Reinhard Brandt
Kritischer Kommentar zu Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798)
Abschnitt:
120
1-6 Eine solche Anthropologie...Weltbürgers enthält.] Der Satz ist in seinem Wortlaut schwer verständlich, weil er die Weltkenntnis, die sich auf die "Sachen in der Welt" (z.3) wie Tiere (inklusive den Menschen als Tier), Pflanzen und Mineralien bezieht, mit zur Anthropologie zählt (z.3: "wenn sie", nämlich die Anthropologie als Weltkenntnis) und nicht, wie es nach Kant richtig ist, zur Weltkenntnis der Disziplin der physischen Geographie und z.B. zur Rassenlehre. Der Sinn ist jedoch klar: Die Weltkenntnis (nicht die Anthropologie) hat zwei Sparten, die theoretische "Erkenntniß der Sachen in der Welt" und die pragmatische "Erkenntniß des Menschen als Weltbürgers" (z.5); nur die letztere ist Anthropologie und speziell pragmatische Anthropologie.
1 Anthropologie, als Weltkenntniß] In der Vorlesungsankündigung vom Sommer 1775 wird genauer von den beiden akademischen Disziplinen als einer "Vorübung in der Kenntniß der Welt" (II 443,14) und einem "vorläufigen Abriß" (II 443,19-20) gesprochen. Aber es ist auch hier klar, was gemeint ist.
1-2 welche auf die Schule folgen muß] Erst Schul-, dann Weltkenntnis; so scheint auch die Vorstellung des ersten Satzes der "Vorrede" zu sein (119,2-4). Die Vorlesung zur Anthropologie hatte dagegen anfangs die Aufgabe, in das Schul- (sc. Universitäts-) Studium einzuführen, der Schulkenntnis also vorherzugehen; vgl. XXV S. XIX. - Die Vorlesung 1772-1773 scheint die Anthropologie noch nicht als Weltkenntnis im Gegensatz zur Schulkenntnis vorgestellt zu haben; der einzige Hinweis auf diese Unterscheidung findet sich in einer (offenbar später eingefügten) Marginalie der Nachschrift Philippi 2.
2 eigentlich] Ein Hinweis darauf, daß auch die physische Geographie als pragmatische Weltkenntnis geführt wird, so in der Vorlesungsankündigung von 1775, "Von den verschiedenen Racen der Menschen", 4. Abschnitt (II 443,12-21).
4-5 z.B. Thiere, Pflanzen...Klimaten] Die hiermit angegebenen drei Naturreiche bilden das Thema des zweiten oder "besonderen" Teils der Vorlesung über physische Geographie. So schon 1757 in "Entwurf und Ankündigung eines Collegii der physischen Geographie", s. II 3,18-21 und 9,4-16.
6-8 Daher wird...Weltkenntniß gezählt] Dingelstädt überliefert: "Vom Character der verschiedenen Racen ist in der physischen Geographie gehandelt." (127) Vgl. dagegen 124,19: "D. Vom Charakter der Rasse" und 320-321.
7 Spiel der Natur] "Spiel der Natur" nimmt den Begriff des "ludus (oder lusus) naturae" auf. Die Rassen sind "Spielarten"; s. II 430,25; 37; hier 320,22; "Spielart" II 431,18 und VII 220,6.
9 die Welt kennen und Welt haben] In der Refl.1502a, von Adickes 1790-1791 datiert, wird die Unterscheidung noch anders vorgenommen. In der Weltbildung seien die Menschen nicht passiv wie in der Schulbildung, sondern "[...] selbst Mitspielend [...] im großen Spiel des Lebens." (XV 799,8-800,1) Die erste erziehe zur Geschicklichkeit, die zweite zur Klugheit, nämlich seine Geschicklichkeit in der Welt anzubringen; wer dies verstehe, habe Welt; darüberhinaus gehe jedoch noch das Kennen der Welt. Pragmatische Anthropologie sei Menschenkenntnis, verstanden als Weltkenntnis (XV 800,1-11).
