wäre deduktive Kritik, die aus vorangestellten Postulaten auf die Autoren zu schließen und sie so zu messen hätte. Umgekehrt: er führt die Autoren vor und leitet von ihnen ab, was er vorfindet, oder was er fordern muß, weil er es an ihnen vermißt."Funote(Wunberg, Die Wiener Moderne, S. 283f.)

Die Maßstäbe, denen Bahrs Kritiken verpflichtet waren, wechselten naturgemäß mit den literarischen Richtungen, denen Bahr als Schrittmacher vorwegzueilen bestrebt war. Als durchgehender Wert blieb freilich der der "Modernität", "Zeitgemäßheit", "Aktualität", "Neuheit" selbst bestehen. So formulierte er schon früh sein "ethisches Gebot": "modern zu sein. Aber nicht blos einmal modern zu sein, sondern immer modern zu bleiben und das heißt, weil die Beschaffenheit jenes Korrelats [der Ideen] unablässig wechselt, zu jeder Zeit revolutionär zu sein." (Bahr, Zur Kritik der Moderne, S. 16) Freilich verbargen sich hinter der Stilisierung zum "Revolutionär" nicht zuletzt auch handfeste ökonomische Interessen: Wer stets das schreibt, was gerade aktuell und modern ist, braucht sich keine Sorgen darum machen, als Literat obsolet zu werden.

Bahrs Weltanschauung einer sich fortwährend wandelnden, erneuernden Wirklichkeit war dabei einerseits von Nietzsche, andererseits von Marx beeinflusst, dessen dialektische Methode er übernahm, wonach auf Position und Gegenposition eine beide "aufhebende", vereinigende Synthese folgt. Dass für Bahr "Neuheit" als solche bereits ein Wert war, betonte er bereits 1887 in einem Brief an seinen Vater: "Alles wird in der Welt ohne Unterlaß, und wer einmal Glied dieser Welt, erfüllt seine Aufgabe nur, indem er an diesem ewigen Werden teilnimmt, und es nach seinen Kräften unterstützt. [...] Nur nichts Beharrendes, nur keine Dauer, nur kein Gleichbleiben! Fluß, Bewegung, Veränderung, Umsturz ohne Unterlaß: denn jedes Neue ist besser, schon weil es jünger ist als das alte." (Bahr, Briefwechsel mit seinem Vater, S. 154) Damit formulierte Bahr schon früh eine radikale Gegenposition zu dem zu dieser Zeit in Wien herrschenden Historismus.Funote

Davon abgeleitet lassen sich in Bahrs Wertesystem noch weitere Werte bestimmen: vor allem "Jugend"Textbeispiel, "Dynamik" und "Progressivität". Typisch für den Fin-de-Siècle-Bahr waren noch Werte wie "Stimmung", "Gefühl", "Einfühlung", "Ästhetizismus", "Psychologie", "Seele", "Form" usw.

Die Rolle, die Bahr vor allem in seinen Rezensionen über Werke seiner Jung-Wiener Freunde einnahm, war meist die eines ironisch überlegenen, väterlichen Gönners und FörderersTextbeispiel. Die Funktion dieser Beiträge bestand in der Hauptsache in der der Reklame für diese neue Literaturrichtung und damit auch für sich selbst.

Bahr schrieb für zahlreiche Medien: so etwa die "Freie Bühne" / "Neue Rundschau", die Wiener "Deutsche Zeitung", die "Frankfurter Zeitung", das "Berliner Tageblatt", die "Nation", das "Magazin für Litteratur", den "Kunstwart", die "Moderne Dichtung". Von 1896 bis 1899 leitete er das Feuilleton der von ihm mitbegründeten Wiener Wochenschrift "Die Zeit". Später schrieb er als Theaterkritiker für das "Neue Wiener Journal" und das "Neue Wiener Tagblatt". Schon früh erschienen von Bahr auch Sammlungen seiner Essays und Kritiken unter programmatischen Titeln wie "Zur Kritik der Moderne" (1890) oder "Die Überwindung des Naturalismus" (1891). Sammlungen seiner Theaterkritiken erschienen unter den Titeln: "Wiener Theater" (1899), "Premieren" (1902), "Rezensionen" (1903), "Glossen zum Wiener Theater" (1907).