Kant auf Reisen

Sicherlich war Immanuel Kant kein Weltreisender, wenn er auch immer wieder in Unterhaltungen mit Freunden und Bekannten, aber auch in Diskussionen mit Fremden mit einer bestechenden Kenntnis an Kultur und Geographie weit entfernter Länder glänzte. Was Kant nun tatsächlich 'von der Welt gesehen hat', soll in der folgenden Liste mit sicher belegten Aufenthaltsorten in nennenswerter Distanz zu Königsberg dokumentiert werden. Ein jeweiliger Quellenverweis, sowie die Erwähnung des Ortes, wie auch die personelle Verbindung der Quelle mit Kant soll desweiteren aufgeführt werden.
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Auf der folgenden Karte sind alle belegten Aufenthaltsorte Kants außerhalb Königsberg durch eine farbige Markierung gekennzeichnet. Die Orte sind jeweils mit belegenden Zitaten verbunden.
Klicken Sie einfach auf die farbig markierten Punkte / Orte, um mehr über Kants Besuche zu erfahren.
Plan der Region um Königsberg


Die Orte im Einzelnen

  1. Judtschen (1748-1751?): Erzieher bei Andersch; östlich von Insterburg/Cernjahovsk: => Veselovke, Region Kaliningrad.

  2. Großarnsdorf (1751-1754): Erzieher bei 'von Hülsen'; östlich von Saalfeld/Zalewo: => Jarnoltowo, Polen.

  3. Goldap (Winter 1765/66): ein Besuch bei 'von Lossow': => Goldap, Polen.

  4. Wohnsdorf (1763-1775?): Besuch bei 'von Schrötter'; westlich von Allenburg/Drusba: => Die aktuelle Lage: 1999

  5. Braunsberg (1770?): mit Motherby zu Besuch bei Bürgermeister Schorn: => Braniewo, Polen.

  6. Pillau (1763-1775?): Touren mit Josef Green [und Motherby]: => Baltijsk, Region Kaliningrad.


    Stationen in der näheren Umgebung von Königsberg



    Nicht gesicherte Aufenthalte

    Prilacken: bei Hüge (Vorländer 1921 [1986], S. 62])
    Rautenburg: bei von Keyserling (Vorländer 1921 [1986], S. 34-36)

    Die Personen


    Aussagen von Zeitgenossen über Kants Reisen:

