Historisches

Der Stadtteil Ortenberg zieht sich östlich der Bahnlinie, von Nord nach Süd, am Fuße der Lahnberge entlang. Im Norden geht er in das Waldtal über, allerdings ist eine eindeutige Abgrenzung ist nur schwer vorzunehmen. Nach Süden definiert die Ortenberggemeinde e.V. den Alten Kirchhainer Weg als Grenze. Durch die B3, die Bahnlinie und die Lahn ist das Viertel mehr oder minder vollständig vom Rest der Stadt getrennt. Mit dem PKW bestehen Zufahrtsmöglichkeiten über den Erlenring und die Georg-Voigt-Straße, die Rudolf-Bultmann Brücke sowie Neue und Alte Kassler Straße. Der wohl wichtigste Fußgänger-Übergang ist der Ortenbergsteg, der den Stadtteil mit dem Haupt-Verkehrsknotenpunkt, dem Hauptbahnhof, verbindet. Für Radfahrer bietet sich der Jägertunnel an, der eine direkte Verbindung zwischen Neuer und Alter Kassler Straße darstellt, welche unter den Gleisen hindurchführt. Ein unabhängiger, später eingegliederter Stadtteil, so wie Cappel, Ockershausen oder Wehrda war der Ortenberg nie. Allerdings ist dieser Teil der Stadt erst recht spät, in den 20er Jahren, bebaut und besiedelt worden. Zuvor gab es auf diesem Gebiet nur Gärten, Wälder und Felder oder Militärische Übungsplätze. Der „Schützenplatz“ und die „Schützenstraße“ haben diesem Umstand ihren Namen zu verdanken. Diese Ländereien gehörten dem Deutschorden, der sich rund um die Elisabethkirche angesiedelt hatte. Durch Napoleons Eroberungszüge entstand von 1807- 1813 das Königreich Westfalen, in dem sein jüngerer Bruder, Jerôme Bonaparte, als König herrschte. Nach der „Völkerschlacht bei Leipzig“, 1813, wurde das Königreich wieder aufgelöst und Wilhelm I als Kurfürst eingesetzt. 1809 wurde der Besitz des Ordens säkularisiert.
Zwei Jahre später, 1811, kaufte Wilhelm Hoffmann das Land, zu dem das heutige Biegen- und Nordviertel und der Ortenberg gehört.
Anschluss an das Eisenbahnnetz, durch den Bau der Main-Weser Bahn, erhielt Marburg mit der Anlage des Bahnhofes im Jahre 1847. Bis zur Annexion durch Preußen, 1866, wurden keine weiteren großen Bau- und Erweiterungsmaßnahmen durchgeführt, was Marburg wie eine verschlafene Kleinstadt wirken ließ. Nun veränderte die Stadt ihr Gesicht, die Einwohnerzahlen stiegen rasch an, was mit einem erhöhten Bedarf an Wohnraum einhergeht und die Universität, jetzt eine preußische, wurde ab 1870/71 zielstrebig ausgebaut. Dieser Ausbau vollzog sich vor allem im Nordviertel, wo Institute für Medizin und Naturwissenschaften errichtet wurden. 1882/84 wurde die Hauptpost in der Bahnhofsstraße erbaut. Hier siedelten sich auch die Kliniken an. Den Anfang machte die Augenklinik 1883/87, daneben entstand 1886/89 die Pathologie sowie die medizinische Klinik. Die private Bauentwicklung kam etwas zögerlich daher, 1884 standen an der neuen Kassler Straße sieben, in der Afföllerstraße vier und in der Bahnnofsstraße 18 Wohnhäuser. Als letzte Ausweitungsmöglichkeit der Stadt blieb der bis 1889 völlig unbebaute Biegen. Dieses Land gehörte allerdings dem Großgrundbesitzer Eduard Hoffmann, der es von seinem Großvater geerbt hatte. Er teilte es in Parzellen und verkaufte das Bauland an die Stadt. Zuerst wurden die heutige Oberrealschule und die Friedrich- Ebert- Schule erbaut. Schlimmer war noch die Errichtung der  4-5 stöckigen Wohnkasernen in der Biegenstraße. Marburger Bürger empfanden diese dicht an dicht gedrängte Bauweise, im Gegensatz dazu die offene Bauweise des Südviertels, als Verunstaltung ihrer Stadt. Für sich selbst ließ Hoffmann einen Gutshof mit stattlichem Herrenhaus am Ortenberg errichten. Später beherbergte diese Anlage das Jägerheim, heute steht auf dem Platz das „Vilmarhaus“ der Evangelischen Studierendengemeinde. 