Kant's gesammelte Schriften

AdW - LOGO Kant's gesammelte Schriften, Berlin 1900 ff.: kurze Vorstellung der Akademie-Ausgabe: Geschichte, Systematik und Gegenwart.

In diesem ersten Abschnitt soll mit den Grundmomenten des geschichtlichen Verlaufs und der internen Struktur der Ausgabe bekannt gemacht werden

  

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Akademie-Ausgabe: Struktur und Geschichte

Wilhelm Dilthey (1833-1911) und andere haben in den Jahren 1894/95 die damalige in Berlin ansässige Königlich preußische Akademie der Wissenschaften dazu motivieren können, eine umfassende Kant-Ausgabe zu veranstalten. Sie wurde geplant als Muster für andere gleichartige Unternehmen. Die ab dem Jahr 1900 erscheinenden Bände von Kant's gesammelten Schriften gliedern sich in vier Abteilungen:

I: Werke (Bde. 1-9) [Aufbau]

II: Briefwechsel (Bde. 10-13, Nachtrag in Bd. 23) [Aufbau] [und darüber hinaus]

III: Handschriftlicher Nachlaß (Bde. 14-23) [Aufbau] [Handschriften & Bücher]

IV: Vorlesungen (Bde. 24-29, noch nicht abgeschlossen) [Aufbau]   [Tabelle der Vorlesungen: 1770-1796]

Die Ausgabe ist bis heute nicht zu Ende geführt; sie hat eine auf vielfältige Weise mit den politischen Entwicklungen des Deutschen Einheitsstaates verflochtene Geschichte, die hier nicht dargestellt werden kann und soll. - Zur Kurzinformation das Folgende:

Zuerst sollten die zweite, von dem Königsberger Bibliothekar Rudolf Reicke (1825-1905) herausgebene, Abteilung Briefwechsel und die dritte, von Erich Adickes (1866-1928) verantwortete, Abteilung des Nachlasses erscheinen. Diese Konzeption wurde nicht durchgehalten. Noch während des Erscheinens der ersten Auflage des Briefwechsels (1900-1905) ist eine erhebliche Anzahl weiterer Briefe aufgefunden worden, sodaß nach dem Ende des Deutschen Kaiserreiches eine zweite, erheblich umfangreichere Auflage der Briefe selbst notwendig wurde. 1922 wurde sie zeitgleich mit dem erstmals gedruckten Band 13 veröffentlicht, der den zugehörigen sachlichen und philologischen Apparat enthält. Die ersten drei Bände des Nachlasses erschienen erstmals 1911, 1913 und 1914. Die Jahreszahlen der übrigen Bände (Nr. 17-23 der Gesamtzählung: 1926, 1928, 1934, 1942, 1936, 1938, 1955) zeigen hinreichend, daß nach dem Tod des allein verantwortlichen Herausgebers Adickes schwierige Probleme entstanden waren. Durch den Verlust vieler handschriftlicher Originale gegen Ende des zweiten Weltkrieges blieb die Abteilung inhaltlich unabgeschlossen. Der zuletzt gedruckte 'Schlußband', Nr. 23 der Gesamtzählung, stellt notgedrungen ein nur formelles Ende her.

Für die Abteilung der Werke sind je einzelne Herausgeber-Verträge mit sachkundigen Einzelbearbeitern geschlossen worden. Die Bde. 1 bis 8 der Gesamtzählung wurden in erster Auflage zügig in den Jahren 1902, 1905, 1904, 1903, 1908, 1907, 1907 und 1912 fertiggestellt. Für eine rasch nötige zweite Auflage, deren Jahreszahlen 1910, 1912, 1911, 1911, 1913, 1914, 1917, 1923 lauten, wurden die Bände neu gesetzt. Allerdings sind nur in Bd. VI Die Metaphysik der Sitten durch den Herausgeber, Paul Natorp, Änderungen im Text vorgenommen worden. Die sachlichen Erläuterungen sind hingegen in allen Bänden aktualisiert. Der schon seit 1911 in Auflagenhöhe gedruckt vorliegende Text des neunten Bandes wurde bis 1923 zurückgehalten. Er enthält drei 'Werke' (Logik, Physische Geographie, Pädagogik), die nicht von Kant selbst sondern in den Jahren 1800-1803 von jüngeren Königsberger Kollegen (Gottlob Benjamin Jäsche, 1762-1842 / Friedrich Theodor Rink, 1770-1811) in seinem Auftrag bearbeitet worden waren. - Die verbreitete Taschenausgabe der Werke (erstmals 1968 bei de Gruyter in Berlin erschienen) stellt einen Reprint teils der ersten und teils der zweiten Auflage der Abteilung dar. Die zwei 1977 angeschlossenen Bände Anmerkungen bieten stets die zugehörigen Einleitungen und Apparate nach der zweiten Auflage. Hinweise zur Taschenausgabe der Werke.