11 der Andere aber mitgespielt hat.] Der Gedanke erinnert an die Vorstellung im 2. Abschnitt des Streits der Fakultäten (1798): "Es ist bloß die Denkungsart der Zuschauer, welche sich bei diesem Spiele großer Umwandlungen öffentlich verräth [...]" (VII 85,9-10), wobei zugleich gilt, daß das zuschauende Publikum "[...] ohne die mindeste Absicht der Mitwirkung sympathisirte." (VII 87,1-2)
12-15 Die sogenannte große Welt...zu weit befinden.] Einige Beobachtungen und Beurteilungen der großen Welt, allesamt negativ, kommen dennoch vor: "Die Neuigkeit ist es also, was die Mode beliebt macht, und erfinderisch in allerlei äußeren Formen zu sein, wenn diese auch öfters ins Abenteuerliche und zum Theil Häßliche ausarten, gehört zum Ton der Hofleute, vornehmlich der Damen, [...] (die élegants de la cour, sonst petits maîtres genannt, sind Windbeutel.)" (245,24-33) "Eine Tafelmusik bei einem festlichen Schmause großer Herren ist das geschmackloseste Unding, was die Schwelgerei immer ausgesonnen haben mag [...]" (281,8-10); sodann wird festgestellt, daß ein eigener Charakter einer Person "[...] bei Hofleuten, die sich in alle Formen fügen müssen, gar nicht zu suchen sei [...]." (295,4-5) "[...] eine angemaßte Wichtigkeit, mit höfischer Manier der Einschmeichelung verbunden [...]" (301,31-32). Ein Streiflicht fällt auf infantile Monarchen: "[...] wie ein Minister seinem blos auf Vergnügen bedachten Monarchen [...]" (310,3) etwas vorgaukelt, um die Verwirklichung seiner desaströsen Wünsche zu verhindern. In den erhaltenen Vorlesungsnachschriften scheinen die Invektiven gegen den Hof auch erst nach der Französischen Revolution zu begegnen, so bei Dohna 273: "Das Genie findet man vorzüglich bei den Engländern, Franzosen und Italiänern, doch bei den ersten findet man nur das wahre eigenthümliche Genie, weil (welches auch bei den Italiänern der Fall ist) hier Freiheit und Regierungsform es begünstiget. Denn hier darf es keiner für nothwendig halten, sich dem Hofe, den Vornehmen, oder irgend einem andern zu accommodiren. Denn wo schon der Hof zu furchtbar ist, und sich alles nach einerley Muster bildet, da muß zulezt alles einerley Farbe enthalten." Der junge Kant schrieb noch zu Beginn des dritten Krieges Friedrichs II. gegen Österreich: "Ein Fürst, der, durch ein edles Herz getrieben, sich diese Drangsale des menschlichen Geschlechts bewegen läßt, das Elend des Krieges von denen abzuwenden, welchen von allen Seiten überdem schwere Unglücksfälle drohen, ist ein wohlthätiges Werkzeug in der gütigen Hand Gottes und ein Geschenk, das er den Völkern der Erde macht, dessen Werth sie niemals nach seiner Größe schätzen können." (I 461,9-14). Dagegen heißt es im 2. Abschnitt des Streits der Fakultäten (1798): "Denn für die Allgewalt der Natur, oder vielmehr ihrer uns unerreichbaren obersten Ursache ist der Mensch wiederum nur eine Kleinigkeit. Daß ihn aber auch die Herrscher von seiner eigenen Gattung dafür nehmen und als eine solche behandeln, indem sie ihn theils thierisch, als bloßes Werkzeug ihrer Absichten, belasten [sc. durch Steuern], theils in ihren Streitigkeiten gegen einander aufstellen, um sie schlachten zu lassen, - das ist keine Kleinigkeit, sondern Umkehrung des Endzwecks der Schöpfung selbst." (VII 89,8-15) In den Vorlesungsnachschriften wird die Invektive gemieden; bei anwesendem Adel unter den Zuhörern wurde jedoch den Dienern empfohlen zurückzuschlagen, wenn sie von den Vornehmen geschlagen würden: Vgl. den Kommentar zu 293, 31 ("der einen Herren nöthig hat"). In der Physischen Geographie Hesse (um 1770) heißt es: "Bey den Prinzen findet man Minen der Dreistigkeit, die sie sich ihres Standes bewußt, von Jugend auf annehmen." (84)
Kant hat zwar einen "Standpunkt", aber keinen eigenen Stand neben oder unter dem "Stand der Vornehmen". Friedrich Schulz prägt in Über Paris und die Pariser (1791) den Begriff des Mittelstandes, "[...] der nur in großen Städten vorhanden ist, und die Lücke zwischen Volk und großer Welt ausfüllt [...]." (236, genauere Erläuterungen 237 ff.) Der Sache nach ist die Auszeichnung des "Mittelstandes" natürlich älter, sie findet sich schon bei Aristoteles.
