Kant in Königsberg


Eine biographische Annäherung von Werner Stark

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Ein schiefes Bild

Trotz der Versuche, einem historisch falschen, aber gut tradierten Kant-Bild eines "Alten vom Königsberge", der angeblichen "Normaluhr Königsbergs" gegenzutreten, die von der letzten der drei Generationen Königsberger Kant-Forscher unternommen worden sind, ist die Kant-Literatur bis in die Gegenwart von einem im 19. Jahrhundert erzeugten Bild einer pedantischen, starr sich an Regeln bindenden Person Immanuel Kant bestimmt. Mir scheint, daß wenigstens zwei Gründe auszumachen sind, die die Beständigkeit, mit der auf das einmal fixierte Charakterbild zurückgegriffen wird, verstehbar macht.

Es ist zunächst unstreitig, daß nur wenige Zeugnisse über das Leben Kants verfügbar waren oder sind; zeitgleiche detaillierte Berichte oder eingehende Schilderungen der Person Kants in ihren alltäglichen oder besonderen Lebensumständen liegen im Gegensatz etwa zu Hegel und den verschiedenen sich durch eifriges Briefeschreiben mitteilenden Kreisen der Jenaer Romantiker nur in äußerst geringer Zahl vor. Der weitaus überwiegende Teil der Informationen, die über Kants Leben erreichbar sind, ist den nur selten herangezogenen Akten und den fünf Königsberger Kant-Biographien zu entnehmen, die zwischen 1802 und 1805 erschienen.

Sämtliche späteren Darstellungen sind mehr oder weniger deutlich von ihren Vorgängern anhängig. Nicht freiwillig sondern beinahe gezwungenermaßen; denn die zur positiven Korrektur eines verzeichneten Bildes notwendige Basis neuer Quellen, kann durch eine Einsicht in die Schiefheit der vorliegenden Darstellungen nicht ersetzt werden. Der Mangel an verläßlichen Quellen über die äußeren Lebensumstände Kants erzeugt, so meine Interpretation, im Kopf der meist philosophierenden Biographen den Schein der Einerleiheit.

Kants Biographie ist "uninteressant". Im Gegenzug dazu wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine "innere" Entwicklung des Kantischen Denkens postuliert, deren Geschichte in seinen publizierten Werken und den handschriftlich überlieferten Reflexionen nachvollzogen werden könne. Der Verlauf von nun schon 100 Jahre währenden Diskussionen hat meines Erachtens gezeigt, daß der Ansatz, die Genese "der" Kantischen Philosophie überwiegend auf einer immanent Kantischen Grundlage rekonstruieren, verstehen oder erklären zu wollen, zwar mitunter zu überraschenden Einsichten führt, insgesamt aber mit einem gravierenden Mangel behaftet ist. Es fehlt in Vielem bis heute das historisch-positivistisch herzustellende Raster äußerer Daten. Zu den grundlegenden Desideraten gehört auch, sich von Kants Vorlesungen einen Begriff zu verschaffen, der das immer wieder anzutreffendes dictum vel factum, Kant habe nicht seine Philosophie gelesen, in seinen historischen Kontext einbettet. Es genügt nicht, den Mangel an Forschung nach journalistischer Manier hinter scheinbaren termini technici zu verbergen. Was nützt beispielsweise die Rede von einem "Vorlesungs-Kant" in historischer Rücksicht?

Das Datenmaterial ist seit rund 80 Jahren weder geprüft noch aktualisiert worden und es ist lehrreich zu beobachten, daß dieselben 'Tatsachen' je nach Zeitumständen von verschiedenen Verfassern unterschiedlich ausgedeutet den Charakter eines Kant fundieren sollen. Bei Friedrich Paulsen (1846-1909) liest man in Berlin um 1900:

