Prof. Dr. Werner Stark
Text der am 4. Mai 2001 (20.oo Uhr) in der Philipps-Universität, Marburg (Germany) als Honorarprofessor gehaltenen Antrittsvorlesung

Immanuel Kants physische Geographie -- eine Herausforderung?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Liebe Freunde und Verwandte,

aus einem nicht allein für mich als Privatperson ungewöhnlichen Anlaß sind wir hier zusammengekommen, und ich möchte, ehe ich zur Sache selbst übergehe, mich ausdrücklich zu der Rolle bekennen, die mir durch dieErnennung zum Honorarprofessor an der Philipps-Universität zufällt: Ich möchte danken für die mir zuteil gewordene Anerkennung, indem ich mich engagiere für die Belange der Universität, des Fachbereiches, des Instituts und schließlich auch des Marburger Kant-Archivs. - Wie einige von Ihnen wissen, ist meine künftige Funktion und Aufgabe innerhalb der Kant-Ausgabe noch nicht wirklich geregelt. Ich bin jedoch zuversichtlich, daß es mit dem zweifelsohne gegebenen guten Willen der Beteiligten gelingen kann, eine sachgerechte Konstruktion zu finden. -- Will sagen, daß die spezielle Marburger Einfärbung der internationalen Kant-Forschung, die Herr Brandt, Herr Euler und ich in den zurückliegenden beinahe zwei Jahrzehnten seit Gründung des Kant-Archivs erreicht haben, auch künftig international sichtbar und am Ort wirksam bleiben kann. Die unlängst erfolgte Berufung von Herrn Kühn, mit dem ich seit Jahren einen - ich kann nun ja im vollen Wortsinn sagen - kollegialen Umgang und Austausch habe, hat schon gezeigt, daß die Philipps-Universität im Rahmen des Instituts für Philosophie diese Farbe gerne weiter tragen möchte.

Bei der Ankündigung meines Vortrags habe ich mich in der Hauptsache aus einem Grund für die Ihnen bekannte sehr offene Frageform entschieden. Ich bin nach meiner mittlerweile rund vier Jahre währenden Beschäftigung mit der Physischen Geographie des Königsberger Philosophen zwar eindeutig zu der Meinung gelangt, daß diese so ganz unphilosophisch klingende und bislang in der Forschung wenig beachtete Vorlesung tatsächlich eine Herausforderung darstellt. D.h. nun freilich nicht, daß ich in wirklich erschöpfender Weise darlegen kann, worin denn diese Herausforderung in allen Verästelungen besteht. -- In den nächsten rund 50 Minuten - werde ich Sie, so hoffe ich jedenfalls, dennoch nicht enttäuschen. Als kritisch eingestellter Wissenschaftler habe ich schon von Haus aus die Neigung, 'letzte Wahrheiten' oder definitive Meinungen zu vermeiden. Insbesondere in historisch ausgerichteten Disziplinen scheinen mir derartige, dezisionistisch motivierte Absichten meist schon im Ansatz verfehlt. Ich kann und will jedoch versuchen, Ihnen dasjenige vorzuführen, was ich zu dieser Frage meine und auf welche Beobachtungen, Erwägungen und Schlüsse ich diese Meinung gründe: Ich hoffe also, Ihnen - nach einer sachlichen Vorbemerkung - drei Felder darlegen zu können, auf denen sich Herausforderungen und Chancen für die Physische Geographie des Königsberger Philosophen lokalisieren lassen.

Zu Beginn - ich bin ja Philosoph - eine Reflexion auf die Frage: inwiefern Kant's Physische Geographie überhaupt als 'Herausforderung' begriffen werden kann? Und für Wen?

Darauf eine Antwort geben, heißt zuerst sagen, worin denn der zu behandelnde Gegenstand besteht und also fragen, welche Anforderungen durch diesen an einen neugierigen Interessenten gestellt sind. Der Gegenstand ist einfach benannt: Kant's Physische Geographie. Doch was ist das? Es gibt diesen ja nicht in der Form, wie es hier in unserer Gegend zur Zeit blühende Bäume, fliegende Schwalben oder liegende Sandsteine gibt. Immanuel Kant's Physische Geographie ist von anderer Natur: Es gibt gedruckte Bücher, die diesen Titel tragen, entsprechende Handschriften des 18. Jahrhunderts, die auf ebensolche Vorlesungen zurückgehen, und schließlich die in Akten der Albertus-Universität und durch vielerlei andere Dokumente bezeugte historische Tatsache, daß Kant während seiner gesamten Zeit als aktiver akademischer Lehrer - immerhin 40 Jahre lang - Vorlesungen über diesen Gegenstand gehalten hat.

Diese Vorlesung hat, wie die Kantvertrauteren unter Ihnen sicher wissen, eine Sonderrolle im Leben des vortragenden Kant gespielt, die hier sachlich einleitend anzusprechen ist, weil mit der 'Sonderrolle' dem Historiker oder Biographen die Aufgabe gestellt ist, eine Antwort zu geben auf die Frage, weshalb Kant offensichtlich ein Faible für Geographie entwickelt und beibehalten hat. Die Tatsache der Sonderrolle ergibt sich aus folgenden Umständen: Kant hat im Unterschied zu vielen seiner zeitgenössischen Fachkollegen an den deutschsprachig protestantischen Universitäten weder als Privatdozent noch als Professor ein im engeren Sinn philosophisches Lehrbuch geschrieben. Stets hat er für Logik, Metaphysik, Moralphilosophie, Natürliche Religion, Rechtsphilosophie, Anthropologie und Enzyklopädie oder auch für Physik und Mathematik die gedruckten Lehrbücher anderer zeitgenössischer Autoren benutzt. Sein Lehrvortrag war - soweit wir wissen - in aller Regel als kritischer Kommentar zu etablierten Lehrbüchern angelegt.

