Als impressionistischer Literatur- und Theaterkritiker war Hermann Bahr (1863-1934) der maßgebende Programmatiker der Wiener Moderne. Er prognostizierte und forderte die "Überwindung des Naturalismus" und vermittelte der jungen, nach-naturalistischen Autorengeneration die neuen, v.a. aus Frankreich kommenden Literaturrichtungen (Fin de Siècle, Décadence, Symbolismus usw.). In den 1890er Jahren war der "Herr aus Linz" der Organisator und theoretische Kopf einer Gruppe von Wiener Kaffeehausliteraten, die als das "Junge Wien" in die Literaturgeschichte einging. Bahr wirkte vor allem als Förderer junger Autoren, darunter Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler.

Bahr rezensierte für zahlreiche Medien, unter anderem für die "Freie Bühne"/"Neue Rundschau"mehr..., die "Frankfurter Zeitung"mehr..., das "Berliner Tageblatt" , die Wiener "Deutsche Zeitung", das "Neue Wiener Tagblatt" sowie für die von ihm mitbegründete Wochenschrift "Die Zeit". Vom Kritiker verlangte er eine ständige Anpassung an neue Kunstrichtungen. Bahrs Weltbild war von der Vorstellung einer hochdynamischen, sich ständig wandelnden Welt (und damit auch Kunst) bestimmt, deren Veränderungen es mitzumachen bzw. vorwegzunehmen galt. Das "Neue" und das "Moderne" waren seine obersten Werte. Der moderne Kritiker sollte kein Richter mit einem starren Kunstgeschmack mehr sein, sondern ein verwandlungsfähiger "Kautschukmann", der sich in die verschiedensten Kunstwerke hineindenken konnte. Wichtig war die impressionistische Wiedergabe von Eindrücken, Stimmungen und Sinnesreizen, die das Kunstwerk im Rezipienten/Kritiker erzeugte.

Als Vordenker und Programmatiker war es Bahrs erklärtes Ziel, der Entwicklung immer um eine Nasenlänge voraus zu sein. Aufgrund der von ihm fortwährend praktizierten "Überwindung" von zuvor von ihm vertretenen Positionen und der Proklamation der jeweils neuesten Kunstrichtung (vom Naturalismus bis zum Expressionismus), war Bahr als Kritiker schon früh umstritten. So verlieh Maximilian Harden dem als "prinzipienlos" verschrieenen Bahr den Spotttitel "Mann von Übermorgen".