"Er ist ein Mann, der sich durch seinen Willen zu dem gemacht hat, was er ist. Er regelt sein ganzes Leben nach Grundsätzen, wie das diätetische und ökonomische, so auch das sittliche Gebiet. Im Leben ist er das vollendete Gegenstück zu dem Mann, zu dem als Schriftsteller er sich so unwiderstehlich hingezogen fühlte, zu Rousseau. Ist dieser willenlos dem Temperament hingegeben, mit einer starken Neigung zur Ungebundenheit, zum Vagantentum, eine Zigeunernatur, so ist Kant ein Freund der Ordnung bis zur Pedanterie. Nichts ist dem Belieben, der Eingebung des Augenblicks überlassen, die Vernunft ist alles, die Natur ist nichts, nichts als das Substrat für die Vernunfttätigkeit. Kant hat sich augenscheinlich selber als Modell für seine Moralphilosophie gesessen: der Mann des vernünftigen Wollens, des Handelns nach Grundsätzen, das ist der vollkommene Mann. [...] Vielleicht darf man sagen: zwischen Kantischer Moral und preussischem Wesen besteht eine innere Verwandtschaft; die Auffassung des Lebens als Dienst, die Neigung zum Reglementieren, ein gewisser Unglaube an die menschliche Natur, zusammenhangend mit einem gewissen Mangel an Naturfülle des Lebens das sind gemeinsame Züge. Es ist ein höchst achtbarer Typus menschlichen Wesens, der uns hier entgegentritt; nicht ein liebenswürdiger: er hat etwas Kaltes und Strenges, das wohl auch zu äusserlicher Pflichtmässigkeit und harter doktrinärer Rechthaberei ausarten kann." - soweit Paulsen.

Von den Brüdern Böhme wird 1983 in vermeintlich psychoanalytischer Tendenz unter Zuhilfenahme eines Konglomerats aus überlieferten Anekdoten und Berichten der Charakter eines Menschen erzeugt, der aus Ängstlichkeit seine mächtigen sinnlichen Antriebe nicht zur Entfaltung kommen läßt. "Gegen diese angsterregende Macht mobilisiert Kant die Rituale der Ordnung, in denen er Halt vor den Bedrohungen des Begehrens findet." - so Böhme.

Mit dem Mangel an Quellen verwandt ist ein zweites Leitmotiv der biographischen Kantliteratur. Es betrifft nicht einen Wilhelminisch-preußisch erhobenen oder libidinös- Freudianisch abgewerteten Charakter der Person, sondern die geographische Lage seines Wohnortes: Königsberg gilt als abgelegen und fern von den Zentren der Berliner Aufklärung und der Jena-Weimarer Klassik, so daß Kant von dort gesehen wie ein weitgehend auf die Selbstkritik eingeschränkter Philosoph erscheinen kann. Jedoch ist in historisch bereinigter Perspektive das Gegenteil aus zwei Gründen eher plausibel. Zum einen lassen sich genügend Indizien, wenn auch nicht ausführliche Berichte, dafür angeben, daß Kant sich natürlicherweise in einem regen intellektuellen Austausch mit seinen akademischen Zeitgenossen in Königsberg befunden hat. Zweitens war Kant nach den Aussagen von Zeitgenossen ein leidenschaftlicher Leser, der sich intensiv und extensiv mit der ihn interessierenden Literatur auseinandergesetzt hat. Nicht die Werke oder Briefe belegen dies, sondern der handschriftliche Nachlaß und die Nachschriften seiner Vorlesungen. Weder das klassische Stereotyp eines in seiner Stube eingeschlossenen Gelehrten oder homme de lettres, der primär mit Büchern oder Briefen Umgang hat, noch das eines in seine eigenen Gedanken versunkenen Philosophen ist vereinbar mit den zeitgenössischen Nachrichten über die Person Immanuel Kant.



Der Rahmen

Wendet man sich aus historischer Distanz dem Leben von Kant zu, so ist nach klassischem Schema zwanglos eine Einteilung in vier große Perioden gegeben: Auf die Kindheit (ab 1724) folgen Studium (beginnend 1740) und Magisterjahre (nach 1755) und schließlich die Zeit des gesetzten Mannes als Professor ab 1770. Wobei sich für die letzte Periode vier weitere, gliedernde Jahreszahlen angeben lassen: ab 1780 ist Kant ständiges Mitglied des Senats der Albertus-Universität; ein eigenes Haus bezieht er im Frühling 1784; nur wenige Jahre später gibt er selbst in einem Brief zu verstehen, daß er im Jahr der französischen Revolution (1789) die Schwächen des Alters - er war in seinem 66sten Lebensjahr - deutlich zu spüren begann; und ein enger Vertrauter der letzten Jahre gibt schließlich an, daß der November 1801 eine deutliche Zäsur im Leben des greisen Philosophen markiert hat. Der Tod erfolgte im Februar 1804, wenige Wochen vor Erreichen des 80sten Geburtstages.