Erwähnenswert ist hier ein erhebliches Manko dieser Abteilung der Ausgabe, das 1919 von dem Königsberger Kant-Forscher Arthur Warda folgendermaßen beschrieben worden ist. S. 7 seiner bis heute nicht überholten Primärbibliographie Die Druckschriften Immanuel Kants (bis zum Jahre 1838) heißt es: »Es hätte daher vor der Bearbeitung der Akademie-Ausgabe von Kants Schriften, die zum Zweck der Textkritik und Herstellung eines zuverlässigen Textes ja alle Drucke - mit Ausnahme vielleicht nur der Nachdrucke - heranziehen mußte, der Herstellung eines nach Möglichkeit vollständigen Katalogs der Drucke bedurft. Dieser fehlt auch, nachdem nun fast alle Werke dieser Ausgabe zum Abdruck - teilweise sogar in neuer Auflage - gekommen sind, während die Wieland-Ausgabe der Akademie durch die eine Wieland-Bibliographie enthaltenden 'Prolegomena zu einer Wieland-Ausgabe' von Bernhard Seuffert eingeleitet ist. Eine Bibliographie der Drucke von Kants Schriften zu schaffen, soll vorliegender Versuch dienen. Der Verfasser ist sich bewußt, daß es sich bei dieser Arbeit nur um einen Versuch handelt und aus gewissen Gründen nur um einen solchen handeln kann.« Im Anschluß daran muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß manche der frühen Kant-Drucke, die den Editoren der Ausgabe vor dem Ersten Weltkrieg noch verfügbar waren, heute in öffentlichen Bibliotheken nicht nachgewiesen sind. Es ist beabsichtigt, sämtliche extrem seltenen Kant-Drucke hier online verfügbar zu machen.

Weitgehend unbestimmt war die Konzeption der vierten Abteilung Vorlesungen, denn die materielle Grundlage der Edition bestand ausschließlich aus meist handschriftlich überlieferten studentischen Nachschriften: Wie waren diese entstanden? Inwiefern konnten sie als zuverlässige Berichte über Kants Vorlesungstätigkeit an der Albertus-Universität angesehen werden? - Aus verschiedenen Gründen wurde die Abteilung nach einstimmigem Beschluß der Kant-Kommission der Akademie im Jahr 1920 eingestellt, ohne daß ein Band erschienen war.

Mitte der 1950er Jahre griff die damalige Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (später: Akademie der Wissenschaften der DDR) auf den ursprünglichen Editionsplan wieder zurück und beauftragte Gerhard Lehmann (1900-1987) mit der Bearbeitung der Nachschriften. Ein erster Teil-Band erschien 1961 unter dem Titel Immanuel Kant: Vorlesungen. I. Abteilung. Vorlesungen über Enzyklopädie und Logik. Band 1. Vorlesungen über Philosophische Enzyklopädie. Durch den Bau der Berliner Mauer im August 1961 trat eine grundsätzliche Veränderung der Lage ein und die Göttinger Akademie der Wissenschaften erklärte sich 1962/63 dazu bereit, im Benehmen mit der Berliner Akademie die Abteilung fortzusetzen. In der Bearbeitung von Gerhard Lehmann erschienen die Bände 24 (Logik), 27 (Moral und Naturrecht), 28 (Metaphysik und Rationaltheologie) und - nicht abgeschlossen - 29 (kleinere Vorlesungen und Ergänzungen) in den Jahren 1966-1983. Im Mai 1987 wurde die Arbeitsstelle Kant-Ausgabe durch die Kant-Kommission der Göttinger Akademie von Berlin an die Marburger Philipps-Universität verlagert. Die Betreuung liegt seither in den Händen von Reinhard Brandt und Werner Stark die 1982 das Marburger Kant-Archiv gegründet haben. Das Unternehmen 'Kant-Ausgabe' wird derzeit im Rahmen des sogenannten 'Akademienprogramms' aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Hessen gefördert. Als erstes sollte der noch ausstehende Band 25 mit den Vorlesungen über Anthropologie fertiggestellt werden. Der Band ist Anfang Oktober 1997 erschienen. Mit den Vorbereitungen für den in der Zählung noch ausstehenden Band 26 Physische Geographie wurde im Herbst 1994 begonnen. Jährliche Berichte über den Fortgang der Arbeiten sind im Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften in Göttingen enthalten.

Juli 1998 fand in Marburg eine Tagung über Zustand und Zukunft der 'Akademie-Ausgabe von Kant's gesammelten Schriften statt; siehe: Sonderheft der Kant-Studien, Jg. 91. Sonderheft.

Mit Beginn des Jahres 2002 hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften die Kant-Ausgabe übernommen, siehe: Pressemitteilung der BBAW   bzw.    Arbeitsstelle: Potsdam.

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Biographisches Bibliographisches Marburger Kant-Archiv Akademie-Ausgabe
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Letzte Änderung: 16. November 2004