Über Kants Haus und alltägliches Leben
(nach Walter Kuhrke, 1917/1924)

Walter Kuhrke:
Im Sommer 1914 erhielt Walter Kuhrke, tätig beim Städtischen Hochbauamt zu Königsberg i. Pr., von seinem Vorgesetzten Magistratsbaurat Heydeck den Auftrag, das ehemalige Wohnhaus Kants in der Prinzessinstraße 3/3a zeichnerisch zu rekonstruieren.
Durch die Mithilfe des Professors Doebbelin, Enkel des späteren Besitzers des Hauses Mitte des 19.Jhdts., und die Hilfestellung des Amtsgerichtsrats Arthur Warda beim Studium der Grundbuchakten erhielt er Zugang zu Informationen, die lange Zeit verschollen waren.

Mehr als zwei Jahre befasste sich Walter Kuhrke mit der Erforschung der ehemaligen Beschaffenheit des Kantschen Wohnhaus, bevor er 1917 seine Arbeit mit der Veröffentlichung des Bandes KANTS WOHNHAUS abschließen konnte.
Dieser Band gibt dem Leser jedoch nicht nur Einblick in Architektur und Aufbau des Hauses, sondern eröffnet an vielen Stellen interessante Details über Kants Lebensweise und seinen Tagesablauf, sowie das Verhältnis zu seinen Bediensteten.


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und das erwartet Sie auf dieser Seite:
Standort - Vorbesitzer - Aufbau - Häuslicher Alltag - Haushaltung - Nach Kants Tod


»An dieser Stelle stand das Haus, in welchem Immanuel Kant wohnte und lehrte von 1783 bis 1804«

Bis zur Aufarbeitung durch Kuhrke in den Jahren 1915-1917 war die Wohnstätte Kants im Bewußtsein Königsbergs durch Geschäftigkeit und Fortschritt verdrängt worden. Nur diese kleine Gedenktafel, zwischen Glasschildern eines Kaufhauses, erinnerte an das ehemalige Haus des großen Philosophen.

Dazu ein externer Link: Ostpreussen-Blatt

Standort:

Kants Haus um 1840 Das Grundstück des Hauses, zwischen Prinzessinstraße und Schloßgraben gelegen, trug im 17.Jhdt. den Namen "Alte Landhofmeisterei" und hatte bis zur Erwerbung durch Kant die Adresse Prinzessinplatz 87/86. Kants Schüler und Biograph, Reinhold Bernhard Jachmann, zu Lage und Aussicht:1
»Kant besaß in den letzten siebzehn Jahren ein eignes Haus, das zwar mitten in der Stadt in der Nähe des Schlosses, aber in einer kleinen Nebenstraße lag, durch die selten ein Wagen fuhr. Das Haus selbst, welches acht Stuben in sich faßte, war für seine Lebensart bequem eingerichtet. Im untern Stock war auf dem einen Flügel sein Hörsaal, auf dem anderen die Wohnung seiner alten Köchin; im obern Stockwerk auf dem einen Flügel sein Eßsaal, seine Bibliothek und Schlafstube. Auf dem anderen sein Visitenzimmer und seine Studierstube. In einer kleinen Dachstube wohnte sein Bedienter. Die Studierstube lag nach Osten und hatte einen freie Aussicht über mehrere Gärten. Es war ein angenehmer Aufenthalt, wo der Denker ruhig und ungestört seinen Ideen nachhängen konnte. Er wäre mit seiner Studierstube noch mehr zufrieden gewesen, wenn er im Sommer öfterer die Fenster hätte öffnen können; aber daran hinderte ihn der unaufhörlich Gesang der Gefangenen in der nahegelegenen Schloßvogtei. Er beschwerte sich oft gegen Hippel über diesen geistigen Ausbruch der Langenweile, allein die Sache war nicht zu ändern.«

Vorbesitzer:

1698 wurde das Haus dem Feldmarschall Grafen Barfuß durch den Fiskus zugewendet und nach dessen Tod durch seine Witwe an einen zugewanderten Hugenotten verkauft.
Am 30. Dezember 1783 ersteht dann Kant das Haus durch Vermittlung des Oberbürgermeisters Theodor Gottlieb (von) Hippel (1741-1796) von den Erben des Portraitmalers Johann Gottlieb Becker.