Zur Geschicklichkeit, Standpunkte zu nehmen, vgl. die "Bemerkungen zu den Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" (XX 12,14; 169,1-5). - In der Menschenkunde heißt es: "Der Mensch kennt die Welt d. h. er kennt den Menschen in allen Ständen." (2) Vor der Menschenkunde wird die Standesfrage in den Vorlesungsnachschriften nicht genannt.
Kant sagt nicht, welche anthropologisch relevanten Erkenntnisse man in der "sogenannten großen Welt" (z.12) grundsätzlich gewinnen könnte; er erhebt mit seiner Anthropologie einen universalistischen Anspruch der Kenntnis des Menschen überhaupt. Es findet keine Abgrenzung nach unten statt - so wenig wie die große Welt angeblich einbezogen wird, so wenig wird jedoch die Welt unterhalb des Mittelstandes berücksichtigt. Die Anthropologie betrachtet Menschen, die an der Bildung und Kultur, in der die Disziplin entwickelt wird, teilnehmen. Insofern ist es eine Anthropologie des bürgerlichen Mittelstandes, der seine eigenen Vorstellungen verallgemeinert.
13 der Anthropologe] Das Wort begegnet in den Druckschriften nur hier und 127,22. In den erhaltenen Vorlesungsnachschriften zuerst Menschenkunde 339; dann Marienburg 4.
16-26 Zu den Mitteln...abgeben kann.] Collins vom Wintersemester 1772-1773 bringt folgende Ausführung unter dem Titel des "Verstandes": "Ein richtiger Verstand ist nicht immer lebhafft, er ist langsam, daher dergleichen Leüte offt für unfähig gehalten werden. Dieser langsame Fortgang, wird aber durch Richtigkeit ersetzt. Manche Menschen haben Verstand, und geben doch lauter albern und zwecklose Dinge an. Das findet sich bey denen, die keinen dirigirenden Verstand haben. Frauenzimmer können offt ihre Absichten geschickt ausführen, aber gute Zwecke können sie nicht wählen; alles laüft auf Tändeleyen hinaus. Uberhaupt ist der männliche Verstand vom weiblichen ganz verschieden, den Werth der Dinge zu schätzen ist mehr für den männlichen, als weiblichen Verstand. Es gehet hier so zu, als wie auf einem Schiffe, wo alle Matrosen ihre Arbeit wißen, aber einer muß sie dirigiren. Einige Köpfe sind technisch, die in besondern Stücken, und einzelnen Sachen, sich offt sehr vortreflich zeigen, und sehr subtil sind, aber keinen Blick aufs Ganze werfen können - andere sind architechtonisch, die erstere sind so, wie Leüte, welche weit gereist sind, und die Landcharte nicht kennen. Sie wißen von jedem Orte was zu erzählen, aber sie haben keinen Begriff von dem ganzen Lande und seiner Verbindung. Manche Mahler mahle gute Füße, aber nicht proportionirt ganze Portraitte. Es gibt viele Wißenschafften, wo man zuvor das Ganze wißen muß ehe man zu den Theilen kommt. Dieß ist bey der Geographie, bey der Betrachtung des Weltgebaüdes. Menschen, die von Leidenschafften beseßen sind, sinnen bloß auf die Befriedigungen der Begierden, und vergeßen mit der Summe alle übrigen Neigungen zu vergleichen." (130-131) Kant experimentiert in dieser Phase mit dem "dirigierenden Verstand" und versucht ihn von der Vernunft abzugrenzen: "Verstand ist das Vermögen zu urtheilen; Vernunft daß Vermögen a priori zum Voraus vor der Erfahrung zu erkennen. [...] Sachen die schon in der Erfahrung sind, zu erkennen und zu beurtheilen, gehört Verstand; was aber noch nicht in der Erfahrung ist voraus zu sehen, gehört Vernunft." (133)
