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Christian Wolff

Philosoph

Christian Wolff (* 1679 in Breslau; † 1754 in Halle) lehrte zwischen 1723 und 1740 an der Universität Marburg. Er gilt als einer der Mitbegründer des modernen Völkerrechts und des Völkerbundgedankens sowie als einer der wichtigsten deutschen Philosophen der Aufklärung.

Lebenslauf

Christian Wolff wurde in eine bildungsaffine Handwerkerfamilie in Breslau geboren. Er besuchte das Gymnasium Maria Magdalena und schloss dieses im Jahr 1699 ab, um in Jena Theologie zu studieren. Über die Mathematik und Philosophie hoffte Wolff, eine unanfechtbare Grundlage für theologische Debatten zu finden. Seinen Magister schloss er in Leipzig ab, kehrte danach nach Jena zurück, um dort seine Disputation vorzubereiten. Im Januar 1703 verteidigte er seine Habilitation-Disputation in Leipzig, die es ihm erlaubte, philosophische und mathematische Vorlesungen zu halten.

1706, angetrieben durch die Niederlage Sachsens im Großen Nordischen Krieg, verließ Wolff Leipzig und reiste auf Empfehlung von Leibniz nach Gießen, um dort eine Professur der Mathematik anzunehmen. Da der hessische Landesherr, der für die Ratifizierung der Berufungsurkunde seine Unterschrift setzen musste, außer Landes war, wurde Wolff auf dessen Rückkehr vertröstet. Er reiste zurück nach Sachsen, wo er im November 1706 als Professor für Mathematik in Halle (zu der Zeit in Preußen liegend) berufen wurde.1)

In Halle begann sein Vorlesungsprogramm 1707, mit einem Fokus auf die Mathematik, da sein Kollege Christian Thomasius die Philosophie stark dominierte. Von diesem grenzte sich Wolff durch eine mathematisch-demonstrative Methode ab, die unter der Studentenschaft zunehmend Zulauf gewann. In Halle begann Wolffs Tätigkeit als Aufklärer mit der Publikation der Vernünfftigen Gedancken ab 1712. Im Rahmen des Hällischen Streits zwischen Wolff, der in seinen Vorlesungen auch Werke aus der chinesischen Philosophie, wie Konfuzius und Mencius einbrachte, und den Pietisten unter August Herrman Francke, die ihn in der Folge des Atheismus und des Fatalismus beschuldigten, wurde Wolff von König Friedrich I von Preußen 1723 sowohl seines Amtes enthoben als auch aus der Stadt Halle verwiesen.

Lehrtätigkeit in Hessen

Wolff ging nach Marburg, wo er bereits zuvor ein günstiges Angebot erhalten hatte. Die Universität Marburg befand sich zu dieser Zeit in einem Zustand der sinkenden Attraktivität, der durch die Anstellung des berühmten Philosophen entgegen gewirkt werden sollte.2) Tatsächlich waren die Lehrveranstaltungen von Professor Wolff so gut besucht, dass aufgrund der fehlenden Räumlichkeiten zahlreiche Interessenten wieder nach Hause geschickt werden mussten. Wolff blieb sechzehn Jahre in Marburg, während der Wolffianismus sich an anderen Universitäten des Alten Reichs weiter entfaltete. Er äußerte sich über die Provinzlage der Stadt 1726 wie folgt:

In Marburg kriegt man wenig oder gar nichts von neuen Sachen zu sehen, oder wenigstens ist bei uns was neu, was anderen Orten schon alt geworden ist.3)

Unter Landgraf Friedrich I von Hessen wurde er 1732 zum Prorektor erhoben, nach der Ansicht von späteren Gelehrten eher durch die Schirmherrschaft des Landgrafen als durch die Wunschvorstellung der Professorenschaft. Sein Vorlesungsprogramm umfasste nahezu alle Disziplinen der damaligen Philosophie, so Logik, Metaphysik, praktische Philosophie (vergleichbar mit Politik), Astronomie, Geographie, Kriegskunst und Physik.

Rückkehr nach Preußen

Sein Ansehen wuchs weiterhin und er wurde in zahlreichen Akademien und Forschungsanstalten, u. a in Frankreich, Russland, Schweden und England, aufgenommen. Als Reaktion nahm der preußische König den Fall Wolff erneut auf. Auch andere bemühten sich, den berühmten Philosophen anzuwerben. Ernst Christoph von Manteuffel gründete 1736 die „Societas Alethophilorum“, die sich mit Wolffs Gedankengut auseinandersetzte und sich für dessen Rehabilitierung bei Hofe einsetzte. Friedrich II rief Wolff 1740, kurz nach seiner Thronbesteigung, zurück nach Halle.

Wolff, nun auch gesundheitlich angeschlagen, griff seine Lehrtätigkeit in Halle wieder auf und wurde dort 1743 Kanzler der Universität. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Halle, wo er mit 76 Jahren verstarb.

Anti-Koloniales Engagement

In seinen Schriften kritisierte er koloniale Eroberungen und lehnte diese als nicht vereinbar mit seinen Vorstellungen von Völkerrecht ab.4) So sind die uneingeschränkte Anerkennung von Freiheit, Gleichheit und Souveränität für alle Völker und Staaten gleichermaßen verpflichtend. Ausnahmen existieren nach Wolff in noch nicht kolonisiertem Gebiet ohne staatlichen Zusammenhang. Das Eindringen in das Territorium indigener Bevölkerungen und die Hinwegsetzung über die Besitz- und Souveränitätsrechte eines anderen Staates hingegen verstoße gegen das von Wolff postulierte Naturrecht.5)

Literatur


1) Hans-Joachim Kertscher: »Er brachte Licht und Ordnung in die Welt« Christian Wolff- eine Biographie, Halle (Saale) 2018, S.75.
2) Hans-Joachim Kertscher: »Er brachte Licht und Ordnung in die Welt« Christian Wolff- eine Biographie, Halle (Saale) 2018, S.146.
3) Hans-Joachim Kertscher: »Er brachte Licht und Ordnung in die Welt« Christian Wolff- eine Biographie, Halle (Saale) 2018, S.158.
4), 5) Benedikt Stuchtey: Die europäische Expansion und ihre Feinde. Kolonialismuskritik vom 18. bis in das 20. Jahrhundert, München 2010, S. 51f.
de/personen/antikolonialisten_und_kolonialkritiker/christian_wolff.txt · Zuletzt geändert: 2022/01/19 14:37 von horstmeier