Blickt man in ähnlicher Weise bloß äußerlich auf Stadt, Region und Universität, dann sind aus dem durch die Lebenszeit von Kant gegebenen Rahmen - nach meinem Dafürhalten - die folgenden Daten von Bedeutung: 1724 werden die drei Städte Königsberg unter einer Verwaltung zusammengefaßt, ganz analog zu den beiden anderen Großstädten in Gesamtpreußen Berlin (17**) und Stettin (1723). Die konstituierende Sitzung der drei Räte und Gerichte von Altstadt, Löbenicht und Kneiphof begann in Königsberg um 9 Uhr vormittags am 28.August. 1744 beging die Universität mit der Publikation diverser Gedenkschriften den 200sten Jahrestag ihrer Gründung. Im Verlauf des 'Siebenjährigen Krieges' (1756-1763) unterstanden Stadt und Universität einige Jahre der Herrschaft russischer Zaren in St. Petersburg - und mit dieser Zeit war ein nachhaltiger Wandel der Lebenverhältnisse in Stadt und Universität verbunden. Im November 1764 vernichtete ein Großbrand zahlreiche öffentliche und private Gebäude im Löbenicht. Mit der ersten Teilung Polens in Jahr 1772 verlor die Region ihren quasi exterritorialen Charakter, indem durch die Eingliederung des Ermlandes und Anexion des westlich der Weichsel gelegenen Gebietes eine direkte Anbindung nach Pommern und Brandenburg geschaffen wurde. Dem entsprechend wurde bald darauf im internen Schriftverkehr der Behörden das um Königsberg gelegene Territorium (aus polnischer Perspektive: das alte 'Herzogliche Preußen') als 'Ost-Preußen' bezeichnet - im Unterschied zu dem eingegliederten polnischen 'Königlichen Preußen', das zu 'West-Preußen' erklärt wurde. Die Preußische Krönungsstadt rückte unaufhaltsam an den Rand des Gesamtstaates. 1786 starb Friedrich II und Kant war als gerade amtierender Rektor der Universität damit betraut, die obligatorische Huldigung der Universität für den neuen Monarchen, Friedrich Wilhelm II, zu regeln. Nach nur elf Jahren Regentschaft starb der König und der greise Kant wurde 1797 zum dritten Mal Zeitgenosse der Inthronisation eines Preußischen Königs in der Stadt am Pregel.

Biographie und Werk

Fragt man nun genauer nach der Beziehung zwischen der Lebenswelt und dem Werk, dann ist in erster Linie von Interesse zu registrieren, ob und wie Kant selbst sich dazu gestellt hat. Drei Passagen des gedruckten Werkes sind dafür primär einschlägig: 1787 setzte er in der zweiten Auflage seiner zuerst 1781 publizierten Kritik der reinen Vernunft als Motto ein Zitat aus Bacons 'Instauratio magna' voran, das mit den charakteristischen Worten beginnt: "de nobis ipsius silemus" - von unserer Person schweigen wir. In deutlichem Kontrast zu dieser Erklärung steht eine immer wieder und gern zitierte Anmerkung über Königsberg aus der Vorrede zur Anthropologie in pragmatischer Hinsicht von 1798. Eine Stadt "wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntniß als auch der Weltkenntniß genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann."

Einerseits nimmt Kant als Autor eines theoretisch-abstrakten Werkes seine Person ganz zurück, und auf der anderen Seite stellt er ebenso bewußt einen Zusammenhang her zwischen der eigenen Lebenswelt und einer auf Menschenkenntnis abzielenden Schrift. Die in diesen Zitaten geradezu klassisch artikulierte Reflexion eines Autors auf das Genus seiner Publikationen - die eine Trennung von Person und Sache bedingt - war freilich, wie leicht festzustellen ist, für Immanuel Kant nicht von Beginn an gegeben. Nimmt man das Erstlingswerk die Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte von 1746/49 zur Hand, dann trifft man - wiederum in der Vorrede - auf die provozierend selbstbewußte Haltung eines jungen Autors, der sich neben zwei anerkannten, europäischen Geistesgrößen, Leibniz und Newton, mit dem Bekenntnis zu Wort meldet: "Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern ihn fortzusetzen."