16-17 Zu den Mitteln...Reisebeschreibungen.] Eigenes Reisen und die Lektüre von Reisebeschreibungen können nur den "Umfang" (z.16; 20-21) der Menschenkenntnis erweitern, sie aber nicht begründen. - Kant schätzt das mit Forschungsinteresse begleitete Reisen hoch und hält es für eine Eigentümlichkeit nur der Europäer, die ihre Überlegenheit über die Völker der (für ihn: drei) anderen Kontinente zeigt. Die "Tartarn und Calmücken", der orientalische im Gegensatz zum okzidentalischen Menschenschlag, so die Refl.1520, "perfectioniren sich nicht, reisen nicht, sind keiner Gesetze fähig." (XV 879,14-16) - Die Reisebeschreibungen erscheinen nicht noch einmal unter den Hilfsmitteln der Anthropologie (s. 121,18-28); sie enthalten häufig genaue Anweisungen zur Beobachtung, die den Reisenden mitgegeben wurden, s. z.B. die Reise-Instruktionen in der Reise um die Welt Georg Forsters von 1778. Vgl. dazu Michael Neumann, "Philosophische Nachrichten aus der Südsee" (1994), bes. 523 ff.
Kant übt keine Kritik an der Reiseliteratur wie Rousseau im 5. Buch ("Des Voyages") des Emile (1762), (Rousseau 1959 ff., IV 827-828: man muß auch andere Völker selbst kennen); vgl. auch die "Note X" zum Discours sur l’inégalité (1755; Rousseau 1959 ff., III 212); er macht auch keine Vorschläge für methodisches Reisen und Menschenforschen wie Rousseau, s. Discours sur l’inégalité (1755; Rousseau 1959 ff., III 214).
Das Reisen kann nur der quantitativen Erweiterung dienen, die Struktur der Erfahrung liefert der Philosoph in Form der Generalkenntnis "a - priori" (z.23-24: "geht...voraus"). Die eigenen Quellen im Bereich der Philosophie werden hier nicht genannt; es ist vor allem die "empirische Psychologie" von Alexander Baumgarten, die Kant vielfältig benutzt, ohne daß der Name Baumgartens noch fällt. S. den Kommentar zu 121,18.
18-21 Man muß aber doch...zu erweitern.] Ein "aufmerksame[r] und einsehende[r] Reisende[r]" nach Kants Geschmack war ein Herr Eaton, ehemaliger holländischer Konsul, s. "Von den verschiedenen Racen" (1775), II 439,23-38 und die Einleitung zu Band XXV. Das Profil, das Kant sich hier im Hinblick auf seinen eigenen "Umgang" (z.18) selbstbewußt gibt, hebt sich angenehm ab von der Bescheidung Carl Christian Erhard Schmids, eines Jenenser Professors, der in der "Einleitung" seiner Empirischen Psychologie von 1791 unter dem Zwischentitel "Einschränkung des Umgangs" schreibt: "Die Lage eines Gelehrten bringt es mehrentheils so mit sich, daß er sich auf den Umgang mit wenigen Menschen, von ähnlichem Stande, Range, Vermögen und Lebensart einschränke. Diese Aehnlichkeiten aber führen häufig eine Verwandschaft der Denkungsart, Gesinnungen und Sitten mit sich. Die Sphäre der Beobachtung ist daher einförmig, und ihre Resultate können oft schon deshalb einseitig und