Aufbau:


GrundrißArchitekturEinrichtung
Kants Haus in der Prinzessinstraße Es handelte sich um ein zweigeschossiges Haus, mit einem Dachstuhlausbau und einem gewölbten Keller. An der Straßenseite war es 54 Fuß 6 Zoll breit, zur rechten 23 Fuß 4 Zoll und zur linken 26 Fuß tief. Die Ausstattung der Zimmer war sehr einfach gehalten. Tische, Stühle und ein kleines Kanapee machten im wesentlichen bereits die ganze Möblierung aus. Nur wenige Zimmer enthielten besondere Stücke. Die weißen Wände wurden nüchtern belassen.
Kants Haus in der Prinzessinstraße Im unteren Stock war auf dem einen Flügel sein Hörsaal, auf dem anderen die Wohnung seiner Köchin.
Kants Haus in der Prinzessinstraße Im oberen Stockwerk auf dem einen Flügel sein Eßsaal, seine Bibliothek und Schlafstube. Auf dem anderen sein Visitenzimmer und seine Studierstube. Die Studierstube lag nach Osten und hatte einen freie Aussicht über mehrere Gärten. Visitenzimmer und Eßstube zierte er durch einen Spiegel. Die Studierstube enthielt neben seinem Schreibtisch eine Kommode und zwei Tische, auf welchen stets Schriften und Bücher lagen. An der Wand hing ein Bildnis Jean Jacques Rousseaus.
Kants Haus in der Prinzessinstraße In einer kleinen Dachstube wohnte sein Bedienter.
Das Haus des Philosophen wurde nach seinem Tode am 10 März 1804 durch den Zimmermeister Köhler und den Maurermeister Heller auf 3500 Florin geschätzt.


Häuslicher Alltag:

Obwohl er in hohem Alter durchaus wohlhabend war, führte Kant weiterhin ein einfaches Leben. Einen sehr guten Einblick in seinen Alltag gibt uns Kants Tischgenosse Johann Gottfried Hasse:2

»Wenn man sich seinem Hause näherte, so kündigte alles einen Philosophen an. Das Haus war etwas antik, lag in einer zwar gangbaren, aber nicht viel befahrnen Straße, und sties mit der Hinter-Seite an Gärten und Schloß-Gräben, sowie an die Hinter-Gebäude des vielhundertjährigen Schloßes mit Thürmen, Gefängnissen und Eulen. Im Frühling und Sommer aber war die Gegend recht romantisch; nur daß er sie nicht eigentlich genoß - (denn es war nicht sein Garten, der an der Seite lag, wohin kein Fenster gieng) sondern nur sah. Trat man in das Haus, so herrschte eine friedliche Stille, und hätte einen nicht, die offene und nach Essen riechende Küche, ein bellender Hund oder eine miauende Katze, Lieblinge seiner Köchin (mit denen diese, wie K. sagte, ganze Sermone hielte) eines andern überzeugt, so hätte man denken sollen, dies Haus sey unbewohnt. Stieg man die Treppe hinauf, so zeigte sich freylich der beym Tischdecken geschäftige Bediente; jedoch gieng man durch das ganz einfache, unverzierte, zum Theil räuchrige Vorhaus in ein größeres Zimmer, das die Putz-Stube vorstellte; aber keine Pracht zeigte. Ein Sopha, etliche mit Leinwand überzogene Stühle, ein Glaß-Schrank mit einigem Procellän, und ein Büreau, das sein Silber und vorräthiges Geld befaßte, nebst einem Wärmemesser waren alle die Moeubeln, die einen Theil der weißen Wände bedeckten. Und so drang man durch eine ganz einfache, armselige Thür, in das eben so ärmliche Sans-Souci, zu dessen Betretung man beym Anpochen, durch ein frohes 'herein' eingeladen wurde. (Wie schlug mir das Herz, als dies das erstemahl geschah!) Das ganze Zimmer athmete Einfachheit und stille Abgeschiedenheit vom Geräusche der Stadt und Welt. 2 gemeine Tische, ein einfacher Sopha und etliche Stühle, worunter sein Studier-Sitz war, und eine Commode, ließen in der Mitte einen leeren Raum übrig, vermittelst dessen man zum Baro- und Thermometer kommen konnte, die er fleißig consul[t]irte. Hier saß der Denker auf seinem ganz hölzernen Halbcirkel-Stuhle, wie auf einem Dreifuß, entweder noch am Arbeits-Tische, oder schon nach der Thür gekehrt, weil ihn hungerte, und er seine Tisch-Gäste sehnlich erwartete.«