Zu dieser Regel gibt es genau eine, beständige Ausnahme. Die »Physicam Geographiam« hat Kant, wie beispielsweise im Vorlesungsverzeichnis des Sommers 1780 formuliert ist, »ad propria dictata privatim« - nach eigenen Diktaten als Privatkolleg - vorgetragen. Häufig wird in der biographisch orientierten Kant-Literatur ein hier einschlägiges Reskript des auch für die Universität-Königsberg zuständigen Preußischen Staatsministers des Justiz-Departements aus dem Oktober des Jahres 1778 erwähnt. Der an einer Reform des universitären Unterrichts nachhaltig interessierte Minister von Zedlitz untersagte den Dozenten und Professoren der Albertina, nach eigenen Handschriften - eben den Dictata - zu lesen. Wörtlich: »Das schlechteste Compendium ist gewiß beßer als keines, und die Profeßores mögen, wenn sie soviel Weisheit besitzen, ihren Auctorem verbeßern, so viel sie können, aber das Lesen über Dictata muß schlechterdings abgeschaffet werden. Hievon ist jedoch der Professor Kant und sein Kollegium über die Physische Geographie auszunehmen, worüber bekanntlich noch kein eben gantz schickliches Lehrbuch vorhanden ist«.

In der Kant-Forschung wird dieses Reskript in der Meinung herangezogen, der Minister habe sowohl seine besondere Wertschätzung gegenüber Kant ausdrücken wollen - was zweifelsohne richtig ist - als auch, daß der vom Minister angegebene Grund für die Ausnahme des Professor Kant von dem Erlaß historisch zutreffend gewesen ist: Es habe eben zu der Zeit noch kein geeignetes Lehrbuch zur Physischen Geographie vorgelegen. -- Jedoch, es läßt sich mit wenig Aufwand leicht belegen, daß der Minister über eine nur sehr eingeschränkte Sachkompetenz verfügte und daß für Kant selber eine ganz andere Sicht der Dinge angenommen werden muß.

Es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob ich danach frage, aus welchem Grund der Minister die genannte Ausnahme gemacht hat, oder ob ich frage, ob der angebene Grund korrekt ist, bzw. ob ich die Frage auf die hier wichtigste Person ausdehne und wissen möchte, welche Rolle die Physische Geographie denn im akademischen Werdegang von Immanuel Kant gespielt hat.

Was den Minister von Zedlitz angeht, so war seine Meinung eindeutig präformiert. Er hat - wie er Kant im Februar 1778 selber mitteilte - das Manuskript »des HE[rrn] Philippi« gelesen, das dieser von seiner Königsberger Studienzeit (Sommer '71 - Winter '73/74) mit in das Haus seines Vaters, des Berliner Stadtpräsidenten Johann Albrecht Philippi, gebracht hatte. Das Ms ist glücklicherweise in der Sammlung Diez der Berliner Staatsbibliothek erhalten, sodaß man in concreto die Lektüre des Ministers nachvollziehen kann. Und es ist ziemlich sicher davon auszugehen, daß Philippi in einem der drei möglichen Semester (Sommer '71, Winter '71/72 oder Sommer '73) die Vorlesung gehört hat. Der Minister war von der Lektüre des Textes sehr beeindruckt: Er verzichtete darauf, Kant zuzumuten, das »Collegium drucken« zu lassen; er bestand aber mit Nachdruck darauf, einen besser nachgeschriebenen Text zu erhalten. Dieser hat - wie ich meine herausgefunden zu haben - zur Jahreswende '78/79 ihn tatsächlich erreicht. - Auch dies Manuskript ist erhalten.

Obwohl Kant's Antworten auf das Ansinnen des Ministers nicht bekannt sind - nicht einer der Briefe an Zedlitz ist überliefert -, kann doch aus einer Antwort von Zedlitz geschlossen werden, daß vielleicht Kant ihn darauf aufmerksam gemacht hat, daß es Ende der 1770er Jahre sehr wohl gedruckte Handbücher für eine Vorlesung über 'Physische Geographie' gab. Zedlitz erwähnt nämlich in seinem Brief vom 1. August '78, daß er »vor einiger Zeit« angefangen habe, »Bergmans phisische Beschreibung der Erdkugel« zu lesen, wiewohl er mit der ihm vorliegenden Übersetzung aus dem Schwedischen nicht zufrieden sei.

Gleichgültig nun, ob Zedlitz durch Kant's Hinweis oder sonstwie im Verlauf des Jahres 1778 auf die erstmals 1766 in Uppsala publizierte und 1769 in Greifswald herausgekommene Übersetzung des Lehrbuchs von Torbern Bergman aufmerksam geworden ist, Zedlitz hatte eine hohe Meinung von Kant - auch als 'Physischem Geographen' - ohne allerdings die Sache genauer zu kennen. -- Es ist klar, daß die Frage nach der 'Physischen Geographie' nicht bloß so naiv gegenständlich zu verstehen ist - wie ich eingangs suggeriert habe - vielmehr will man ja gerade wissen, von welchem Gegenstand die Physische Geographie als akademische Disziplin handelt. Einfacher: womit beschäftigt sich diese Wissenschaft? Und genauer: wie hat Herr Kant seinen Lehrstoff bestimmt?

So gesehen, ist auch mein heutiges Thema strukturiert: Es gilt in einem ersten Schritt die Überlieferung der Textzeugnisse von Kants physischer Geographie darzustellen und in einem zweiten ist der wissenschaftsgeschichtliche Kontext zu beleuchten, dem diese akademische Disziplin gemäß den verhandelten Inhalten zugehört. Und drittens sind die sich aus beiden Feldern ergebenden Aufgabenstellungen und Anforderungen kurz zu charakterisieren.


Meine erste Frage lautet: welches sind die Grundlinien der Überlieferungsgeschichte?

Geht man auf Distanz zu den zahlreichen Details und komplexen Einzelfragen nach der Entstehung oder Datierung bestimmter Textzeugen, dann lassen sich die Grundlinien verhältnismäßig einfach beschreiben. In guter akademischer Tradition wird so zugleich der Ort der eigenen Forschung - der status quaestionis - bestimmt: die gegenwärtigen Arbeiten an der Herausgabe von Kant's Physischer Geographie sind als ein neunter Schritt anzusehen. -- Ehe ich Ihnen die bisherigen acht vorführe, möchte ich eine generelle Einschränkung machen: Ausgeblendet bleibt der gesamte Komplex der noch weitgehend verschollenen Bestände der beiden großen Königsberger Bibliotheken: der Stadtbibliothek und der Universitätsbibliothek; denn dieser Komplex würde zum einen einen eigenen Vortrag erfordern, zum andern kommt ihm für die Physische Geographie nur eine untergeordnete Rolle zu: Auch ohne die ehemals Königsberger Bestände kann eine Edition dieser Vorlesung hergestellt werden. - Aber der Reihe nach.