unrichtig ausfallen. Sehr viele Classen und Seiten der Menschheit muß der Psycholog nur aus Büchern, Geschichtsschreibern und Romanen kennen lernen." (118) - Die Annahme von Michel Foucault in seiner (nicht publizierten) Thèse Complémentaire Introduction à l’anthropologie de Kant, es gebe auffällige Koinzidenzen zwischen Kants Anthropologie und Schmids Empirischer Psychologie und die letztere sei vielleicht von Kants Anthropologie-Vorlesung beeinflußt (6), läßt sich m.E. nicht aufrechthalten. Schmid bezieht sich häufig auf publizierte Kantische Schriften (s. unten zu 120,29 und 121,1-4), er verrät jedoch, wenn ich richtig sehe, keine darüber hinausgehenden Kenntnisse der pragmatischen Anthropologie aus Königsberg. Nur so läßt sich wohl die auffällige Differenz der Vorgehensweise im ganzen erklären. Übereinstimmungen gehen auf gemeinsame Quellen zurück. Unabhängig von diesem Befund ist klar, daß Schmid über die publizierten Schriften Kants gut informiert ist; er hat die erste Kant-Vorlesung in Jena gehalten und 1786 ein Wörterbuch zum Gebrauch der Kantischen Schriften verfertigt. Kant verweist im Gegensatz zu Schmid auf seinen Umgang mit den Stadt- und Landesgenossen und sieht sich in der Rolle des Anthropologen als Stadt- , nicht Universitätsbürger (der er der rechtlichen Stellung nach war). Es galt, die akademische Einengung, über die Schmid klagte, sogleich von sich zu weisen; zur Gefahr des bloß Akademischen in Lebensfragen vgl. auch Johann Michael von Loen, Moralische Schildereien nach dem Leben gezeichnet (1749): "Kluge Leute aber, welche die grose Welt, die Menschen und die Sitten etwas genauer, als die Herren Gelehrten auf hohen Schulen haben kennen lernen, bedienten sich dieser Methode [sc. der Temperamentenlehre] niemals [...]" (J. M. v. Loen, Kleine Schriften (1972) I 6; s.a. Kosenina 1995, 74-75). Auf die "grose Welt" verzichtet Kant ausdrücklich (z.12) im Gegensatz zu Goethes Großonkel von Loen, der den "redlichen Mann am Hofe" für möglich hielt, wie Goethe.
21 Ohne einen solchen Plan] Dieser Plan hat eine Ordnungs- und Leitfunktion (s. z.24 "geordnet und geleitet") für das auswärtige Suchen, z.B. in Form von einzelnen Titeln (s. 121,32); er ist in der vorliegenden pragmatischen Anthropologie als "Generalkenntniß" (z.23) niedergelegt. Er erwächst aus Kenntnissen, die man zum einen, wie Kant in der Anmerkung sagt, unter günstigen Umständen zu Hause erwerben kann, die zum andern jedoch in einer Theorie (und deren Quellen) fundiert sind, die in der pragmatischen Anthropologie nicht mehr angesprochen werden. Dazu gehört die Gliederung und damit der Plan des ersten Teils mit der Unterscheidung von Erkenntnisvermögen, Gefühl und Begehren - keine der von Kant 120-121 aufgeführten Erkenntnisquellen vermag zu dieser grundlegenden "Generalkenntniß" (z.23) zu führen.
23-24 Die Generalkenntniß ... der Localkenntniß voraus] Kant versucht mit der Frage fertig zu werden, wie man zur anthropologischen Weltkenntnis gelangen kann, ohne sich von der Stelle zu rühren ("ohne zu reisen", 121,36).
