Bahrs Kritikverständnis war geprägt von der Erfahrung der Moderne, und das heißt von dynamischer Veränderung und fortwährender Innovation. Als Hermann Bahr sich um 1890 als Autor und Kritiker einen Namen machte, forderte er auch eine neue, moderne Kritik. Wichtige Vorbilder für sein Kritikverständnis war die psychologische Literaturkritik Paul Bourgets und die ästhetizistische Literaturkritik Oscar Wildes. Während sich nach Bahr die alte Kunstkritik durch den Glauben an unveränderliche ästhetische Werte und Regeln auszeichnete, habe die moderne Kritik die naturwissenschaftliche Erkenntnis einer sich ständig nach dialektischen Gesetzen verändernden Welt und damit auch Kunst zu akzeptieren. Aus diesem veränderten Weltverständnis folgerte Bahr die Ablösung von einer normativen hin zu einer primär deskriptiven Kritik: "Das ist der Unterschied zwischen der alten Kritik und der neuen, daß jene den Künstler belehren wollte und diese will vom Künstler lernen." (Bahr, Zur Kritik der Moderne, S. 248)

Die Kritik hat nach Bahr dem jeweiligen Zeitgeist zu folgen und dem Publikum die jeweils neue Kunstrichtung zu vermittelnFunote. Die Veränderungen der ästhetischen Werte in Kunst und Literatur verglich Bahr mit den Veränderungen in der Mode: "Die litterarische Kritik, wofern sie modern werden will, muß an die Bewegung der Schönheit gewöhnen, an ihr Wachstum in unablässig wechselnder Erscheinung, und, um die Ursachen der Richtung zu begreifen, welche diese Bewegung jeweilig nimmt, ihren Zusammenhang mit ihrer Nachbarschaft suchen. Sie muß sich darein finden, daß, was das eine Geschlecht mit Begeisterung, Leidenschaft und Liebe erfüllte, das nächste langweilt und kalt läßt und daß man die Fassung der Trauerspiele wechselt wie den Schnitt der Beinkleider. [...] Sie hat nicht länger den Künstlern zu declarieren, was ewig schön ist, sondern sie hat aus den Künstlern zu konstatieren, was derzeit schön ist. Sie hat nicht ihnen Lehren zu geben, sondern von ihnen Lehren zu empfangen." (Ebd., S. 250) Zu seiner Gegenwart steht dieser Kritiker in einem prinzipiell affirmativen Verhältnis: "Sie sehen, wie nach heiligen, menschlichem Willen unabänderlichen Gesetzen Menschheit und Welt ringsum sich wandeln ohne Unterlaß, und diesen ewigen Wechsel mit dem Geiste zu folgen, seine Richtungen zu vernehmen und seine Gebote zu empfangen, ist allein ihre Sorge." (Ebd., S. 253)

Ein sich ständig an die neuen Kunstrichtungen anpassender, im Idealfall als Trendsetter der Entwicklung voranlaufender Kritiker bedarf freilich besonderer Eigenschaften. Über einen rigiden Kunstgeschmack oder ein festes Identitätsbewusstsein beispielsweise darf er nicht verfügen. Die Eigenschaft, die Bahr vom modernen Kritiker verlangte, war die Fähigkeit, sich im Dienste der Kunst zu verwandeln, das "Vermögen, sich selbst von sich abzustreifen und sich dafür mit anderen Gehirnen zu bekleiden. Der Kritiker muß ein Verwandlungsmensch sein, ein Kautschukmann und Schlangenmensch des Geistes, der immer aus seiner Haut und in jede fremde Natur kriecht, um aus ihr heraus zu berichten, was in ihr drin geschieht und wie es da aussieht. Der Kritiker muß sich des Eigenen völlig entäußern, seine Instinkte abthun, um die fremden zu erspähen, seinen Willen unterdrücken, um den fremden in Herkunft, Entwicklung und Absicht zu erforschen. Der Kritiker muß ein Entsagender und Verzichtender sein, der Herrschaft verschmäht und lieber zum Dienste der anderen lebt, der gehorsame und selbstlose Freund ihrer Geheimnisse, der alles verzeiht, weil er seine Geschichte weiß, wie es kam und warum es so kommen mußte." (Bahr, Die Überwindung des Naturalismus, S. 123) Als ein solcher "Kautschukmann", der jeder neuen literarischen Mode begeistert folgt, präsentierte sich Bahr sein Leben lang. Entsprechend umstritten war seine literaturkritische Tätigkeit: Vorgeworfen wurden ihm vor allem Prinzipien- und Charakterlosigkeit und Geltungssucht. Maximilian Harden bezeichnete ihn bereits 1891 als "Modenmensch", der sich "mit jedem neuen Jahr in eine neue Geistestracht" vernarrt (zit. n. Rieckmann, Aufbruch in die Moderne, S. 40).

Die Möglichkeit, sich in der Kunstrezeption fortwährend zu verwandeln, neue Identitäten anzunehmen, immer andere ästhetische Positionen und Haltungen zu genießen, wurde von Bahr hymnisch gefeiert und war Teil seines der Décadence und dem Fin-de-Siècle-Ästhetizismus verpflichteten Kunstverständnisses um 1890. "Sich verwandeln. Täglich die Nerven wechseln, so dass dasselbe Leben sich täglich auf einem anderen Planeten erneut. Heute mit Poe in den grinsenden Räthseln jenseits des Todes schwelgen, an den Abhängen des Wahnes, zwischen knochenklapperigen Tänzen kreischender Dämonen, und morgen in frischem Frühlingsfroste mit Liliencron über die nackte, braune Scholle wandern, während im Knickbusch vom letzten Herbste her das rothe Laub verraschelt, Hand in Hand mit dem Treuen, ganz langsam, die reiche Freudigkeit seiner herrlichen Güte mit allen Fängen der Seele schlürfend! Täglich ein anderer sein, ein anderer von den Grossen und, weil man es nicht von Natur als ein unbeachtetes Geschenk, sondern durch Kunst und Zwang erworben hat, es bewusst sein, im deutlichen Gefühle der wechselnden Besonderheit!" (Bahr, Studien zur Kritik der Moderne, S. 11f.) Dem melancholischen Bewusstsein, alle Sinnenreize und Genüsse der Welt längst erlebt zu haben, setzte er die Option entgegen, mit immer neu eingestellten empfangenden Nerven und Sinnen diese Genüsse immer neu erleben zu können: "Wir finden keine neuen Reize für die alten Sinne und Nerven mehr; wie wäre es, wenn wir einmal für die alten Reize es mit neuen Sinnen und Nerven versuchten? Die Speise ist nicht mehr zu vertauschen; wie wäre es, wenn wir einmal den Geschmack vertauschten?" (Ebd.) Eine so konzipierte Kritik stand nicht mehr im Dienst der Kunst, die sie dem Publikum zu vermitteln suchte; ihre Funktion war, typisch für die impressionistische Literaturkritik, primär zweckfreier Selbstgenuss des Kritikers, der als Quasi-Künstler dem Leser entgegentritt.Funote