    Borowski 1804 [1980, S. 58]: »K. ist nie aus der Provinz, nicht einmal bis nach dem nahe gelegenen Danzig gekommen. Die weiteste seiner Reisen war zum General von Lossow, der ihn auf sein Gut eingeladen hatte; er sehnte sich bald wieder zurück. Auf einem adligen Gute, Wohnsdorf, verlebte er einige ihm angenehme Tage. Mit seinem Freunde Green besuchte er etliche Male die angenehmen Gegenden um Pillau. Am öftesten und längsten hielt er sich in dem Forsthause Moditten, eine Meile von Königsberg auf. Der Oberförster Wobser, der da wohnte, war ein Wirt, wie er ihn sich beim ländlichen Aufenthalte wünschte, ohne die mindeste Künstelei im Ausdruck und in Manieren, von sehr gutem natürlichen Verstande und edlem, gutem Herzen. Bei ihm hielt er sich während der akademischen Ferien gerne und wohl über eine ganze Woche auf. Hier, in diesem Moditten, ward das Werk über das Schöne und Erhabene (vielleicht die gelesenste von allen Kantischen Schriften) ausgearbeitet; hier mußte ihm der Oberförster Wobser zu dem Bilde sitzen, das K. in der eben genannten Schrift von Charackter des deutschen Mannes entwarf. Nie vergaß er seinen Wobser und das Gespräch ward sehr lebhaft, wenn er auf diesen Mann, auch lange nach seinem Tode zurückkam.«
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    Jachmann 1804
    (1) [1980, S. 125]: »Nach vollendeten Universitätsjahren nahm Kant eine Hauslehrerstelle bei einem Herrn v. Hüllesen auf Arnsdorf bei Mohrungen an und kehrte nach neun Jahren wieder nach Königsberg zurück. Er pflegte über sein Hofmeisterleben zu scherzen und zu versichern, daß in der Welt vielleicht nie ein schlechterer Hofmeister gewesen wäre als er.«
    (2) [1980, S. 182]: »Mir ist nur ein einziges Haus bekannt, das in meilenweiter Entfernung von Königsberg sehr oft auf mehrere Tage von unserm Weltweisen besucht worden ist und wo er sich so ganz nach seinem Geschmack glücklich gefühlt hat, nämlich das väterliche Haus des Ministers und des Kanzlers v. Schrötter zu Wohnsdorf. Kant wußte nicht genug zu rühmen, welche Humanität in diesem Hause seines Freundes geherrscht habe und mit welcher ausgezeichneten Freundschaft er von dem vortrefflichen Mann, gegen der er noch im Alter die größte Hochachtung hegte, stets aufgenommen worden ist. Besonders versicherte er deshalb hier die angenehmste ländliche Erholung gefunden zu haben, weil sein humaner Gastfreund ihn nie eingeschränkt habe, ganz wie in seinem eigenen Hause, nach seinem Geschmack zu leben.«
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    Wasianski 1804 [1980, S. 275]: »Mit fast poetischer Malerei, die Kant sonst in seinen Erzählungen gerne vermied, schilderte er mir in der Folge das Vergnügen, welches ein schöner Sommermorgen in den früheren Jahren seines Lebens ihm auf einem Rittergute, in der dort befindlichen Gartenlaube an den hohen Ufern der Alle, bei einer Tasse Kaffee und einer Pfeife gemacht hatte. Er erinnerte sich dabei der Unterhaltung in der Gesellschaft des Hausherrn [Schroetter] und des Generals von L[ossow], der sein guter Freund war.« [= Malter 1990, Nr. 602]
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    Rink 1805, S. 27f.: »Kant verließ nach etwas dreyjährigen Studien die Universität, und ging als Hauslehrer zu dem Vater der itzigen Herren Grafen von Hüllessen auf Arensdorf bey Saalfeld im Oberlande. Die einzige, denkenswerthe Entfernung, in der Kant jemahls von Königsberg gelebt hat; er, der mit der Beschaffenheit der Erde und des Menschen vertraut war, wie wenige, selbst die Bereisetern, es sind. In dieser Lage verweilte er neun Jahre, wie es scheint, um sich selbst auszubilden, und die Mittel in gewisser Weise zu sammeln, weniger sorgenbedrückt seiner künftigen Bestimmung entgegen zu gehen. Wie gewissenhaft er dabey nichtsdestoweniger seinen Erziehergeschäften werde obgelegen haben, läßt sich von einem Manne, wie er es war, auch ohne Beweis vermuthen. Aber sogar diese Beweise sind noch unter seinen Papieren, in den Briefen seiner damahligen Zöglinge und ihres Vaters an ihn, nach seiner Entfernung aus ihrem Hause. Sie enthalten den gefühltesten Ausdruck des Dankes, der Hochachtung und Liebe, welche sich auch dadurch an den Tag legt, daß sie ihn zum Theilnehmer jedes interessanten Familienereignisses machen. Ob Kant einen seiner Eleven, als er Arensdorf verließ, gleich mit sich auf die Universität nach Königsberg nahm, oder ob dieser ihm nachher dahin gefolgt sey, welches letztere mir wahrscheinlicher ist, kann ich nicht mit Gewißheit bestimmen.«



