Universität Bayreuth
Im kosmopolitischen Kino sind Grenzen zentrale Marken der Erzähltopographie, an denen Aspekte von Nationalität, Identität und kultureller Zugehörigkeit verhandelt werden. In Rückgriff auf Kants Konzept des Weltbürgertums sind Grenzen als Orte von gesteigerter rechtlicher Virulenz zu verstehen, da sie Zu-, Durch- und Übergänge über politische, juristische und geographische Kontrollmechanismen regeln. In dieser Eigenschaft sind Grenzen auch Orte, an die sich utopische Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben knüpfen. Zugleich bilden sie häufig die realpolitischen Trennlinien, an denen diese Hoffnungen scheitern. Dies manifestiert sich in Filmen des kosmopolitischen Kinos wie »Lichter« (2003, R: Hans-Christian Schmid), »La Rivière Tumen« (2009, R: Lu Zhang), »Le Havre« (2011, R: Aki Kaurismäki), »Congo River – Beyond Darkness« (2005, R: Thierry Michel) oder »In This World« (2002, R: Michael Winterbottom) unter anderem in der Darstellung von Flüssen, Küsten und Hafenstädten als räumliche, historische und regionale Grenzzonen, in denen sich mit den verschiedenen Figurentypen von Flüchtlingen, Touristen, Terroristen und Einheimischen nicht nur (postkoloniale) Raumdiskurse verdichten, sondern die zugleich durch die Fluidität des Grenzmoments mit sehr spezifischen ästhetischen und narrativen Eigenschaften versehen sind.
Matthias Christen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bayreuth mit einem Forschungsschwerpunkt auf Filmästhetik und Fotographie. Er ist Autor des Buchs »Der Zirkusfilm« (Marburg 2010).