1) Zu Beginn seiner Lehrtätigkeit an der Universität hat Kant im April 1757 eine kurze Ankündigungsschrift veröffentlicht: »Entwurf und Ankündigung / eines Collegii / der physischen Geographie, / nebst dem Anhange / einer kurzen Betrachtung / über die Frage: / Ob die Westwinde in unsern Gegenden / darum feucht seyn, weil sie über ein grosses Meer streichen.« Der Text umfaßt nur vier Quartblätter; ein Exemplar des äußerst seltenen Drucks befindet sich in der Stadtbibliothek Worms. Eine ihrer Vorgängereinrichtungen hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine öffentlich angebotene Kant-Sammlung komplett erworben.

2) Allem Vermuten nach hat Kant im Winter 1758/59 einen später so genannten Diktat-Text für seine Vorlesung über Physische Geographie verfaßt. Der Text ist - von wenigen autographen Seiten abgesehen - nur in diversen mehr oder weniger fehlerhaften Abschriften überliefert, deren früheste zu Beginn der 1770er Jahre angefertigt worden ist. Hinzukommt hier, daß Kant diese gewerbsmäßige Abschrift einer sehr flüchtigen Durchsicht unterworfen hat, ehe sie dem adligen Studenten - einem Herzog von Holstein - übergeben wurde. Diese Handschrift haben Herr Brandt und ich zu Beginn der 1980er Jahre hier in Marburg gehabt und verfilmen lassen. Sie ist nach wie vor in Privatbesitz.

3) Im August 1762 - kurz nach dem Abzug der Russischen Truppen, die seit Januar 1758 Königsberg und seine Universität zu einem Subjekt der Russischen Zaren gemacht hatten, kommt der fast 18jährige Johann Gottfried Herder zum Studium nach Königsberg. Ohne Umschweife besucht er die Vorlesungen des Magister Kant, und in der Folgezeit muß sich rasch eine intensive Beziehung zwischen Schüler und Lehrer entwickelt haben. Herder besucht die Vorlesungen des bewunderten Lehrers und fertigt mit großem Fleiß Nachschriften an. Durch und von Kant erhielt er bis zu seinem Weggang nach Riga im November des Jahres 1764 wesentliche Anstöße für seine weitere intellektuelle Entwicklung: die grundlegenden Motive für das philosophische Hauptwerk Herder's - die in den 1780er Jahren veröffentlichten »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« - gehen zurück auf Kant's Vorlesungen über Physische Geographie. Mit den Herder'schen Notizen ist eine Art Detektiv- oder Kriminalgeschichte mit politischen Untertönen verbunden, die ich Ihnen aus Zeitgründen vorenthalten muß. - Nur soviel: 1) Die Herder'schen Mss verschwanden zeitweilig von der Bildoberfläche und kamen erst in den 1990er Jahren wieder in die Eine Berliner Staatsbibliothek. 2) Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 bedeutete auch ein Halt! für die Kant-Ausgabe; es ist unter anderem der Inititiative von zwei Marburger Philosophen - Julius Ebbinghaus und Klaus Reich - zu verdanken, daß die Göttinger Akademie der Wissenschaften die Ausgabe dann fortgeführt hat.

4) In der Universitätsbibliothek Helsinki wird die Nachschrift eines in Riga geborenen Studenten Georg Hesse aufbewahrt, die ausweislich ihres Titelblatts auf eine Vorlesung des Jahres 1770 zurückgehen soll. Die Nachschrift konnte im Zug der ersten Recherchen des Kant-Archivs am Beginn der 1980er Jahre ermittelt werden. Dieser Fund war eine der bestätigenden Instanzen für die am Anfang stehende Hypothese, daß die Nachforschungen der Königlich Preußischen Akademie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sehr lückenhaft gewesen sind. Inzwischen ist sicher, daß von Berlin aus fast gar keine zielgerichteten Recherchen angestellt wurden; die Aufmerksamkeit war eingeschränkt auf das Territorium des damaligen Deutschen Reiches. -- Der von Hesse überlieferte Text ist zwar noch nicht mit letztmöglicher Gewißheit datiert; er ist jedoch unser bisher einziger Repräsentant, der sowohl völlig unabhängig von dem unter Nr. 2 aufgeführten Diktat-Text niedergeschrieben wurde und der sicher vor der gleich als Nr. 5 zu zählenden Vorlesung entstanden ist. Hesse ist unser wichtigster Zeuge, wenn wir den Zustand des Kollegs am Beginn der 1770er Jahre verstehen und nachvollziehen wollen.

5) Beginnend mit dem Winter 1772/73 hat Kant eine Vorlesung über Anthropologie in sein Lehrprogramm aufgenommen. Diese Neuerung war mit einschneidenden Folgerungen für seine Physische Geographie verbunden. In einer kleinen Einladungsschrift zum Sommersemester '75 mit dem Titel »Von den verschiedenen Racen der Menschen« gibt Kant eigens bekannt: Erstens Geographie und Anthropologie werden fortan im steten Wechsel vorgetragen, und zweitens beiden Vorlesungen ist eine »pragmatische« Ausrichtung gemeinsam; sie stellen eine unmittelbar auf Menschen- und Weltkenntnis abzweckende Art des akademischen Unterrichts dar. Dem Sommer wird die Physische Geographie und dem Winter die Anthropologie zugewiesen. Die älteste überlieferte Nachschrift des derart gewandelten Geographie-Kollegs geht zurück auf einen im Oktober 1775 in Königsberg immatrikulierten Studenten namens Johann Sigismund Kaehler. Das Manuskript ist erst zu Beginn der 1980er Jahre von Thomas M. Seebohm (Mainz) in der Bibliothek der Pennsylvania State University Library in Pittsburgh eher zufällig entdeckt worden. Eine deutlich später entstandene, stilistisch überarbeitete Fassung des Kaehler-Textes hat 1982 das gerade konstituierte Marburger Kant-Archiv zusammen mit einem weiteren Restbestand des Nachlasses von Erich Adickes erwerben können.