Die Unterschiede dieser drei Verortungen des eigenen Selbst sind hinreichend auffällig, um weitere Nachfragen zu motivieren, die auf Kants Selbstverständnis - namentlich in der Frühphase - gerichtet sind. Ich möchte mich hier jedoch nicht so ohne weiteres in die rege geführte Diskussion um das Verständnis dieser Passagen begeben, sondern im Blick auf die derzeit verfügbaren Quellen eine Idee entwickeln, die ich frappierend aber begründbar finde. - Dazu gleich.

Aus heutiger Perspektive bilden - wie eingangs angedeutet - 'Kant und Königsberg' ein so fixes Begriffspaar, daß es anscheinend gar keine Frage sein kann, ob Kant sich selbst so fest in 'seiner Stadt' verankert sah. Eine schlichte historische Tatsache soll hier hinreichend sein, um die assoziative Verknüpfung zwischen Kant und Königsberg aufzulockern.

Kant ist nie in vollem Wortsinn "Bürger seiner Stadt" gewesen. Das älteste Bürgerbuch der Stadt Königsberg (Pr.). (1746 - 1809) verzeichnet ihn nicht. Verwundern darf dies freilich nicht, denn "die Angehörigen der Universität einschließlich der akademischen Berufe, der Geistlichen, Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Buchhändler und Apotheker - selbst die Friseure gehörten zeitweise zur Gerichtsbarkeit der Universität - unterstanden nicht der Jurisdiktion des Magistrats und gehörten deshalb nicht zur Bürgerschaft, ebenso alle Soldaten mit ihren Familien, die Mitglieder der französischen Kolonie und die Bewohner der privilegierten Häuser. Sie alle dürfen wir also im Bürgerbuch nicht suchen. Das Bürgerrecht erwarben sie nur dann, wenn sie, meist durch Heirat oder Erbschaft, ein bürgerliches Grundstück erwarben oder nebenher ein bürgerliches Gewerbe betrieben."

Kant wurde durch seine Immatrikulation am 24. September 1740 zum Angehörigen der Albertus-Universität und sein 1784 erworbenes Haus lag auf der Burgfreiheit; und so ist er Zeit seines Lebens akademischer Bürger in Königsberg geblieben. Obwohl diese Feststellung freilich nur ein juristisches Verhältnis betrifft, bietet es doch einen klaren Hinweis darauf, wo man erwarten darf, auf weitere Auskünfte für die Frage nach der Beziehung zwischen Person und Umgebung zu treffen: Die primäre Lebenswelt Kants wird die Universität gewesen sein. - Mit den beiden folgenden kurzen Bemerkungen möchte ich dem Hinweis des Bürgerbuchs nachgehen und so die eben erwähnte Idee explizieren.



Kants Lebensorientierung als Student und in der ersten Magisterzeit.

Geht man die überaus spärlichen Quellen aus dem Zeitraum 1740- 1754/55 für die Studenten- und Hofmeisterzeit Kants im Zusammenhang durch, dann fällt rasch auf, daß keinerlei wirklich stichhaltige Indizien dafür überliefert sind, bei ihm eine intensive Beziehung zur oder positive Bezugnahme auf die Albertus-Universität anzunehmen. So ist denn auch das vielleicht aussagekräftigste Indiz der Umstand, daß aus dieser Zeit nicht eine gedruckte akademische Disputation bekannt geworden ist, an bei der junge Immanuel Kant als studentischer Opponent oder gar Respondent aufgetreten ist. Das ist sehr ungewöhnlich: In aller Regel sind bei zukünftigen Privatdozenten oder Professoren der philosophischen Fakultät der Königsberger Universität des 18. Jahrhunderts mehrere derartige öffentliche Auftritte in der Studentenzeit nachzuweisen. Außerdem haben wir trotz der beiden großartigen Untersuchungen von Benno Erdmann (1876) und Hans-Joachim Waschkies (1987), die auf den Vorgeschichte und den intellektuellen Bezugsrahmen der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1755 gerichtet sind, keinen historisch abgesicherten Beleg für eine konkrete Wertschätzung seiner universitären Umgebung durch Kant.