Die Unterscheidung von lokaler und "Generalkenntniß" findet sich zuerst in den Prolegomena von Pillau: "Unterfand der Welterkenntniß. 1) Eine Local Weltkenntniß die die Kaufleute haben, die auch empirisch genannt wird. 2) eine general Weltkenntniß die der Weltmann hat, und die nicht empirisch sondern cosmologisch ist." (b 17-21) Der Sache nach ist die Differenzierung älter, so heißt es in Parow 166: "Einige können philosophische Säze recht gut vortragen, allein sie haben das Erhabene der Philosophie niemals geschmeckt. Es ist mit einem solchen Menschen ebenso, als mit einem der in vielen Ländern gewesen, aber niemals eine LandCharte gesehen hat; dieser wird viel erzählen können, was er hie und da gesehen, aber er wird sich niemals einen ganzen Begriff, von der ganzen Gegend und ihrer Lage machen können. [...] Manche Wißenschaften sind so geschaffen, daß man vom Ganzen auf die Theile gehen muß, als die Geographie und Astronomie." Die beiden Begriffe der General- und Lokalkenntnis orientieren sich an zwei Formen der Landkarten: Es gibt die Generalkarte und die Lokalkarte; vgl. Refl.4991 (XVIII 53,15). Der Ursprung des ersten Begriffs liegt vielleicht in der Geographia generalis in qua affectiones generales Telluris explicantur von Bernardus Varenius (Amsterdam 1671; von Isaac Newton 1672 in Cambridge neu herausgegeben; in Kants Besitz Newtons Ausgabe von 1681 (mit Randnotizen), s. Arthur Warda, Immanuel Kants Bücher (1922) 18-19). Zur Erklärung des Begriffs führt Varenius im ersten Kapitel unter dem Zwischentitel "Divisio" aus: "Dividimus Geographiam in Generalem et Specialem, sive Universalem et Particularem. (Golnitzius explicationem Geographiae ait duplicem esse, Exteriorem et Interiorem, sed impropria et Catachristica est haec appellatio [...].)" (2) Auf Varenius verweist Christian Wolff in Spalte 665 seines Mathematischen Lexicons (1716). Dort auch die Einteilung der Geographie in mathematische, physische und geographische. Der Gegenbegriff einer lokalen Geographie wird nicht gebraucht. So auch in der Vollständigen Einleitung Zur Geographischen Wissenschaft, die in Kants Schule, dem Collegium Fridericianum, verwendet wurde: "Die Geographie ist in Ansehung ihres Begriffs entweder generalis, welche von der Erdkugel überhaupt handelt, dabey man einen [...] Globum terrestrem zu gebrauchen pflegt; oder specialis, welche sich um einzelne Länder und Provintzen insbesondere bekümmert, wobey die Landcharten gebrauchet werden." (zitiert nach Heiner Klemme, Die Schule Immanuel Kants (1994) 51)
Alexander Pope nennt seinen Essay on Man (1733) eine "general Map of Man" (unter dem Zwischentitel "The Design"; Pope 1950, 8.
Die Unterscheidung von General- und Lokalkenntnis des Menschen wird an anderen Stellen durch die Unterscheidung von Singular und Plural - der Mensch oder die Menschen (s. im Ewigen Frieden VIII 374,5-6) - oder die Gegenüberstellung der Natur des Menschen und seines jeweiligen bloßen Zustandes gefaßt.
Im 8. Kapitel seines postum veröffentlichten "Essai sur l’origine des langues" schreibt Rousseau : "Quand on veut étudier les hommes, il faut regarder près de soi; mais pour étudier l’homme, il faut apprendre à porter sa vue au loin; il faut d’abord observer les différences pour découvrir les propriétés." (Rousseau 1959 ff., V 394)
25-26 fragmentarisches Herumtappen] "fragmentarisch" ist grundsätzlich der Systematischen, Einheitlichen der Wissenschaft entgegengesetzt. "Herumtappen" in der Anthropologie in ähnlicher Verwendung 228,6; auch in der KrV, BXXX-XXXI: "[...] man mag nun bloß auf die Kultur der Vernunft durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt, in Vergleichung mit dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne Kritik sehen, [...]