Marie Conrad-Ramlo schrieb in den Jahren 1887 und 1888 sieben literaturkritische Beiträge für die Zeitschrift ihres Mannes. Die meisten erschienen in der Sparte "Dramatische Litteratur", die sich mit Novitäten auf dem Gebiet des Schauspiels beschäftigte, und zwar bereits vor einer Erstaufführung. Einige ihrer Rezensionen veröffentlichte Conrad-Ramlo unter dem Pseudonym "L. Willfried"; unter diesem Namen schrieb sie später zusammen mit ihrem Mann M. G. Conrad auch Theaterstücke.

In ihren Rezensionen, die sich unter anderem Stücken von Zola, Ibsen und Hermann Bahr widmeten, bekannte sich die Kritikerin zu den realistisch-naturalistischen Wertmaßstäben, wie sie im Münchener Naturalismus der "Gesellschaft" vertreten wurden: "ich gehöre gerade nicht zur äußersten Linken des Realismus, die um jedes poetische Wort einen Umweg macht; ich verlange sogar Poesie in jedem, ganz besonders in dem naturalistischen Kunstwerk." (Die Gesellschaft, 4. Jg. 1888, S. 84)

So verteidigte sie beispielsweise Zolas Stück "Therese Raquin" gegenüber Einwänden, es sei für die Bühne zu brutal: "Also 'Therese Raquin' ist infolge seiner Brutalität bühnenunfähig, aber die übertünchte Brutalität einer 'Theodora', die verführerische Nachtszene in 'Fedora', die über tausend Klippen keck hintanzende 'Cyprienne' dürfen Triumphe ernten? Laßt doch neben diesen vornehmer erzogenen Schwestern auch das ungebildete, rohe, aber in seinem wilden Liebesdurst ihnen vollständig gleiche Weib aus dem Volke Therese Raquin leben!" (Ebd.) Henrik Ibsens Stück "Wildente" feierte sie mit den Worten: "Und das ist's ja, was wir brauchen im Leben, in der Kunst, auf der Bühne - Menschen, Menschen! Menschen von Fleisch und Blut, Kerls, die reden, empfinden und handeln wie Menschen - nicht wie Schablonenhelden, Schmachtlappen, oder Kladderadatschfiguren!" (Die Gesellschaft, 3. Jg. 1887, S. 593) Ähnliche Forderungen lassen sich beinahe wörtlich auch bei ihren männlichen Kritikerkollegen wie M. G. Conrad oder Karl Bleibtreumehr... finden.

Kennzeichnend für ihre Rezensionen ist, dass Conrad-Ramlo die besprochenen Theaterstücke vor allem nach aufführungspraktischen Gesichtspunkten hin prüfte. Für sie als erfolgreiche Schauspielerin, die über langjährige Bühnenerfahrung verfügte, war es wichtig, dass ein Stück handwerklich geglückt und spielbar war. Entsprechende Kritik übte sie z.B. an dem Stück "Die Merowinger" von Detlev von Liliencron, in dem sie unmotivierte Figurenauftritte und -abgänge als Verstöße gegen Bühnengesetze bemängelte. "Auch wirkt es fragwürdig, daß der Dichter die greise Heldin des Stückes zur Bezeichnung ihres hämischen Charakters mit einem 'grunzenden' Lachen behaftet; das ist unästhetisch, und schwerlich wird sich eine Schauspielerin herablassen, auf der Bühne zu 'grunzen'. Hier liegt eben die Grenze zwischen Bühnen- und Romanstil - das Drama verträgt selbst das Rohe Schaudererregende, aber niemals das Unästhetische, Ekelhafte. Natürlich wird der Darsteller diese Klippe sorgfältig vermeiden, selbst wenn sie der Dichter vorzeichnet." (Die Gesellschaft, 4. Jg. 1888, S. 84f.) Es war der Blickwinkel der Schauspielerin, der sie maßgeblich bei der Beurteilung von Stücken leitete. Liliencron warf sie vor: "Allein wer für das Theater dichtet, muß doch schließlich auch ein wenig an das Theater und an die Bedingungen theatralischer Wirksamkeit denken! Die Lösung eines dichterischen Problems allein thut's im Bühnen-Drama nicht." (Ebd., S. 85)