    Baczko 1824, Bd. 2, S. 13: »Dieser hieß Schorn. Sein zu Braunsberg wohnender Vater wünschte, daß er eine Schule in Königsberg besuchen und nachher studieren sollte. Der Kaufmann Motherby, mit dem er in einiger Verbindung stand, hatte ihn vor vielen Jahren zu Braunsberg besucht und den Professor Kant diese kleine Reise mitzumachen bewegt. Schorn wandte sich nun an den Professor Kant, seinen Sohn unterzubringen. Kant, [...], war so gütig, mich zu besuchen und mir den Antrag zu thun, daß ich den jungen Schorn unter meine Aufsicht nehmen sollte.«
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    Vgl. dazu Gerlach 1834, S. 154: »Franz Oestreich führte [in Braunsberg] von 1747 bis 1752 die Handlung in Verbindung mit dem Bürgermeister Heinrich Schorn, dann allein, bis er seinen Sohn Johann Oestreich zum Compagnon erklärte. Von 1782 an war die Firma Franz Oestreich et Sohn, von 1786: Johann Oestreich, seit 1805: Johann Oestreich et Söhne.« Vgl. auch den Brief Baczko's an Kant 15. März 1784 (X: 369 f.); inskribiert an der Albertina wurde Schorn jun. am 1. Oktober 1783.
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    Ungeklärte Hinweise auf weitere Reisen:

    1. an das Haff/Ostsee

      Malter 1990, Nr. 74, S. 81: »Er schien in allen Welttheilen zu Hause zu sein, ob er gleich nie weiter als bis Pillau, sieben Meilen von Königsberg gekommen war.«
      Malter 1990, Nr. 556, S. 507: »Er ist, ohne jemals über einige Meilen weit von seiner Geburtsstadt Königsberg gereiset zu seyn, mit der Lage, der Einrichtung und Staatsverfassung, den Merkwürdigkeiten und Eigenthümlichkeiten aller Länder, [...], so wohl bekannt, daß ein aus China kommender Reisender, als er unsern Professor von diesem Lande sprechen hörte, ihn fragte: seit wie lange er China verlassen habe?«
    2. Ein Traum von England ?

      Es ist nicht unwichtig zu registrieren, daß Kant in jüngeren Jahren wenigstens mit dem Gedanken gespielt hat, eine Reise nach England zu unternehmen. So läßt der Prinzenerzieher Wielkes in seinem Brief aus Leiden kommenden Brief vom 18. 3. 1771 einfließen: »Ihr ehemaliger Vorsatz Engelland einmal zu besuchen giebt uns sogar einige Hofnung. Von Engelland nach Leiden sind 18 Stunden. Davor erschrickt man eben nicht insonderheit bey guter Iahreszeit. Unser Haus wäre Ihre Wohnung so wie unsere Küche alsdenn unter Ihren Befehlen stünde. HE. Runkenius würde sich mit uns allen um die Wette beeifern Ihren Aufenthalt Ihnen angenehm zu machen.« (AA-Kant X: 120)
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      Es war im 18. Jahrhundert unter Königsberger Studenten und Dozenten keineswegs ungewöhnlich nach England zu gehen; Beispiele sind:

      Blaesing, David (1660-1719)
      Wilcke, David [Wilkins] (1685-1745)
      Hahn, Johann Bernhard 1. (1685-1755)
      Boretius, Matthias Ernst (1694-1738)
      Guetther, Christian Heinrich (1696-1755)
      Rappolt, Karl Heinrich (1702-1753)
      Lilienthal, Theodor Christoph (1717-1782)


      Zugrunde liegende Literatur (Auswahl):

      AA-Kant, Abtlg. II 'Briefwechsel'.
      Vorländer 1924, Bd. 1, S. 139-143.
      Vorländer 1921, S. 31-38 & 59-63.
      Kuhrke 1924.
      Malter / Staffa 1983, S. 44-46.
      Malter 1990.


      Biographisches Bibliographien und Schriften Marburger Kant-Archiv
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      Letzte Änderung: 24. April 2002 / 6.12.2006