Wann spricht man von Präkarnivorie?


Die karnivore Pflanze muss:

  • Fangvorrichtungen besitzen, mit denen sie die Beute anlockt, gefangen hält und tötet
  • organische Nährstoffe der Beute aktiv verdauen
  • Enzyme zum Verdau selbst produzieren
  • Nährstoffe über Blätter aufnehmen und für besseres Wachstum etc. nutzen

Dabei sind die Fangmechanismen variabel: es gibt aktive und sowohl passive Fallentypen. Entscheidend ist das Vorhandensein von zersetzenden Enzymen, die eine Karnivore zu einem echten Fleischfresser macht.

Leider ist die Karnivorie nicht eindeutig definiert, sodass die Grenzen zwischen Karnivoren und Präkarnivoren fließend ineinander übergehn. Präkarnivore Pflanzen, übersetzt also vor-karnivore Pflanzen, erfüllen nicht alle Voraussetzungen der Karnivorie. Sie besitzen zwar Vorrichtungen um ihre Beute zu fangen, dabei vorrangig passive Fallen, jedoch können sie diese aufgrund fehlender Enzyme nicht selbst verdauen. Vielmehr werden die organischen Nährstoffe durch zersetzende Bakterien freigesetzt und aufgenommen. Die Frage, ob diese Pflanzen nicht dennoch karnivor sind oder nicht, oder ob noch andere Faktoren eine Rolle spielen um Karnivorie zu definieren, wird derzeit immer noch kontrovers diskutiert.

Weder karnivor noch präkarnivor verhalten sich Pflanzen, die:

- klebrige Blätter als Fraßschutz ausgebildet haben (Martyniaceae)

Drei Arten der Teufelskrallen (Proboscoidea louisianica, Proboscidea parviflora, Ibicella lutea) besitzen über die ganze Pflanze verteilt Klebedrüsen an denen Insekten kleben bleiben und sterben. Da bislang weder die Produktion zersetzender Enzyme nachgewiesen wurde noch eine aktive Nährstoffaufnahme belegt werden konnte, muss man davon ausgehen, dass diese Sekretdrüsen lediglich eine Schutzfunktion inne haben. Interessanterweise hat diese Pflanze nicht nur Insekten auf dem Gewissen: Um ihre Samen zu verbreiten, hat die Teufelskralle ihr Kapselfrüchte mit zwei scharfen Haken versehen, die sich damit optimal in potenziellen Verbreitern einhaken. Tritt beispielsweise ein Huftier auf diese gefährliche Frucht, so verendet es meistens an der Verletzung. Aber auch das ist keine Karnivorie. Diese Pflanzen sind einfach nur mörderisch.

- insektenfangende Blüten besitzen, die ihren Fang zur Bestäubung zwingen (Araceae, Orchidaceae)

Solche sogenannten Kesselfallenblumen locken ihre Bestäuber ins Innere der Blüte und lassen diese erst dann wieder frei sobald die Bestäubung erfolgt ist. Bei den Orchideen wie beim heimischen Frauenschuh (Cypripedium calceolus) müssen die Insekten erst wieder die Öffnung finden an der sie mit den Pollen eingepudert werden. Fallen sie später wieder auf solch eine Blüte herein, streifen sie den Pollen beim Hinauskrabbeln wieder an der Narbe ab. Ein trickreiches und sicheres Bestäubungssystem.

- Zufallsfänge von Insekten in wassergefüllten Blattachseln (Dipsacaceae) oder Zisternen (Bromelicaea) enthalten

Auch wenn sich zwei Arten der Bromeliaceae auf dem Weg zur Karnivorie befinden, sind die restlichen toten Tiere in den Zisternen der Bromelien eher Zufälle. Auch bei der heimischen Weberkarde (Dipsacus silvestris) und dem gelben Enzian (Gentiana lutea) lassen sich tote Insekten in den wassergefüllten Blattachseln entdecken, aber noch haben diese Pflanze nicht angefangen die zersetzten Nährstoffe zu nutzen. Eine entstehende Karnivorie wäre dennoch möglich im Zuge der Evolution in den kommenden Jahrhunderten.