Gerade die Fragen nach Wirkung und Rezeption eines Stücks waren Conrad-Ramlo wichtig. Doch kritisierte sie nicht nur Autoren, denen sie unterstellte, daß ihnen die Bühnenpraxis fremd war, sondern übte auch Publikumsbeschimpfung, sofern sich dieses nur von anspruchslosen Stücken unterhalten lassen wollte: "Wenn ich sage: wir, schließe ich natürlich die Menschen aus, welche ins Theater gehen, nur um sich zu amüsieren, denen überhaupt jede menschliche Erschütterung unbequem ist. Für diese Menschen schreibt Ibsen freilich nicht. Denen sind seine Gestalten zu roh, zu massig, seine Sujets zu groß, zu realistisch; für die sind die Barockheroen, welche das Blut nicht erregen, deren schönsten Phrasen man nicht glaubt, denen die Unechtheit durch den Flitterputz guckt, alte, liebe Bekannte, - denn das Gehirn dieser Spezies ist zu arm, um hohe Preise zu bezahlen, sie fragen daher nach Talmiwaare, nicht nach Gold." (Die Gesellschaft, 3. Jg. 1887, S. 594)

Die Funktion ihrer Rezensionen war demnach, ein neues Stück auf seine Bühnentauglichkeit zu prüfen, Aufführungshinweise zu geben und, reflexionsstimulierend, das Stück innerhalb der neuen naturalistischen Literaturbewegung zu verorten.

Vergleicht man diejenigen Rezensionen, die Conrad-Ramlo unter ihrem richtigen Namen veröffentlichte, mit jenen, die sie unter ihrem (männlichen) Pseudonym "L. Willfried" publizierte, fällt auf, dass die Kritikerin in letzteren wesentlich selbstbewusster, entschiedener, quasi "männlicher" auftrat. Diese Texte sind dann auch dem für die Literaturkritik der "Gesellschaft" typischen rabiat-polemischen Stil verpflichtet: "Meine ganz subjektive Meinung aber ist: Falls das Große auf den Geist zu drückend wirkt, so erdrückt es eben nur Schwachköpfe, der starke Geist kann es ertragen und fordert es." (Ebd. Hervorhebung im Original aufgehoben.)

Häufig bediente sie sich in den unter Pseudonym veröffentlichten Texten der ersten Person Singular. So schrieb sie z.B. in ihrer Rezension von Zolas "Therese Raquin": "Ich für mein Teil, wenn ich ins Theater gehe, will ein volles farbenglühendes Stück wirklichen Lebens sehen, keine durch die Zauberlaterne moderner Vorurteile erzeugten Nebelbilder." (Die Gesellschaft, 4. Jg. 1888, S. 84) Ein solch selbstbewusstes Auftreten, wie es für ihre männlichen Kollegen typisch, für eine Frau dieser Zeit aber für ungehörig galt, findet sich in jenen Texten, die Conrad-Ramlo unter ihrem eigenen Namen veröffentlichte, bezeichnenderweise nicht. Noch Jahre später spielte sie als "Marie Conrad-Ramlo", die als "L. Willfried" mit spürbarer Lust die für die "Gesellschaft" typische männlich-martialische Literaturkritik praktizierte, privat die Rolle der zurückhaltenden Ehefrau. Dem bereits erwähnten Arthur Roeßler beschied sie: "Sie werden wohl am besten thun, meinen Mann über mich zu befragen, denn ich habe eine Scheu davor, von mir selbst zu sprechen. Man weiß ja nie, ob man richtig von sich spricht." (Bühne und Welt, 5. Jg. 1901, S. 962)