Reinhard Brandt

Kritischer Kommentar zu Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798)

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Abschnitt: 160 - 161

160

10-11 Die Sterne (hier drei und sonst nur zwei) finden sich in H und sind sinnvoll, weil hier in H (und A1) kein neuer Paragraph beginnt, bei Külpe §23, in A2 §21.

 

11-161,4 Noch gehört zu...erneuerten Anreizen ausfüllt.] Thema sind besondere, erst in der Neuzeit beachtete Reizmittel des Geschmacks und Geruchs. Der Abschnitt zerfällt in drei Teile: Allgemeine Beschreibung (z.11-21); die Materialien des Reizes (z.21-27); die psychologische Wirkung (z.27-161,4).

 

16 fixer Salze] Der Gegensatz sind die volatilischen oder flüchtigen Salze (s. 157,14).

 

21-27 Das gemeinste Material derselben...Wirkung thut.] Zum Tabak vgl. 232,28-35. - Zum Tabak und den 169,22-172,9 genannten weiteren Genußmitteln vgl. Wolfgang Schivelbusch, Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel (1988).

 

24 Pfeifenröhren] H: "Pfeifen"; A1: "Pfeifenröhre".

 

24-25 wie selbst das spanische...Zigarro zu rauchen.] Vgl. IX 429,31-32: "Die Frauenzimmer im spanischen Amerika rauchen fast allenthalben Tabak."

 

25-27 Statt des Tobaks...dieselbe Wirkung thut.] Vgl. Refl.1503; XV 805,7-9. Die Quelle Kants wurde nicht ermittelt.

 

27-30 Dieses Gelüsten (Pica)...zur Folge haben mag] Schivelbusch 1988, 244 nennt Johann Heinrich Cohausen, Satyrische Gedancken von der Pica Nasi, oder der Sehnsucht der Lüstern Nase. Das ist: Von dem heutigen Mißbrauch und schädlichen Effect des Schnupf-Tabacks [...] (1720). Vielleicht spielt Kant mit dem Hinweis auf den "medicinischen Nutzen oder Schaden" (z.28) auf den möglichen "schädlichen Effect" an, den Cohausen mitbehandeln will.

 

30-161,4 ist als bloße Aufreizung...Anreizen ausfüllt.] Vgl. 232,28-35 mit Kommentar.

 

34 immer stoßweise wieder] H: "immer wieder"

 

161

5 Vom inneren Sinn.] H (und A1) schreiben: "Anhang. Vom inneren Sinn"; von A2 zu Recht korrigiert, da der innere Sinn als angekündigtes (153,24) Gegenstück zu den äußeren Sinnen nicht in einem bloßen Anhang behandelt werden kann. Nach H "§18", A1: "§19"; A2: "§22".

Man muß den Abschnitt vermutlich in drei thematische Bereiche untergliedern: z.6-11 (innerer Sinn im Gegensatz zur reinen Apperzeption); z.11-20 (die Verknüpfung der inneren Wahrnehmungen zu einer inneren Erfahrung und die psychologische Frage der Einheit des inneren Sinnes); z.21-162,11 (die Täuschungen und Pathologien des inneren Sinnes).

Kant geht von der Einheit des inneren Sinnes aus (s. auch z.18-21); zur Tradition der Vorstellung, es gebe mehrere innere Sinne, vgl. Harry Austryn Wolfson, "The Internal Senses in Latin, Arabic, and Hebrew Philosophic Texts" (1935); Schrader 1969, 113-125 ("V. Die inneren Sinne").

 

6-11 Der innere Sinn...zum Grunde.] Die Unterscheidung von reiner Apperzeption und innerem Sinn ist dem Leser von 134,14-19 und 141,21-142,30 vertraut.

 

8-9 durch sein eignes Gedankenspiel afficirt wird.] Vgl. die Ausführungen in der KdU V 331,19-33, wo das Gedankenspiel unter das "freie Spiel der Empfindungen" (V 331,19) subsumiert wird (ohne die Problematik der hier angesprochenen Selbstaffektion). Ist dieses Spiel eine eigene Tätigkeit des Subjekts? Das dürfte es kaum sein, da das Spiel nicht eine nach Regeln ausgeführte Handlung ist, also nicht zu dem gehört, "was der Mensch thut" (z.7). Wer spielt also, wenn das "er tut" und "er leidet" nicht ergänzt werden kann durch "er spielt"? Das Spiel nicht des Menschen, sondern seiner Gedanken steht zwischen Tun und Leiden, wird aber in dieser Position von Kant weder hier noch an anderer Stelle näher bestimmt.

