Bleibtreus Rolle als Kritiker war die des autoritären Richters, Führers und Erziehers. Zu der von ihm geförderten, aber auch kritisierten jungen naturalistischen Autorengeneration wollte er sich keinesfalls als Mitglied gezählt wissen, vielmehr sah er sich "zu dem Jüngsten Deutschland höchstens in bevormundendem Protectorverhältniss" (Bleibtreu, Kampf um's Dasein, S. V)

Der Literaturwissenschaftler Hartmut Baseler gibt für die Analyse der Rezensionen Bleibtreus folgende Grundregel: "Bei allen Kritiken Bleibtreus ist [...] darauf zu achten, auf welche Stufe des Realismus er den besprochenen Text bezieht. Legt er die Forderungen der Neuen Poesie als Maßstab an den Text, so urteilt er stets aus produktionsästhetischer Perspektive, gilt das eigene Schaffen als Paradigma, wird er sich selbst zur normsetzenden Instanz. Unterhalb dieser Gipfelebene der Literatur, auf der er sich gleichrangig fühlt mit dem Weltdichter Byron, läßt er als Protektor der jüngeren Literatur Leistungen gelten, die der realistischen Bewegung angehören, ohne allerdings seine eigene Bedeutung zu erlangen. Produktionsästhetische Perspektive und Protektorat über die Jüngstdeutschen bilden die persönlichen Grundlagen seines kritischen Wertens." (Baseler, Gerhart Hauptmanns soziales Drama, S. 198)

Bleibtreus literaturkritische Beiträge hatten vor allem sanktionierende, didaktische und reflexionsstimulierende Funktion, häufig verbunden mit der Funktion der EigenwerbungFunote. Dass er nur selten Gelegenheiten ausließ, Werbung in eigener Sache zu machen und sich mit selbstgefälligem Eigenlob zu bedenken, in seiner Darstellung der realistischen Literaturbewegung sogar Selbstrezensionen verfasste, rechtfertigte er mit dem Hinweis auf die gegen ihn gerichtete Verschwörung der zeitgenössischen Literaturkritik: "Doch da ich meine Werke ja mit affektiver Zurückhaltung besprach (es fehlt mir an Worten, um die schamlose Frechheit zu züchtigen, mit welcher man mir Selbst-Lobhudelei vorwarf - soll ich mich selber etwa ebenso todtschweigen, wie die bestochenen Press-Schurken dies belieben? [...]" (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. XIII)

Was er der Tageskritik seiner Zeit vorwarf, nämlich die Kritik als Waffe in einem brutalen Konkurrenzkampf um die literarischen Futtertöpfe einzusetzen, praktizierte Bleibtreu selbst oft genug. Dass er auch mit Mitteln der persönlichen Diskriminierung und Diffamierung arbeitete, gerade wo es um die Ausschaltung von Autoren ging, die auf "seinem" Gebiet, etwa der literarischen Darstellung kriegerischer Auseinandersetzung, tätig waren, zeigen sein Verriss von Tolstojs "Krieg und Frieden"Textbeispiel und seine Kritik an Zolas Kriegsroman "La Débâcle". In ihr macht er sogar die Physiognomie des Autors zum Maßstab für die mangelhafte literarische Qualität: "Man braucht nur seine [Zolas] Physiognomie zu studieren, um in ihm eine Art Ravachol der Litteratur, einen energischen, fanatischen, skrupellosen Vertreter des demokratischen Massenprincips, zu erkennen. Er zieht alles auf ein gleiches Niveau herab." (Die Gesellschaft, 8. Jg. 1892, S. 1158)

Auch wenn sich Bleibtreu selbst als mit unfehlbarer Inspiration und Urteilskraft begabten Kritiker gesehen hat, zeichnete sich seine literaturkritische Tätigkeit doch durch eine Vielzahl von krassen Fehlurteilen aus. So bezeichnete er Tolstojs Roman "Krieg und Frieden" als das "politisch-historisch-militärisch unreife chauvinistische Pamphlet eines Stockrussen" (Die Gesellschaft, 5. Jg. 1889, S. 916)Textbeispiel, hielt Storm und Keller für überschätzt, lehnte Ibsen ab, ebenso den größten Teil des lyrischen Werks Goethes. Dagegen galt ihm Robert Burns als der "größte Lyriker aller Zeiten" (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 892)Textbeispiel. Den naturalistischen Romancier Max Kretzer, als dessen Entdecker sich Bleibtreu gern feierte, rühmte er als "ebenbürtige[n] Jünger Zola's" (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. 36): "Max Kretzer hat wenigstens das Glück gehabt, einen kongenialen Beurteiler [eben Bleibtreu; OP] zu finden [...] Ich selber bin bisher noch nicht so glücklich gewesen [...]." (Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 55. Jg. 1886, S. 448)

Als Redakteur der "Gesellschaft" soll Bleibtreu auch für die Ablehnung von Hauptmanns Stück "Vor Sonnenaufgang" verantwortlich gewesen sein; Hauptmann hatte sein Stück zuerst Conrads Zeitschrift angeboten und feierte nach der Ablehnung mit dem Stück an der Berliner "Freien Bühne" einen epochalen Erfolg. In seinem Erinnerungsbuch zeigt sich Conrad noch Jahre später über diesen Fehlgriff verbittert (vgl. Conrad, Von Gerhart Hauptmann bis Emile Zola, S. 80 f.)Funote

Die ästhetischen Werte, auf die Bleibtreu in seinen Rezensionen rekurrierte, waren "Neuheit", "Originalität", "Subjektivität", "Wahrheit". Wichtig war ihm auch der Wert der "Männlichkeit", der für ein furchtloses Erkennen und Darstellen der Wahrheit (im Gegensatz zu ihrem "weiblich"-furchtsamen Verleugnen) stand: "Ich habe das Wort 'mannhaft' und 'männlich' hier sehr häufig gebraucht und ich wiederhole es zum Schluß. 'Germinal' ist ein Buch der Mannhaftigkeit, das alle Weiber beiderlei Geschlechts wie das Bild von Sais vor Schreck versteinern könnte." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 471)Textbeispiel

Bleibtreus literaturkritischer Stil zeichnet sich durch eine hochmütige, verletzende Kritik aus, häufig im Verein mit selbstgefälligem Eigenlob. Gern verwendete er das Mittel der Satire, die er als "das einreissende zerstörende Element des Fortschritts" (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. 11) bezeichnete. So verballhornte er Namen oder verwendete denunzierende, herabsetzende Bezeichnungen für seine Gegner, mit denen häufig ihre geistige Unreife und Minderwertigkeit gegenüber dem eigenen überlegenen Bewusstseinsgrad gekennzeichnet werden sollte, wie "Dutzendmenschen", "Nulltalentchen", "Gassenbuben", "Pressbengel", "unreife Jünglinge" usw.Funote

Bleibtreus maßlose Ichbezogenheit und Geltungssucht führten dazu, dass er die von ihm kurzzeitig herausgegebenen Zeitschriften "Das Magazin für die Literatur des In- und Auslandes" und "Die Gesellschaft" zu einer Plattform für die Selbstdarstellung und die Austragung von Privatfehden und privater Polemik verwandelte. Viele Leser wurden dadurch verschreckt.Funote