Haushaltung:

Sämtliche Angelegenheiten, die Instandsetzung und Wiederherstellung oder Umbau des Hauses betraf, übergab Kant in seinen letzten Lebensjahren vertrauensvoll an seinem ehemaligen Schüler und Freund, Wasianski, der sich stets pflichtbewußt um die ihm angetragene Aufgabe kümmerte.
Dies war insbesondere wichtig, als Kants langjähriger Diener Martin Lampe, geborener Würzburger und alter Soldat, mit fortschreitendem Alter begann, nachlässig zu werden und nicht mehr für die nötige Reinlichkeit sorgte. In dieser Zeit kam es schon mal vor, daß sich Wasianski, ohne Wissen Kants wie auch Lampes, um die Reinhaltung der Wohnung bemühte.
Eine Geschichte ist bekannt, nach der Kant die Fensterläden seiner Schlafstube niemals mehr öffnete, nachdem er sie eines Tages versehentlich während einer kleiner Reise offen ließ und den Raum bei der Rückkehr voller Wanzen auffand. Er schloß daraus, daß die Tiere sich aufgrund des Lichts dort eingefunden hätten und unterband somit die Lichtzufuhr für die Zukunft. Der eigentliche Grund für das Auftauchen des Ungeziefers jedoch dürfte wohl auf die geringe Reinigung durch Diener Lampe zurückzuführen sein, die Wasianski nach diesem Vorfall insgeheim selbst in die Hand nahm.

Nach Kants Tod:

Am 12.02.1804 gegen 11.00 Uhr erliegt Immanuel Kant seinem Alter. Er wurde in das große Speisezimmer gebracht, in ein Sterbegewand gehüllt und aufgebahrt. Viele Königsberger Bürger nahmen nun die Gelegenheit war, ihm noch die letzte Ehre durch einen kurzen Besuch zu erweisen, bevor er bestattet wurde.

Kants Haus um 1840 Mit dem Tode Kants geriet sein Haus in Vergessenheit. Es wurde verkauft und in ein Gasthaus mit Billardtisch und Kegelbahn umgewandelt. Am 31. August 1836 wurde es dann von dem Zahnarzt Doebbelin gekauft und als Praxis genutzt wird. Er ließ die bereits zu Beginn erwähnte Gedächtnistafel an der Hausfront anbringen.


Kants Haus im Jahre 1893 Ende des 19. Jhdts. wurde das Gebäude in ein ein Geschäftshaus mit einigen Läden umgewandelt. Wie eine Photographie aus dem Jahre 1893 zeigt, brachte dies deutliche Veränderungen im Erscheinungsbild mit sich. Neben den angebrachten Reklameschriften betraf das vor allem den Umbau von Frontfenstern in Eingangstüren und Schaufenster.
Nur wenige Jahre nach dem Entstehen dieser Fotografie mußte das Haus gänzlich einem Neubau weichen.

Einzig die Gartenansicht behält über die Jahrzehnte hinweg im Wesentlichen ihr Äußeres.
Kants Haus - Gartenansicht 18. Jhdt. Kants Haus - Gartenansicht Ende 19.  Jhdt. Kants Haus - Gartenansicht Ende 19. Jhdt.



Fußnoten:

  1. Jachmann, Reinhold Bernhard (1980): Brief Kants an Hippel vom 9. Juli 1784, = X : 391zurück
  2. Hasse, Johann Gottfried (1804a): Merkwürdige Äusserungen Kant's, von einem seiner Tischgenossen (Königsberg: Hering) [Warschau, BN: I 288.792], S. 4-6. zurück


Biographisches Bibliographisches Marburger Kant-Archiv Akademie-Ausgabe

© 1996/2002 Immanuel Kant - Information Online
Erstes Datum: 17.11.1997
Letzte Änderung: 3. Dezember 2002