Bis hierher, d. h. bis Mitte der 1770er, ist die Überlieferung einfach und klar. Für die immerhin noch weitere zwanzig Jahre, bis zum Sommer 1796 gehaltene Vorlesung ist dies nicht mehr der Fall. Die in dieser Zeit entstandenen Manuskripte zeigen kaum glaubliche Phänomene in der Textkonstitution. Die heute in New York, Messina, Berlin und Straßburg bewahrten Handschriften sind sämtlich als Kompilationen bzw. Abschriften von solchen einzustufen: In kaum nachvollziehbarer Weise findet man eine mehr oder weniger bunte Mischung aus altem Diktat-Material, dem Kaehler-Text aus der Mitte der 1770er Jahre und jeweils gerade aktuellen Einschüben und Zusätzen.

6) Als geradezu fatal für die Nachwirkung der Kantischen Vorlesung über Physische Geographie hat sich der Umstand erwiesen, daß Kant - vermutlich im Jahr 1800 - zweien seiner jüngeren Königsberger Vertrauten umfangreiches Manuskriptmaterial ausgehändigt hat. Jaesche und Rink übernahmen - noch zu Lebzeiten des stetig hinfälliger werdenden alten Kant - die Aufgabe, aus den Materialien druckreife Texte primär im Blick auf die vordem von ihrem Lehrmeister gehaltenen Vorlesungen herauszupräparieren. Die Geographie fiel auf den an Orientalistik und Theologie interessierten Friedrich Theodor Rink. Im August des Jahres 1801 geht dieser Rink nach Danzig, um dort eine Stelle als Professor am Akademischen Gymnasium und Prediger an der Dreifaltigkeitskirche anzunehmen. Er stirbt im April 1811.

Nach seinem Umzug hat Rink eine im Frühjahr 1802 in zwei Bänden in Königsberg herausgekommene Schrift fertiggestellt; auf dem Titelblatt ist zu lesen: »Immanuel Kant's Physische Geographie. Auf Verlangen des Verfassers aus seiner Handschrift herausgegeben und zum Theil bearbeitet von D. Friedrich Theodor Rink«. Leider sind bis dato keinerlei entsprechende Handschriften ermittelt worden, sodaß die Forschung auf das gedruckte Buch verwiesen ist, um sich eine Meinung zu bilden, über die Art und Weise, wie Rink dem Kantischen Auftrag nachzukommen suchte. Bei der Lektüre des Buches wird ganz offensichtlich, daß Rink mitten in der Arbeit sein Verfahren geändert hat. In Band und Teil I wird der Text stets mit eigenen nachbessernden Anmerkungen und Verweisen auf aktuelle Literatur begleitet. Band/Teil II schließt sich hingegen so eng an die Handschriften an, daß sogar eine inhaltliche Lücke des Textes ausdrücklich stehen bleibt: Bei der Behandlung der Länder und Staaten in Asien fehlen Indien und die Inseln des fernen Ostens: von Japan bis zu den Ladronen oder Diebs-Inseln, den heutigen Marianen im westlichen Pazifik.

Vergleicht man nun den Rink'schen Text mit einigen der studentischen Manuskripte bzw. dem frühen Diktat-Text von Kant selbst, so stellt man im Kern das Folgende fest: In Band/Teil I wird beginnend bei der Behandlung der »Quellen und Brunnen« ein Wechsel der Vorlage vorgenommen. Anfangs folgt die Rink-Edition dem Kaehler-Text vom Beginn der 1770er Jahre, anschließend bildet der mehr als fünfzehn Jahre ältere Diktat-Text die Grundlage. Ein weiterer Vergleich schließlich führt auf die Annahme, daß Rink in diesem völlig unhistorischen Vorgehen einer einzigen, heute verschollenen Handschrift gefolgt ist. Eine derartige Kompilation findet man nämlich auch in erhaltenen Manuskripten. Es dürfte sich, so meine ich, von selbst verstehen, daß die Rink'sche Edition als solche weder eine auch nur annähernd stimmige Vorstellung von Inhalt und Struktur der Kantischen Vorlesung zu einer bestimmten Zeit vermittelt, noch daß der Text hinreichend vertrauenswürdig ist, um als Kant's Physische Geographie gelesen und benutzt werden zu können. Offensichtlich war Rink sich dieser Lage nicht bewußt; er verstand nicht was er tat.

7) Ehe noch Rink mit seiner Editionsarbeit fertig war, erschienen die ersten beiden Bände eines Konkurrenzunternehmens. Ein gewißer Vollmer brachte 1801 in einem Hamburger Verlag die beiden ersten Teilbände einer schließlich 1805 bis auf vier Bände angewachsenen Ausgabe von »Immanuel Kants Physische Geographie« heraus. Rink und Vollmer stritten mit publizistischen und juristischen Methoden um die Rechtmäßigkeit oder Echtheit ihrer Ausgaben. Und es ist noch ungeklärt, in welchem Umfang die Vollmer'sche Ausgabe tatsächlich - wie angegeben - auf Materialien zurückgeht, die aus Kant's Hörsaal stammen. Das wäre nun nicht weiter von Belang, wenn nicht ein gewisser August Eckerlin sämtliche Bände der Vollmer'schen Ausgabe umgehend ins Italienische übersetzt hätte. Es wundert nicht, bis heute in der italienischen Kant-Literatur seltsamen und wunderlichen Meinungen über die Kantische Physische Geographie zu begegnen. Denn die stets herangezogene Informationsquelle ist die Eckerlin'sche Übersetzung der zweifelhaften Vollmer'schen Ausgabe.