 

10-11 so wie sie...nach einander sind] Vgl. 142,5-6 "so wie sie zugleich oder nach einander sind". S. auch 399,10: "zugleich oder nacheinander zu sein".

 

12-13 (wahre oder scheinbare) innere Erfahrung] Der Hinweis auf die scheinbare Erfahrung antizipiert das Thema von z.21 ff. Wie ist die Unterscheidung möglich? Die Wahrnehmungen können nicht wahr oder scheinbar sein, jedoch die bewußte (nicht bloß assoziative) Verknüpfung sc. im Hinblick auf ein Objekt, mit dem übereinzustimmen das Urteil vorgibt. Es können innere Empfindungen für äußere Erscheinungen oder transzendente Eingebungen gehalten werden. Hier wird das Thema von 143,9-13 aufgenommen: "[...] so ist es rathsam und sogar nothwendig von beobachteten Erscheinungen in sich selbst anzufangen und dann allererst zu Behauptung gewisser Sätze, die die Natur des Menschen angehen, d.i. zur inneren Erfahrung, fortzuschreiten." Eine Methode des Fortschreitens wird, so hielten wir schon oben fest, nicht angegeben; es fehlt das Kausalgesetz als Kontrollinstanz des inneren Sinnes (der Grundsatz: "Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache und Wirkung" (KrV B 232; auch A 189) wird nur für Veränderungen im Raum erörtert!); es fehlt auch die Kontrolle durch den Konsens mit allen anderen, denn wie können andere über je eigene Binnenerscheinungen und -erfahrungen wie Träume und Eingebungen urteilen?

 

13-15 nicht blos anthropologisch...sondern psychologisch,] In H nicht unterstrichen. - Vgl. den Hinweis 142,31 ("Diese Anmerkung gehört eigentlich nicht zur Anthropologie.")

 

15-16 eine solche...und das Gemüth] H, A1: "ein solches in sich wahrzunehmen und statt des Gemüths" mußte korrigiert werden.

 

20-21 die Seele ist das Organ des inneren Sinnes] Samuel Thomas Soemmering, Über das Organ der Seele (1796). Vgl. XIII 31,35-32,18.

 

21-162,11 von dem nun gesagt...zurückgeführt wird.] Der Abschnitt handelt insgesamt von pathologischen Deformationen des inneren Sinnes bzw. der Interpretation der Erscheinungen im inneren Sinn und nimmt damit das Thema von 133,15-134,13 auf.

 

22-24 der Mensch die Erscheinungen...Eingebungen hält, von] H (und A1): "der Mensch [diese] Erscheinungen desselben für [äußerlich] solche hält von".

 

26-27 alsdann Schwärmerei...beides Betrug des] H: "alsdann unvorsetzlich ist und Schwärmerey heißt oder auch absichtlich gekünstelt wird um mit solchen Wesen in vermeynte Gemeinschaft zu kommen und alsdann Geisterseherey und Betrug des".

 

27 Betrug des inneren Sinnes] Vgl. 162,8 ("Täuschungen des inneren Sinnes").

 

28 der Hang] Fehlt in H, vgl. jedoch 162,7. Zur Bestimmung des Hanges innerhalb der Anthropologie s. 265,21-23.

 

30 eine Dichtung ist; oft auch sich] H: "eine absichtliche Dichtung sich"; "absichtlich" mit Randbemerkung besonders eingefügt.

 

34-162,2 Denn nachgerade hält...entdeckt zu haben.] Keine einfache Problemlage, denn alle Erscheinungen des inneren Sinnes sind nach Kant Selbstaffektionen (s. 153,25-26: "wo er durchs Gemüth afficirt wird"), sind also vom Empfindenden selber "ins Gemüth hineingetragen" (161,34-35). Die Unterscheidung der guten von den schlechten Erscheinungen hängt damit am "vorsetzlich" (161,34) - der Schwärmer und Geisterseher wird jedoch nicht annehmen, er habe sich vorsätzlich affiziert, sondern dies für das böswillige Urteil derer halten, die seine Erscheinungen nicht haben und ihm deswegen Betrug und Täuschung vorwerfen.

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