1900 wurde die Ortenbergstraße, ab 1984 in Rudolf-Bultmann Straße umbenannt, erbaut. Hoffmann gab das Grundstück, die Stadt baute die Straße und für die Überbrückung der Bahn sorgte der preußische Staat. Sieben Jahre später wurde der Neubau des Hauptbahnhofes im Jugendstil in Angriff genommen. Zur gleichen Zeit entwickelte sich das Afföller-Viertel, angestoßen durch den Marburger Spar-und Bauverein. Dieser kaufte einige von Hoffmann veräußerte Grundstücke, die die verschuldete Stadt nicht erwerben konnte, um auf ihnen billige und gesunde Wohnungen für Familien mit bescheidenem Einkommen zu schaffen. Hier wohnten überwiegend Post- und Bahnbeamte mit ihren Familien sowie Arbeiter und Angestellte aus dem Nordviertel. Der heutige Schüler-Park war 1906 ein Geschenk des Gutsbesitzers an den Oberbürgermeister. Die Bürger, die sich zuvor über die Bebauung des Biegenviertels erbost hatten sollten mit der Anlage eines Parks beschwichtigt werden. Im Jahre 1913 machte die Universität mit dem Bau der - 1920 in Betrieb genommenen - Nervenklinik den ersten Schritt über die Lahn.

Das Hoffmann’sche Gut konnte nicht lange aufrechterhalten werden. Der 1. Weltkrieg und die darauffolgende Krise zwangen den Besitzer zum Verkauf des Anwesens. 1918 war das Gutshaus zum Jägerheim umfunktioniert worden, um Kriegsverletzte aufzunehmen. Bereits ein Jahr später beschlagnahmte die Stadt den Besitz. Ab 1924 wurde das Jägerheim als Erholungsstätte für Kinder und Erwachsene geführt. Der große Wirtschaftshof des ehemaligen Guts wurde 1926 zum Reitinstitut der Universität.
Die Bestimmungen des Versaillers Friedensvertrages zwangen viele „Reichsdeutsche“, aus dem ehemals besetzten Elsass und Lothringen zum Umsiedeln. In Marburg lebte die „Elsässer Gemeinde“ in der Lenau-, André- und Dürerstraße. Als Versammlungsort diente ihnen das Hotel „Stadt Straßburg“, später als Gaststätte „Straßburger Hof“ bekannt. Vor allem die „Elsässer“ hatten sich schon sehr früh um den Ortenbergsteg bemüht, der 1930 endlich fertig gestellt wurden. In den 30er Jahren war der Ortenberg sogar Luftkurort. Warum die Luft auf der östlichen Seite der Bahn heilsamer sei als auf der westlichen, ist nicht überliefert. 1929 öffnete das Kurhotel seine Tore und bekam den Ruf, eines der besten, wenn nicht sogar das Beste Hotel Marburgs zu sein. Der Stadtrat fand sich hier zum geselligen Ausklang ein oder um festliche Anlässe in einer gebührenden Umgebung abhalten zu können. Nach der Machtergreifung Hitlers fanden im Kurhotel am Ortenberg auch nationalsozialistische Veranstaltungen und Feiern statt. Dieser Umstand war Grund für eine späte Wiedereröffnung, nachdem das Gebäude von der Besatzungsmacht wieder freigegeben wurde. Der Betrieb hielt sich ab 1956 noch 20 Jahre und wurde 1980 vom Hamburger „Institut für berufsbezogene Erwachsenenbildung GmbH“ aufgekauft. Seit Ende 1993 ist das Gebäude im Besitz der Jesus-Gemeinschaft e.V. und in Christhaus umbenannt worden.