8) Ich komme zum letzten Schritt in meiner Darstellung der Überlieferungslage: Dem gescheiterten Versuch der Preußischen Akademie der Wissenschaften Kant's Physische Geographie auf dem damaligen Niveau der Forschung zu edieren. Ich möchte diesen Punkt heute ganz kurz abmachen, ohne auf Details einzugehen, denn ich möchte Raum und Zeit zur Verfügung haben für den angekündigten zweiten, inhaltlich gegenständlichen Part.

Warum ist also die 1923 in Band IX der Akademie-Ausgabe von Kant's gesammelten Schriften vorgelegte Edition der Physischen Geographie gescheitert?

Wenn ich recht sehe, sind es drei Gründe:
1) Der Text des Bandes war schon 1907/08 gesetzt und gedruckt. Die Publikation wurde ausgesetzt nach einer Intervention von Erich Adickes; denn seine Untersuchungen zu Kants Physischer Geographie hatten den uneinheitlichen Charakter des Rink-Textes von 1802 und dessen mangelhafte Qualität erwiesen.
2) Der Herausgeber Paul Gedan hat seiner 'Einleitung' eine sonst nicht übliche 'Vorbemerkung' vorangestellt, sie endet: »Eine Neuausgabe der physischen Geographie Kants, die imstande wäre, die von Adickes auf breitester Grundlage geführten Untersuchungen nach den von ihm ins Auge gefaßten Richtlinien in erschöpfender Detailarbeit zu Ende zu führen, erscheint leider unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen unmöglich. Das Werk müßte schon durch die erforderlichen reichen Quellennachweise und -vergleichungen einen Umfang annehmen, der sich mit dem für die Akademie-Ausgabe aufgestellten Plan nicht vereinigen läßt.«
3) Nimmt man zusammen: die Erfahrungen bei der Edition von Band 25, d.h. den Vorlesungen über Anthropologie, das bei Geographie und Anthropologie ganz ähnliche Textvolumen von rund 4500 herkömmlichen Schreibmaschinenseiten und die inzwischen erworbenen Kenntnissen zur Praxis der Vorlesung über Physische Geographie, so halte ich für erwiesen: vor rund einhundert Jahren war eine sachgerechte Edition dieser Vorlesung nicht möglich. Es hätte zunächst entschieden werden müssen, welcher Text zum Gegenstand der editorischen Bearbeitung gemacht werden sollte? Bzw. negativ ganz klar gestellt werden müssen, daß weder der Rink-Text noch die Vollmer'sche Ausgabe als Grundlage herangezogen werden durften. Was sollte ediert werden? Der Kantische Diktat-Text? Aber der gehörte doch, gemäß den Leitlinien der Ausgabe in die Abteilung handschriftlicher Nachlaß! Welche der zahlreichen Nachschriften sollte ausgewählt werden? Anhand welcher Kriterien? Wie konnte die Fülle der Textvarianten bewältigt werden?

Es gab -- und darin sehe ich den tieferen Grund für die damalige unentschiedene Lage -- für die gesamte Abteilung IV - die Edition der Vorlesungen - überhaupt kein Konzept. Ein solches konnte es nicht geben, weil die dazu notwendigen Voruntersuchungen nicht angestellt wurden. Die Preußische Akademie hatte sich für ein Editionsvorhaben entschieden -- nicht für quasi archäologische Forschungen in Archiven und Bibliotheken oder gar die Förderung von Spezialstudien zur Aufklärung der Quellen von Kant's Physischer Geographie.

Mit anderen Worten: Ich meine, daß eine der Herausforderungen, die von der Kantischen Physischen Geographie ausgeht, schlicht in der Aufgabe besteht, eine Edition vorzulegen, die sowohl der Überlieferung gerecht wird als auch dem berechtigten Interesse eines Benutzers an zugleich lesbaren und kritisch geprüften Texten nachkommt. Für mich steht fest, das eine derartige 'Edition' nicht allein mit einem herkömmlichen Buch erreicht werden kann. Ohne eine vollständige elektronische Erschließung und Aufbereitung sämtlicher Textzeugen bleiben die Verästelungen der Überlieferung ein undurchdringlicher Dschungel. Eine nach wissenschaftlichen Standards verantwortbare Edition ist ohne elektronische Hilfsmittel und Verfahren zum Scheitern verurteilt.


Meine zweite Frage lautet: Worin besteht das inhaltliche Konzept von Kant's Vorlesung? Oder: Wie hat Kant seine Physische Geographie abgehandelt?

Die chronologisch vorgetragene Darstellung der Textzeugen beinhaltet auch - das wird Ihnen kaum entgangen sein - die Beobachtung, daß Kant wenigstens einmal seine Vorlesung deutlich erkennbar umgestaltet hat: Zu Beginn der 1770er Jahre bei der oder durch die Einführung der Vorlesung über Anthropologie. Wenn man sich nun etwa für die Gründe interessiert, warum Kant die Anthropologie etabliert hat, oder in welchem innerem Verhältnis diese beiden auf Welt- und Menschenkenntnis abzweckenden Vorlesungen stehen, dann wird man ein besonderes Augenmerk auf die Zeit davor haben müssen. Weil ja möglicherweise Gegenstände, die vordem in der Physischen Geographie abgehandelt wurden, nun unter Anthropologie firmieren. Das ist auch tatsächlich der Fall: beispielsweise werden der europäische Erdteil und seine Bewohner nach dem Winter 1772/73 aus der Geographie in die Anthropologie geschoben.

Man darf sich, diese grundsätzliche Bemerkung gestatte ich mir hier, bei Herrn Kant nicht täuschen lassen: als Autor und Philosoph hat er unter der Oberfläche einer äußeren Gleichförmigkeit des öfteren tiefgreifende Umgestaltungen seiner Ansichten und Positionen vorgenommen. Doch habe ich ja nicht versprochen, mich heute über das Verhältnis von Anthropologie und Physischer Geographie zu äußern, sondern den Focus auf die Geographie und jetzt ihren Lehrgehalt zu richten.