Obwohl, wie gesagt, die Quellen spärlich fließen und also vorsichtige Zurückhaltung bei der Gewichtung der Zeugnisse angezeigt ist, halte ich es für zulässig aus den nachfolgenden Indizien, eine allgemeine Tendenz abzuleiten. - Blickt man auf nämlich den tatsächlich nachvollziehbaren Lebensweg, dann steht fest, daß Kant nicht zügig den Weg eingeschlagen hat, zum Magister zu promovieren, um als Privatdozent Vorlesungen zu halten und durch Schreiben von Lehrbücher zu dokumentieren, daß er eine universitäre Karriere anstrebt. Seine erste Publikation, die Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, ist keine universitären Themen oder Zusammenhängen verpflichtete Schrift; vielmehr belegen die beiden begleitenden Briefe (den einzigen, die aus den 1740er Jahren überliefert sind) vom August 1749 ausdrücklich, daß der Autor sich nach außen [vielleicht an Albrecht von Haller in Göttingen oder nach Frankfurt am Main und sicher nach St. Petersburg an Leonhard Euler - gewendet hat; also] an zwei neu konzipierte Institutionen der Forschung gewendet hat: die Petersburger Akademie der Wissenschaften und die mit großem Aufwand aus England geförderte Universität neuen Zuschnitts in Göttingen.

So weit, denke ich, tragen die verfügbaren Quellen hinreichend sicher. Ich möchte aber noch weiter gehen und darüber hinaus eine Vermutung äußern, die als Aufgabenstellung für weitere Ermittlungen dienen mag: Bald nach der Veröffentlichung wird Kant bemerkt haben, daß Selbstbewußtsein (ich habe mir die Bahn vorgezeichnet) und tatsächliche Leistung nicht in Übereinstimmung sind: Lessing formulierte 1751 ganz treffend:

"K[ant] unternimmt ein schwer Geschäfte / der Welt zum Unterricht.
Er schätzet die lebend'gen Kräfte, / nur seine schätzt er nicht."

Trotzdem - die nächste Publikation ist wieder als großer Schlag konzipiert: die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1754/55 wird anonym veröffentlicht mit einer Widmung an den jungen Friedrich II. Wiederum, dies zeigen Genus und Thematik, ist der Adressatenkreis nicht in einer primär universitären - gar Königsberger - Umgebung zu suchen. Kurz: ich meine, daß Kant erst nach einer Phase von Frustrationen den Weg zur Normalität einschlägt und sich auf die Ochsentour einer akademischen Karriere einläßt: Im April 1755 reicht er etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen der Allgemeinen Naturgeschichte ein kurzes lateinisches Manuskript 'de igne' zur Erlangung des Magistertitels ein, im Herbst desselben Jahres habilitiert er sich an der philosophischen Fakultät mit der ersten akademischen Publikation Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio.

Damit läßt sich, ein grobes Raster für die frühe Phase der Entwicklung von Kants Beziehung zur Universität begründen: Auf die überschwänglichen Ambitionen der Frühzeit um 1750, die nicht in das universitäre Fach Philosophie (d. h. die Disziplinen: Logik, Metaphysik, Ethik, Recht) gehören, folgt - in der Sache - eine Orientierung hin auf 'die' Metaphysik, die dann in den Träumen eines Geistersehers (1764/66) desillusioniert wird. Auf der psychischen Seite scheint diese Geburt des Metaphysikers einher zu gehen mit der Entstehung des 'galanten/eleganten Magisters', der kein Interesse für die bürgerliche Seite (materielle Reproduktion und deren Bedingungen) menschlichen Lebens hatte. Ausdruck dieses Lebensgefühls sind die Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen von 1764; der Beginn des Kontaktes zur gräflichen Familie von Keyserling ist - damit passend - datiert auf die zweite Hälfte der fünfziger Jahre. Diese überheblich-selbstbewußt-abgehobene Rollendefinition gerät mit Rousseau in eine Krise, die nach einer langen Phase der Schwangerschaft den kritisch geläuterten Metaphysiker Immanuel Kant in die Welt entlässt. - So weit meine Überlegungen zur Frühzeit, die freilich der Prüfung oder Widerlegung anhand noch zu ermittelnder Quellen bedürfen.



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Letzte Änderung: 16.11.1997