Wie M. G. Conrad führte auch Bleibtreu einen lebenslangen Kampf gegen die zeitgenössische Literaturkritik. Von seinen Kritikerkollegen bei der Tagespresse und in den bürgerlichen literarischen Zeitschriften hielt Bleibtreu genauso wenig wie von den meisten der vom Bürgertum geschätzten Autoren: "Grüne Jungen, Lackstiefel-Dandies, 'die auch mal in Paris jewesen sind', litterarische Commis-Voyageurs, altersschwache Faselhänse, eingebildete Doktrinäre - kurz, alle möglichen Individuen, die weder was geleistet haben, noch leisten werden, noch leisten können, als Produzenten impotente Anempfindler und als Kritikaster schwankende Nachschwätzer: in solchen Händen liegt fast durchweg in Deutschland das kritische Richteramt, mit wenigen löblichen Ausnahmen." (Ebd., S. 468)

Im Unterschied zu Conrads Kritik der Kritikmehr... war die Bleibtreus primär persönlich motiviert.Funote Als Autor fühlte er sich von den "Pressbengeln" der "Neuen Kreuzzeitung" und des "Berliner Tageblatts" verkannt bzw. gezielt totgeschwiegen. "Die Presse unterscheidet sich gar sehr von der Straßen-Prostitution: Jene ist feil für Geld, diese - aus Passion. / Ich habe nun zwanzig Werke verfasst. Wenn irgend einer von den alten Herren oder den grünen Jungen, die abgestandene Brocken des ästhetischen Jargon über mich wiederkäuen, mir beweist, dass er auch nur zwei davon wirklich gelesen hat, so will ich ihm eine warme Semmel spendieren." (Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 56. Jg. 1887, S. 22)

Die Tageskritik brachte ihn, seiner Ansicht nach, um den verdienten Erfolg. Der Literaturbetrieb selbst war für Bleibtreu geprägt von einem sozialdarwinistischen "Kampf ums Dasein" (so ein Buchtitel Bleibtreus), bei dem nicht die Besten, die "Genies" überlebten, sondern die an die von Mittelmäßigkeit geprägten Umweltbedingungen Angepasstesten, die von der Literaturkritik Hochgejubelten: "Aber die 'Größen' bleiben Größen und die Reklamelosen bleiben 'begabte Anfänger' oder 'jüngere Talente' wenn sie auch an Genialität wie Formgebung die wahren Meister sind. Das ist der litterarische Kampf ums Dasein." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 891)

Für den Erfolg eines Autors galt Bleibtreu somit die Literaturkritik als entscheidende Instanz: Mit positiven oder negativen Besprechungen konnten untalentierte Autoren zu literarischem Ruhm gelangen oder Autorenexistenzen vernichtet werden. Bleibtreu warf der zeitgenössischen Literaturkritik vor, ihre Macht gezielt zu missbrauchen. Als Antisemit vermutete er (auch gegen ihn selbst gerichtete) Verschwörungen der jüdischen "Presseclique". "Wogegen ich stets nach Kräften eiferte, das war der jüdische Geschäftsgeist in unserer Litteratur, obschon dies zersetzende Element auch mancherlei günstige Folgen für die deutsche Schlafmützigkeit mit sich brachte." (Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 56. Jg. 1887, S. 554)

Dem gegenüber forderte Bleibtreu von der Kritik vor allem eines: die Unabhängigkeit ihres Urteils über ein literarisches Werk von aller Rücksicht auf den Autor und ebenso von aller Moral und allen politischen Absichten. Ein solcherart ausgeübtes kritisches Richteramt, das ohne Ansehen der Person allein die literarische Qualität beurteilt, attestierte sich Bleibtreu selbst mit der für ihn typischen kraftgenialischen Ausdrucksweise: "Wenn Shakespeare der grösste Schurke gewesen wäre [...], - wären wir minder verpflichtet, ihn zu bewundern? Beim Himmel! Wenn Jesus Christus mir schlechte Gedichte vorlegte, ich würde ihn erbarmungslos vermöbeln, all meiner Ehrfurcht und moralischen Anbetung unbeschadet." (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. XVII) Seine eigenen Urteile wollte er, wohl in Anlehnung an ein Diktum LessingsFunote allein abhängig machen vom jeweiligen Verhältnis von Talent und Erfolg: "Ob ein Autor arm oder reich ist, interessirt mich nicht entfernt bei Beurtheilung seiner Erzeugnisse. Ist er arm und talentlos - welch ein Verbrechen ihn noch aufzumuntern! Ist er arm und talentvoll, - na, ich glaube, man kennt mich dann! Ist er reich, talentlos und erfolggekrönt, - rücksichtslos nieder mit ihm! Ist er reich und talentvoll, - so spanne ich meine Ansprüche als gerechter Mensch höher als bei dem Armen, der nebenbei mit Noth zu ringen hat, aber gerecht gegen das Talent sei man auch hier." (Ebd.) Offensichtlich spielte der ökonomische Erfolg eines Autors durchaus eine Rolle für den Kritiker Bleibtreu.

Wie für die Kunstproduktion galt jedoch auch in der Kritik die Subjektivität für Bleibtreu als letzter Garant für die Richtigkeit des ästhetischen Urteils: "Subjektivität ist Wahrheit, sogar das einzige bestimmt Wahre, und Wahrheit das erste Erforderniss des literarischen Werthes." (Ebd., S. 90) Mit einer gottgleichen unfehlbaren Intuition ausgestattet, bestätigte ihm letztlich sein "instinktives unwiderstehliches Gefühl" (Ebd., S. X) die Richtigkeit seines kongenialen Urteils. Der wahre Kritiker stand somit für Bleibtreu dem Dichter kongenial gegenüber und übte die Rolle eines göttlich inspirierten, unfehlbaren Hohen Priesters des Literaturbetriebs aus.

In einem "Werkstatt"-Bericht beschrieb Bleibtreu seine kritische Praxis wie folgt: "Und weil ich nun selbst Kritiker bin, Kritiker sein muß, damit in dem Chaos von Dummheit, Frechheit und Unwissenheit doch wenigstens irgendwo die Stimme eines Gerechten und Wissenden ertöne, - so erkläre ich es für das Fundament jeder bahnbrechenden Kritik in unserer Sturmzeit: allen sogenannten Kunstregeln des Formalismus, allen Äußerlichkeiten eine ganz sekundäre Geltung zuzumessen und immer nur das Ganze ins Auge zu fassen. Die erste Frage sei: Ist das bedeutend? Die zweite: Ist es originell? Die dritte: Ist es voll Leidenschaft und Gestaltungskraft und poetischer Stimmung? Die vierte: Ist es als Ganzes gut komponiert? Die fünfte: Ist es reich an hübschen Einzelheiten? Und endlich erst die sechste: Ist es 'gut geschrieben', glatt stilisiert?" (Die Gesellschaft, 3. Jg. 1887, S. 657) Dass die Frage nach den formal-ästhetischen Qualitäten eines Textes erst zum Schluss gestellt wird, zeigt erneut Bleibtreus Abwertung der Form des Werks. Wichtiger als diese waren ihm Inhalt, Originalität und Leidenschaft.