Nachdem ich Ihnen schon einige Zeit zugemutet habe, etwas über Kant zu hören möchte ich nun den Autor selbst zu Wort kommen lassen, und Ihnen jetzt den zweiten Absatz seiner frühen Programmschrift aus dem April des Jahres 1757 vorlesen:

»Die Betrachtung der Erde ist vornehmlich dreifach. Die mathematische sieht die Erde als einen beinahe kugelförmigen und von Geschöpfen leeren Weltkörper an, dessen Größe, Figur und Cirkel, die auf ihm müssen gedacht werden, sie erwägt. Die politische lehrt die Völkerschaften, die Gemeinschaft, die die Menschen unter einander durch die Regierungsform, Handlung und gegenseitiges Interesse haben, die Religion, Gebräuche etc. kennen; die physische Geographie erwägt bloß die Naturbeschaffenheit der Erdkugel und, was auf ihr befindlich ist: die Meere, das feste Land, die Gebirge, Flüsse, den Luftkreis, den Menschen, die Thiere, Pflanzen und Mineralien. Alles dieses aber nicht mit derjenigen Vollständigkeit und philosophischen Genauheit in den Theilen, welche ein Geschäfte der Physik und Naturgeschichte ist, sondern mit der vernünftigen Neubegierde eines Reisenden, der allenthalben das Merkwürdige, das Sonderbare und Schöne aufsucht, seine gesammelte Beobachtungen vergleicht und seinen Plan überdenkt.« (II: 003)

Im vorhergehenden, ersten Absatz hat Kant sich auf die Seite der Aufklärung und »richtigen Wissenschaft« geschlagen und dieser den Vorzug gegeben vor Verirrungen »in einer Welt von Fabeln«. Im nachfolgenden dritten Absatz legt er umstandslos dar, daß für die Physische - nicht die politische und nicht die mathematische - Geographie es noch an einem »Lehrbuche [fehlt], vermittelst dessen diese Wissenschaft zum akdemischen Gebrauche geschickt gemacht werden könnte.« Deswegen habe er selbst einen »summarischen Entwurf« aufgesetzt, um einen Leitfaden für den eigenen Vortrag zu haben. Er nennt desweiteren Autoren und Bücher, aus denen er die Materialien übernommen hat und liefert dann einen »Kurzen Abriß der Physischen Geographie«.

Gemäß einer verbreiteten Tradition wird in dem »Abhandlung« genannten Text zwischen einem ersten »allgemeinen« und einem zweiten »besonderen Theil« unterschieden. Der erste Teil ist mit einer ausführlichen Gliederung exponiert und stichwortartig mit Inhalt gefüllt. Für den zweiten Teil wird der Lehrstoff mit knappen orientierenden Bemerkungen nur angedeutet. Man erfährt, daß sowohl das Reich der Natur (Tiere, Pflanzen, Mineralien) Gegenstand sein soll, und daß »dieses zuerst in der natürlichen Ordnung der Classen« vorgetragen wird, und »zuletzt in geographischer Lehrart alle Länder der Erde« durchgegangen werden sollen, »um die Neigungen der Menschen, die aus dem Himmelsstriche, darin sie leben, herfließen, die Mannigfaltigkeit ihrer Vorurteile und Denkungsart, in so fern dieses alles dazu dienen kann, den Menschen näher mit sich selbst bekannt zu machen, [...].«

Nimmt man den sogenannten - vermutlich 1758/59 letztmals von Kant redigierten - Diktat-Text zur Hand, dann findet man ein Vorgehen, das nicht ganz mit dem in der Ankündigungsschrift dargelegten Plan übereinstimmt: Auf den ersten Teil, den man auch als Physische Geographie im engeren Wortsinn bezeichnen könnte, folgen zwei weitere. Der zweite Teil handelt die drei Reiche der Natur ab; wobei dem Menschen zu Beginn des Tierreiches (p.114ff.) ein eigener Abschnitt gewidmet wird. Betrachtet werden äußerlich wahrnehmbare Differenzen - insbesondere bei Hautfarbe und Haarwuchs - zwischen den Bewohnern unterschiedlicher Erdstriche oder Klimazonen. Im dritten Teil trifft man auf eine »Summarische Betrachtung der vornehmsten Natur-Merkwürdigkeiten aller Länder, nach geographischer Ordnung.« (p.228) Die drei Teile der Vorlesung werden ungefähr gleichgewichtig abgehandelt. [Letzte p.344]

Davon abzusetzen ist das Vorgehen in allen übrigen Textzeugen, denn diese zeigen mehr oder weniger explizit - wie die Programmschrift des Jahres 1757 - ein zweiteiliges Vorgehen: Auf den - allgemeinen Teil folgt der besondere, »wo« - wie Kaehler (p.49) formuliert - »von den besondern producten und Erdgeschöpfen geredet wird.«

Läßt man die dispositorische Problematik (Zwei- oder Dreiteilung) beiseite, und konzentriert seine Aufmerksamkeit auf den stofflichen Gehalt der Vorlesung, dann stellt sich rasch die Vermutung ein, daß es für den Teil des Besonderen keinen strukturierenden Oberbegriff oder auch nur eine Orientierung stiftende, umgreifende Fragestellung gibt. Die von Kant verwendete summarische Charakterisierung des Stoffes als '»mit der vernünftigen Neubegierde eines Reisenden« betrachtet' enthält eben kein bestimmtes Kriterium für die Stoffauswahl. Es scheint eher eine Verlegenheitsformel für die allgemein pädagogisch-praktischen Zwecke zu sein, auf die hin er seine Vorlesung in den akademischen Lehrbetrieb eingeführt hat. Die vorfindliche Auswahl bleibt prinzipienlos oder willkührlich.

Anders der erste Teil, der die allgemein sichtbaren Oberflächen- und Klimaphänomene des Planeten Erde im Großen und Ganzen und in loser Anlehnung an die vier 'Elemente' - Wasser, Erde, Luft und Feuer - zu erklären sucht. Er ist in einem eindeutigen Sinn theorielastig: Sein letztlich tragendes wissenschaftliches Paradigma ist eine mathematisierte Galilei-Newtonische Mechanik. Für den anderen, besonderen Teil der Vorlesung ist keinerlei derartig umgreifendes Paradigma erkennbar. Stattdessen wird aus einer schier unendlichen Menge von möglichen Einzelphänomenen, die sich auf der Erde beobachten lassen, nach äußeren vorgefundenen Schemata ohne ersichtliches Prinzip Stoff aneinandergereiht: Phänomene aus drei sogenannten Naturreichen und aus der zufälligen Vierheit der Welt- oder Erdteile: Asien, Afrika, Europa und Amerika.

