Bleibtreus Kampf galt zunächst der affirmativen Literatur der Gründerzeit. An die Stelle des phrasenhaften 'Stimmungsgedusels' sollte ein "neudeutsche[r] Realismus" treten, der der "landläufigen Zucker-Erotik den Garaus machen und in erster Linie politische und soziale Conflikte der Gegenwartshistorie betonen" (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. VIII) sollte und dessen "erste und wichtigste Aufgabe" es sein sollte, "sich der grossen Zeitfragen zu bemächtigen". (Ebd., S. 13)

Unter Realismus verstand Bleibtreu "diejenige Richtung der Kunst, welche allem Wolkenkukuksheim entsagt und den Boden der Realität bei Wiederspiegelung des Lebens möglichst innehält." (Ebd., S. 29) Die Beschreibung des konkreten, "prallen" Lebens sollte abstrakte, formalistische Darstellungsweisen ablösen: "Die Haupterfordernis des Realismus ist die Wahrhaftigkeit des Lokaltons, der Erdgeruch der Selbstbeobachtung, die dralle Gegenständlichkeit des Ausdrucks. Nur der ist zum Realisten tauglich, der die Gabe des technischen Sehens und die Kraft, mechanische Dinge plastisch zu modelliren, besitzt." (Ebd., S. 31)

Wichtig zum Verständnis für Bleibtreus Poetik wie auch Kritik ist das Primat des Inhalts über der Form: "Die alten Herren kamen immer mit der 'Form'. Da möchte man nun gern eilig dagegen setzen: Die Form ist Nichts, der Inhalt Alles!" (Ebd., S. 60) Dies ist in erster Linie gegen den Formalismus und Klassizismus vornaturalistischer Autoren gerichtet, bei denen die ästhetische Form zur beliebig applizierbaren Schablone reduziert wurde. Das Primat des Inhalts bestimmte sowohl Bleibtreus eigene literarische Produktion wie auch sein literaturkritisches Urteilen. So forderte er z.B. im Bereich der Lyrik anstelle der im Bürgertum beliebten Goldschnittlyrik und der Gattung des Volkslieds eine neue, zeitgemäße "Gedankenlyrik", die historische Stoffe (also Inhalte) und nicht bloße Stimmungen transportieren sollteTextbeispiel.

Sein von Heroismus, Nationalismus, Männlichkeitskult und pessimistischem "Weltschmerz" geprägtes Weltbild ließ ihn die Bearbeitung großer historischer Stoffe (Völkerschlachten usw.) sowie die Darstellung großer historischer Persönlichkeiten (Byron, Napoleon) fordern. Unter den Künstlern stand dabei das Dichtergenie, zu denen sich Bleibtreu fraglos rechnete, dem großen Staatsmann, dem Feldherrn usw. gleichrangig gegenüber. "Alle wahren praktischen Heroen der That [...] haben den höchsten Respect vor dem freischaffenden Ingenium empfunden; sie waren alle 'literarisch angehaucht'." (Ebd., S. 77)

Das große, die Masse überragende Individuum, das Genie der Tat und der Kunst, zeichnete sich für Bleibtreu in besonderer Weise durch Leidenschaft, Originalität und schrankenlose Subjektivität aus. In der Subjektivität sah Bleibtreu den rettenden Ausweg aus der von Normen, Konventionen und Formalismen gefesselten literarischen Gegenwart: "In allererster Linie muß die Subjektivität entfesselt werden, um die Erstarrung in konventioneller Schablone zu brechen." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 892)

Die höchste Sprosse der Stufenleiter in Bleibtreus Wertschätzung genoss der "Weltdichter": "Ich unterscheide - die Afterdichter und Anempfindler ganz bei Seite lassend - drei Dichterarten! / Die Conventionellen, welche bei hoher Begabung und Bedeutendheit doch nur in ausgetretenen Gleisen wandeln und in veralteten Formen weiterweben. Die Schöpfer, welche Neues aus sich herausgestalten. Die Weltdichter, welche ihrer Eigenart zugleich den Stempel des Ewigen aufdrücken und, Dichter- und Denkkraft verschmelzend, einen ewigen Gedanken in eigenartige künstlerische Form umgiessen. /Zola ist der einzige Weltdichter seit Lord Byron, obwohl in beschränkter Form." (Bleibtreu, Revolution der Literatur, 3. Auflage, S. 87) In unbeschränkter Form war es wohl, in aller Bescheidenheit, Bleibtreu selbst.

Als besonders eindrucksvolles Beispiel für den Zola-Kult vieler Naturalisten darf Bleibtreus emphatische Schilderung seiner "Bekehrung" zu dem französischen Autor gesehen werden: Zola erscheint hier als überwältigende quasigöttliche Dichterinstanz, die den ungläubigen Kritiker zum getreuen Paulus wandelt: "Nun, ich habe mein Damaskus gefunden. Mit allesüberwältigender Kraft ist der Geist des Gewaltigen über mich gekommen; ehrfürchtig betrachte ich den Koloß, der sich erst jetzt zum ersten Mal in seiner vollen Größe der Welt offenbaret hat. Zola sans phrase! - Mit einem Wort, ich habe 'Germinal' gelesen." (Die Gesellschaft, 1. Jg. 1885, S. 465)Textbeispiel