Auch das Jägerheim fiel 1941 an die Nazis und diente sogar bis nach Kriegsende als Lazarett. Mit der Kapitulation Deutschlands übernahm die Stadt die Trägerschaft des Heimes um es drei Jahre später an die evangelische Kirchengemeinde zu verkaufen. Diese richtete das evangelische Studentenwohnheim ein. 1962 kam die Hoffmann’sche Villa unter die Spitzhacke, da auf diesem Grundstück das Hans-von-Soden Haus errichtet werden sollte.

Wie in ganz Deutschland hatte auch die jüdische Bevölkerung in Marburg unter den Nationalsozialisten zu leiden. Antisemitismus war fester Bestandteil der Politik. Der jüdische Indogermanistik, Professor Hermann Jacobsohn, beging nach seiner „Beurlaubung“ Selbstmord. Viele weitere Hochschullehrer verließen das Land. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert oder gar zerstört. Höhepunkt der Gewalt war die Reichspogromnacht, in der auch die Marburger Synagoge in der Universitätsstraße brannte. Heute ist dort eine Gedenkstätte. Über 100 Personen aus dem Marburger Raum wurden in drei Deportationen in KZs und Lager verschleppt. Der Friedhof existiert heute noch, am Alten Kirchhainer Weg/Ecke Georg-Voigt-Straße. Ursprünglich lag er, nach jüdischem Brauch außerhalb der Stadt.
Während des II Weltkrieges wurde Marburg von den Alliierten bombardiert. Am 22. Februar 1944 traf der erste Angriff die den Bahnhof, die Augenklinik und zwei weitere Universitätskliniken. Fast 100 Personen fanden dabei den Tod. Genau ein Jahr später fielen die Bomben erneut, Hauptziel war der Hauptbahnhof, um die Transportwege der Kriegsmunition von den Produktionsstätten in Stadtallendorf zur Fronst zu unterbrechen. Dabei wurden auch der Ortenbergsteg und die Reithalle zerstört. Im letzten Kriegsmonat musste Marburg noch vier weitere Luftangriffe durchstehen. Heute warnen Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht Explosionsgefahr“ vor Blindgängern auf den Lahnbergen. Allerdings scheinen diese Schilder noch nicht so alt zu sein wie die Krater selbst. Laut Dr. Ulrich Hussong, dem Leiter des Stadtarchivs Marburg, waren sie zu seiner Studienzeit, in den 70er Jahren noch nicht aufgestellt worden. Im Jahre 1948 wurde die zerstörte Reithalle wieder aufgebaut, diente fortan der Bahn zum Abstellen ihrer Busse und beherbergte ab 1957 das Fernheizwerk der Universität. Auch der Ortenbergsteg wurde, durch Spendengelder finanziert, 1949 wieder errichtet. Dieses Jahr gilt auch als Geburtsjahr der Ortenberggemeinde e.V., welche jedes Jahr das traditionelle Stegfest feiert.
Das heutige Bild des Ortenberges kann man als recht „bunt“ bezeichnen. Neben prächtigen Villen sind Eisenbahner-siedlungen, studentische Wohnheime, Familienhäuser, Wohnblocks und Reihenhausensemble zu finden. Es gibt große Einrichtungen wie das „Haus Tabor“, die Psychiatrie und die Zahnklinik. Bildungsstätten wie die Käthe-Kollwitz-Schule und die Geschwister-Scholl-Grundschule sind ebenso vorhanden. Die „Waggonhalle“, ehemals zum Unterstellen von Bussen genutzt, ist heute ein Kulturzentrum. Vor allem der Nordteil des Ortenberges, im Bereich der Schützenstraße und der alten Kassler Straße, macht den Eindruck noch nicht „fertig“ zu sein. Hier liegen größere Flächen brach, ungenutztes Bahnbetriebsgelände, das nach und nach zur Bebauung freigegeben werden. Auf dem Gelände der alten Gärtnerei sollen bis 2014 moderne Stadthäuser einstehen. In diesen werden 1-4 Zimmerwohnungen zum Kauf angeboten. Nur ein kleines Stück davon entfernt ist eine EDEKA-Filiale geplant.