Wo kann nun eine Herausforderung für eine Beschäftigung mit diesem Stoff liegen? Lacht uns hier - wie es in einer populärwissenschaftlichen Auswahl-Ausgabe des Jahres 1960 heißt - eine »Menge Barock [...] mitten im Rokoko [...] entgegen«? (Skasa-Weiß, S. 46) Bewegt sich die Vorlesung tatsächlich bloß auf dem Niveau von Johann Hübner's »Vollständiger Geographie« aus dem Jahren 1730/31 oder gar in einer Traditionslinie zu dem in Kirchhain geborenen Eberhard Werner Happel, dessen vielbändigem Werk »Größte Denkwürdigkeiten der Welt oder Sogenannte Relationes Curiosae« (1683-1691) im ausgehenden 17. Jahrhundert ein großer literarischer Erfolg beschieden war? Kant soll dieses Buch sogar, wie Johann Georg Hamann beiläufig erwähnt, als er »noch Magister war, [...] vorm Schlafen gehen« immer gelesen haben. (Malter 1990, S. 273)

Ja! und Nein! -- Nicht zugleich sondern nacheinander! -- möchte ich hier im Blick auf meine und Ihre Zeit am liebsten nur kurz antworten. Ich sehe aber ein, daß Sie von mir billig erwarten können, schon etwas genauer zu erfahren, wie das zugehen soll.

Wenn man sich historisch-philologischer Methoden bedient, dann stellt eine Antwort kein Problem dar. Man muß ganz einfach und fest unterscheiden zwischen dem von Kant einmal (Ende der 1750er Jahre) aufgesetzten Diktat-Text und dem damit nicht notwendig übereinstimmenden wirklichen Verhalten in seinen Vorlesungen bis zur Mitte der 1790er Jahre. Man darf sich nicht von dem Umstand täuschen lassen, daß dieser Diktat-Text in großen Teilen oder einzelnen Passagen über die Jahre hin von studentischen oder gewerbsmäßigen Abschreibern weiter gegeben wurde, obwohl die Vorlesung selbst längst ein anderes Gesicht erhalten hat. Liest man die Nachschriften von Herder, Hesse, Kaehler oder Volkmann, so verschwinden zunehmend die im Diktat-Text dargestellten Merkwürdigkeiten und Skurillitäten. An ihre Stelle treten mehr oder weniger ausführliche Hinweise auf und Berichte über die Expeditionsreisen und Forschungen, die von den verschiedenen Europäischen Akademien angeregt worden sind. Den Anfang bildet die große Palästinareise der schwedischen Akademie, über die unter der Leitung von Friedrich Hasselquist in den Jahren 1749-1752 durchgeführt wurde. Der Bericht erschien im Jahr 1762. Ähnlich steht es mit der großen von Dänemark ausgehenden Arabien-Reise, über die die europäische Öffentlichkeit 1772 erstmals umfassend durch Carsten Niebuhr informiert wurde. In diese Reihe gehören auch die Publikationen von Peter Simon Pallas oder Peter Rytschkow, die Anfang bis Mitte der 1770er Jahre die Aufmerksamkeit auf die südlichen Provinzen des Russischen Kaiserreiches gelenkt haben. Es gibt zahlreiche derartige Reisebeschreibungen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, denen eine wissenschaftliche Fragestellung zugrundeliegt. Nicht zuletzt sind hier die Darstellungen zu nennen, die Georg und Reinhold Forster von der zweiten Cook'schen Weltumsegelung abgefaßt haben.

Wenn man sich in guter historisch-philogischer Manier für die Konstitution des frühen, sogenannten Diktat-Textes interessiert, wofür Erich Adickes und Paul Gedan schon vor fast 100 Jahren die Richtung gewiesen haben, dann kann man für den Teil des Besonderen nicht umhin festzustellen, daß es sich dabei nahezu vollständig um Exzerpte aus Lehrbüchern und Reisebeschreibungen handelt, die von Kant sehr rasch als ganz veraltet verworfen worden sind. Zwei Beispiele sollen mir hier genügen, um dies Vorgehen zu illustrieren.

In den Jahren 1740-41 veröffentlichte ein Johann Georg Keyßler in zwei Bänden von insgesamt über 2200 Druckseiten seine »Neueste Reise durch Teutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweitz, Italien, und Lothringen, worin der Zustand und das merckwürdigste dieser Länder beschrieben und vermittelst der Natürl[ichen], Gelehrten, und Politischen Geschichte, der Mechanick, Mahler-, Bau- und Bildhauer-Kunst, Müntzen und Alterthümer erläutert wird.« An mehr als 50 Einzelstellen des Diktat-Textes haben wir - in unserer Arbeitsgruppe - nachgewiesen, daß Keyßler's wahrlich barockes Sammelsurium von Merkwürdigkeiten die literarische Quelle darstellt -- und was für meinen jetzigen Argumentationszusammenhang ebenso wichtig ist -- daß in den späteren Vorlesungen auf keine dieser Stellen positiv Bezug genommen wird.

