Conrad gilt unbestritten als der Entdecker Zolas für Deutschland. Als Literaturvermittler und -kritiker bahnte er mit Aufsätzen und Essays dem französischen Naturalisten im deutschen Sprachgebiet den Weg. Für die Frühnaturalisten, die nach einer eigenen, zeitgemäßen Literatur erst suchten, ohne bereits praktische Erfolge vorweisen zu können, waren ausländische Vorbilder von größter Wichtigkeit: Neben Ibsen, Dostojewski und Turgenjew war dies für sie vor allem Zola.

Conrads Zola-Begeisterung lag jedoch von Beginn an ein fruchtbares Missverständnis zugrunde. Zolas auf "Wissenschaft", "Beobachtung" und "Experiment" gründende Poetik wurde von ihm höchst eigenwillig im Sinne seines "vaterländischen Realismus" interpretiert. In seiner 1906 erschienenen Zola-Studie berichtet er von einem frühen Gespräch mit dem französischen Autor, in dem er in rückhaltlose Schwärmerei ausbrach. Wie subjektiv dabei seine Deutung von Zolas Poetik des Experimentalromans war, verrät sich in dem sich auf Zolas Diktum: "Ein Kunstwerk ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament" beziehenden Ausruf: "- und wo Sie [Zola] von Temperament sprechen, da übersetze ich mit Seele. Und so steigere ich Ihr Forte ins Fortissimo und fühle mich göttlich wohl bei Ihrer Kunst, Meister Zola!" (Conrad, Emile Zola, S. 21) Während Zolas Diktum gerade den Objektivitätsanspruch des Naturalismus formulieren will, läuft Conrads Übersetzung auf ein subjektivistisches Kunstverständnis hinaus. Die Ironie in Zolas Antwort auf diese eigenwillige Übersetzungsleistung dürfte Conrad verborgen geblieben sein, andernfalls hätte er diese wohl kaum so offenherzig publiziert: "Und nun stieß er [Zola] beide Arme hoch in die Luft, daß sie fast die Decke berührten: So sind diese Deutschen! Sie tun, was sie mögen - und man muß noch seine Freude dran haben und sich bei ihnen bedanken. Das ist ja himmelschreiend, was Sie mir da erzählen, Herr Conrad. Wo haben Sie denn das alles her, wo haben Sie zunächst diese tapfere Gewandtheit her, so ganz nach Ihrer Lust mit einer fremden Sprache umzuspringen? Wie lange treiben Sie denn das Französische?" (Ebd., S. 21 f.)

Die freundliche Ironie dürfte Zola jedoch spätestens dann vergangen sein, als ihn Conrad in seiner Begeisterung kurzerhand zu einem "Germanen" erklärte. Mehr als "Hallo!" entgegnete Zola auf dieses "Kompliment" nämlich nicht mehr: "Meister, rief ich [Conrad], Sie sind nicht nur Provençale! Ihre Vorfahren sind weit herumgekommen in der Welt, selbst wenn es keine Aufzeichnung, keine Tradition kündet: Sie haben auch einen richtigen Tropfen germanischen Blutes in Ihren Adern! / - Hallo! / - Jawohl. Ihre unerschrockene Wahrheitsliebe, Ihre Gewissenhaftigkeit, Ihr Bekennermut erinnern an das Reformationsvolk. [...] sehr geehrter Herr, so pflegen nur Dichter zu träumen, die einen guten Tropfen Germanenblut im Leibe haben. / - Hallo!" (Ebd., S. 43.)

Im Rückblick urteilte Conrad freilich zurückhaltender über den französischen Autor, dessen Wert für die deutsche "Literatur-Revolution" er jetzt in erster Linie in dem "sittlichen Vorbild" Zolas sehen wollte: Zola "ist vornehmlich etwas ganz anderes für uns gewesen, als sich die Professoren vom Schlage Volkelts einbilden - nicht der Dalailama einer neuen Kunstoffenbarung, sondern der große, geniale Mutmacher, weniger ein litterarisches, als vielmehr ein sittliches Vorbild. Er hat uns das Herz stark gemacht, unserer mit allen Garantieen des Erfolges und des pekuniären Vorteils ausgestatteten Familien-, richtiger Kinderstubenlitteratur, die allmählich ganz in Heuchelei und Leisetreterei und jämmerliche Ohnmacht versunken war, den Fehdehandschuh hinzuwerfen und das Banner der ehrlichen, freien, unabhängigen Litteratur, der männlichen, starken Kunst aufzupflanzen." (Die Gesellschaft, 6. Jg. 1890, S. 321)