Bahr war der wichtigste Programmatiker der nach-naturalistischen Literatur. Mit seiner Aufsatzsammlung "Die Überwindung des Naturalismus", 1891 erschienen, wurde er schlagartig bekannt. Während der Naturalismus vor allem in Berlin seinem Höhepunkt erst noch entgegenstrebte, konstatierte Bahr unter dem Eindruck der neuesten französischen Literatur schon dessen Ende. Zu einer Zeit, in der in Deutschland noch um die Anerkennung Zolas gekämpft wurde, hatten in Frankreich bereits symbolistische und impressionistische Autoren wie Joris-Karl Huysmans und Maurice Barrès die Avantgarde übernommen. Bahr sagte eine ähnliche Entwicklung auch für die deutschsprachige Literatur voraus: "Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen. In den breiten Massen der Unverständigen, welche hinter der Entwickelung einhertrotten und jede Frage überhaupt erst wahrnehmen, wenn sie längst schon wieder erledigt ist, mag noch von ihm die Rede sein. Aber die Vorhut der Bildung, die Wissenden, die Eroberer der neuen Werte wenden sich ab. Neue Schulen erscheinen, welche von den alten Schlagworten nichts mehr wissen wollen. Sie wollen weg vom Naturalismus und über den Naturalismus hinaus." (Bahr, Überwindung des Naturalismus, S. 152)

Zwar war für Bahr "Wahrheit" noch immer ein wichtiger Wert. Doch ging es ihm nicht mehr um realistische Darstellung der objektiven Außenwelt. Vielmehr sollten die "Seelenstände" dargestellt werden, die subjektive, von den Sinnen vermittelte (Innen-)Welt: "Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet. Der dienen wir." (Ebd., S. 6) Dieser Satz bezeichnet für den Literaturwissenschaftler Gotthart Wunberg die "Nahtstelle zwischen Naturalismus und Fin de siècle, zwischen Naturalismus und Décadence" (Wunberg, Wiener Moderne, S. 32). Entscheidend war an diesem Satz neben der Relativierung der objektiven Wahrheit die Wendung zur "Empfindung", zur Rezeption: "Ja, nur den Sinnen wollen wir uns vertrauen, was sie verkündigen und befehlen. Sie sind die Boten von draußen, wo in der Wahrheit das Glück ist. Ihnen wollen wir dienen." (Bahr, Überwindung des Naturalismus, S. 4)

Diese von Bahr prognostizierte Wendung nach innen in der Literatur, für die er Schlagwörter wie "nervöse Romantik", "Mystik der Nerven" oder "Romantik der Nerven" prägte, sollte auch die Erkenntnisse der neu entstandenen empirischen Psychologie berücksichtigen. An die Stelle der "Realität" im Naturalismus trat nun die "Seele" und die literarische Erforschung ihrer "sensations" und "impressions" mit psychologischem Wissen und neuen formalen Mitteln (z. B. personale Erzählhaltung, innerer Monolog). Funote

Bahr studierte die Resultate französischer und deutscher Psychologen und Physiker, darunter auch Sigmund Freud und Ernst Mach. Vor allem die monistische Theorie Machs, wonach sich Welt und Ich in ein zusammenhängendes Gewebe aus Elementen/Empfindungen auflösen lassen, sah er als wissenschaftliche Legitimierung seines Glaubens an eine sich unaufhörlich wandelnde Welt ohne beharrende Substanzen und festes Ich. Die Kehrseite dieser rauschhaft gefeierten ewigen Veränderung war die Erfahrung eines instabilen, identitätslosen "unrettbaren" IchFunote.

Bahrs Interesse als Autor und Kritiker galt, für die Décadence typisch, der Beschreibung von körperlichen und geistigen Grenzerlebnissen, Rausch- und Ausnahmezuständen, religiöser Ekstase und sexueller Perversion (Sadismus, Masochismus), denen er bewusstseinserweiternde Qualitäten zuschrieb. Das Ziel des dialektisch denkenden Kritikers war eine nach der Epoche des Idealismus und der des Materialismus/Naturalismus Synthese aus Materialismus und Idealismus, Objektivismus und Subjektivismus, Naturalismus und Romantik.Funote

Der Herausgeber der für die Anfänge der Wiener Moderne wichtigen Zeitschrift "Moderne Dichtung", Eduard Michael Kafka, fasste Bahrs impressionistisches Programm 1891 so zusammen: "Die Sensationen der Nerven, die Augenblicksereignisse im Gangliensystem, die eiligen Wechsel der Stimmungen, das chaotische Gedränge der Associationen, welche die Gedanken und Gefühle gebären, diese gilt's zu fassen und zu fixieren und den anderen zu suggerieren." (Zit. n. Farkas, Hermann Bahr, S. 27)