Das zweite Beispiel. Abgesehen von freilich noch unbefriedigend vielen kurzen Bemerkungen hat nach unseren Ermittlungen eine Serie von 10 Büchern, die sämtlich unter einem Autor namens Thomas Salmon rangieren und die zwischen zwischen 1732 und 1749 in deutscher Übersetzung erschienen sind, die Hauptmasse des Diktat-Textes über Asien und die asiatischen Inseln bereitgestellt. Der zu Beginn dem ersten Band vorgesetzte Reihentitel lautet: »Die heutige Historie oder der gegenwärtige Staat von allen Nationen, worinn ihre Länder, Lage und Beschaffenheit, ihre Personen, Kleidung, Gebäude, Sitten, Gesetze, Gewohnheiten, Religion, Policey, Künste und Wissenschaften, Handlung, Handwercke, Acker-Bau, Pflantzen, Thiere, Mineralien und andre Merckwürdigkeiten ausführlich beschrieben werden.« Kant hat ganz offensichtlich zu Beginn seiner Vorlesungstätigkeit die ebenfalls mehr als 2200 Seiten sorgfältig exzerpiert. Der sachliche Gehalt war spätestens in den 1770er und 1780er Jahren durch die in Büchern und periodischen Magazinen reichlich fließenden aktuellen Reiseberichte hoffnungslos überholt. Konsequenterweise hat Kant auf Lehrstücke aus 'Salmon' verzichtet.

Ich komme zum Schluß: Eine philologisch-historische Betrachtungsweise führt auf Beobachtungen, die die Richtung aufzeigen, in der man seine Untersuchungen richten sollte: Schon sehr früh - Anfang der 1760er Jahre - hat Kant ihm wichtig erscheinende Neuerungen der wissenschaftlichen Erkundung der Erde in die Physischen Geographie aufgenommen. Die stets aktualisierte Vorlesung war attraktiv für ein studentisches Publikum.

Heute kann eine Beschäftigung mit der Vorlesung als Ganzer und den in ihr verhandelten Gegenständen auf folgende Weise spannend werden. Beispielsweise kann man einmal die Perspektive wechseln und die verhandelten Gegenstände unter die erst im ausgehenden 18., im Verlauf des 19. oder gar erst im 20. Jahrhundert entstandenen Strukturen und Fachgrenzen zu subsumieren suchen. -- Ich greife eine Sache heraus. Die im Diktat-Text abgehandelten drei 'Reiche der Natur' stehen quer zu einer bis heute wirksamen fundamentalen Differenzierung in der Chemie des 19. Jahrhunderts, wo der gesamte Gegenstandsbereich der wissenschaftlichen Disziplin mittels eines Prädikat und einer logischen Disjunktion - nämlich in organisch und anorganisch - vollständig umschrieben wird. Entsprechend wundert es nicht, daß eine dem entsprechende Verwendung des Begriffes 'Organismus' zur Zeit des Diktat-Textes bei Kant nicht belegt ist. Erstmals im Ende 1762 erschienenen »Beweisgrund zur Demonstration des Daseins Gottes« findet sich die Redeweise in einer Kantischen Druckschrift - Auch die kurz nach dem »Beweisgrund« entstandenen Notate von Herder nach Kant's Physischer Geographie kennen diese Differenz. Man darf also schließen, daß Kant sich erst Anfang der 1760er Jahre inhaltlich von der mittelalterlich-alchemistischen Vorstellung von den drei Naturreichen gelöst hat und zwar auch dann, wenn er später gelegentlich noch von der veralteten Redeweise Gebrauch macht. Die gesamte uns umgebende Natur zerfällt in den Bereich des Organischen oder des Anorganischen. In dieser Einsicht steckt - das möchte ich nicht unerwähnt lassen - in nuce auch die Erkenntnis, daß die Welt der uns umgebenden Körper nicht allein durch die Gesetze der Newtonischen Mechanik beschrieben werden kann. Für den Bereich des Organischen müssen andere grundlegende wissenschaftliche Termini fixiert und Theorien aufgestellt werden. Kant nennt z.B. ausdrücklich den 'Keim' und verweist mit dem zugehörigen Terminus 'Anlage' auch in seinen philosophischen Schriften der Jahre 1781ff. sehr deutlich auf die im Umkreis der Pariser Akademie der Wissenschaften um die Mitte des 18. Jahrhunderts angestellten Forschungen zur Vermehrung und Zucht von Pflanzen und Tieren.

Es bleibt die simple Feststellung, daß Kant - ausweislich der erhaltenen Nachschriften seiner Physischen Geographie ein wacher Beobachter der naturwissenschaftlichen Publikationen seiner Zeit gewesen ist. Wenigstens in Teilen hat er seine Zuhörer mit diesen Entwicklungen vertraut gemacht. Für uns Heutige bieten diese Texte also die Chance, dem lesenden Kant gleichsam über die Schulter schauen und nachvollziehen zu können, welche Einsichten und Verfahrensweisen der sich rasch entfaltenden Fächer oder Disziplinen, die wir als Chemie oder Biologie bezeichnen, er aufgenommen oder verworfen hat. Für die editorische Bearbeitung liegt die Herausforderung also darin, diesen dynamischen Faktor in Erläuterungen und Kommentar griffig zu machen.

Nimmt man somit an, daß die Vorlesung für Kant zumindest in ihrem besonderen Teil ein sehr dynamisches Gebilde gewesen ist, so verwundert es nicht, daß Kant anscheinend Mitte der 1760er Jahre die ursprünglich wohl gefaßte Absicht, seinen privaten Leitfaden für die Vorlesungen zu drucken, fallen gelassen hat. Am Ende seines Lebens -- als er seine Papiere Jaesche und Rink übergab -- müssen folglich andere Motive eine erhebliche Rolle gespielt haben, worüber ich aber kein Wort mehr verlieren möchte.

Stattdessen möchte ich zum Schluß Ihre Aufmerksamkeit auf den links von mir stehenden Tisch lenken, wo einige der von mir erwähnten Gegenstände zu sehen sind. Dieser Tisch ist gedacht als Anregung, sich eine dritte Herausforderung vorzustellen, die von der Kantischen Vorlesung ausgehen kann: Es wäre reizvoll und sehr lehrreich, wenn hier in Marburg das fachübergreifende Projekt einer Ausstellung über Kants Physische Geographie in Angriff genommen würde. Es ließe sich unmittelbar vor Augen führen, daß in ihr die historischen Äste verschiedener Einzelwissenschaften zusammengebracht werden müssen: Medizin, Chemie, Biologie, Mineralogie und Geographie. -- Weniger phantasievoll kann ich auch formulieren: Die sachgerechte Kommentierung der Vorlesungen überfordert ein 'Fach' genauso wie eine einzelne Person.


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