." In den Druckschriften wohl zuerst in der "Vorrede" der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786): Wenn die allgemeine Metaphysik der Anschauung bedürfe, um ihren Verstandesbegriffen Bedeutung zu verschaffen, diese aus der allgemeinen Körperlehre kommen müßten und sie sonst "[...] unter lauter sinnleeren Begriffen unstät und schwankend herumtappe." (IV 478,9) Vom "bloßen Herumtappen" im Gegensatz zu einer voraussehenden, planvollen Erfahrung und Wissenschaft spricht Kant zuerst in der Vorrede zur zweiten Auflage der KrV, so B VII; B XI; B XIV; B XV. Sodann in der gegen Georg Forster verfaßten Schrift "Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie" von 1788: Es sei "[...] ungezweifelt gewiß, daß durch bloßes empirisches Herumtappen ohne ein leitendes Princip, wornach man zu suchen habe, nichts Zweckmäßiges jemals würde gefunden werden; denn die Erfahrung methodisch anstellen, heißt allein beobachten. Ich danke für den blos empirischen Reisenden und seine Erzählung, vornehmlich wenn es um eine zusammenhängende Erkenntniß zu thun ist, daraus die Vernunft etwas zum Behuf einer Theorie machen soll. Gemeiniglich antwortet er, wenn man wonach frägt: ich hätte das wohl bemerken können, wenn ich gewußt hätte, daß man darnach fragen würde." (VIII 161,9-17) Im gleichen Sinn im "Gemeinspruch" (1793): "Es kann also Niemand sich für praktisch bewandert in einer Wissenschaft ausgeben und doch die Theorie verachten, ohne sich bloß zu geben, daß er in seinem Fache ein Ignorant sei: indem er glaubt, durch Herumtappen in Versuchen und Erfahrungen, ohne sich gewisse Principien (die eigentlich das ausmachen, was man Theorie nennt) zu sammeln und ohne sich ein Ganzes (welches, wenn dabei methodisch verfahren wird, System heißt) über sein Geschäft gedacht zu haben, weiter kommen zu können, als ihn die Theorie zu bringen vermag." (VIII 276,1-8) und im 2. Abschnitt der Schrift Zum ewigen Frieden (1795): VIII 348,30-31.
Der Tastsinn leitet den Blinden; für die Wissenschaft bedarf es des vorausschauenden, ein Ganzes vor der Berührung erfassenden Sehsinns. Zu Kants häufig gebrauchter Metaphorik von Tasten und Sehen im Hinblick auf die Konstitution von Wissenschaft vgl. hier auch 154,30-155,11 und den Kommentar zu 154,29.
Zur Ordnung der Sinne besonders bei Herder im Gegensatz zu Kant vgl. Peter Utz, Das Auge und das Ohr im Text (1990), bes. 90-99 ("Der tappende Augenmensch").
Vermutlich hat sich Schelling in seinen "Miscellen aus der Zeitschrift für speculative Physik" (1803) von Kant anregen lassen: "Ich schließe diese Betrachtungen [...] vorerst mit Einem Resultat, das aus ihnen hervorgeht, nämlich daß wer keine rechte Theorie hat, unmöglich auch eine rechte Erfahrung haben kann, und umgekehrt. Die Thatsache an sich ist nichts. Ganz anders erscheint sie sogar dem, der Begriffe hat, als dem, der begrifflos sie anblickt. Um recht zu sehen, muß man wissen, wornach zu sehen ist, und viele Experimentatoren gleichen jenen Reisenden, die recht vieles erfahren könnten, wenn sie nur wüßten, wornach zu fragen wäre." (Schelling 1927 ff., I. Erg.Bd. 584)
26 Wissenschaft] Ist die vorliegende Anthropologie eine Wissenschaft? In der "Vorrede" der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786) wird der empirischen Psychologie der Rang einer Naturwissenschaft abgesprochen, weil sie erstens nicht mathematisiert werden kann und zweitens keine systematische Zergliederungskunst oder Experimentallehre (wie die Chemie) abgibt, "weil sich in ihr das Mannigfaltige der inneren Beobachtung nur durch bloße Gedankentheilung von einander absondern, nicht aber abgesondert aufbehalten und beliebig wiederum verknüpfen, noch weniger aber ein anderes denkendes Subjekt sich unseren Versuchen der Absicht angemessen von uns unterwerfen läßt, und selbst die Beobachtung an sich schon den Zustand des beobachteten Gegenstandes alterirt und verstellt. Sie kann daher niemals mehr als eine historische und, als solche, so viel möglich systematische Naturlehre des inneren Sinnes, d. i. eine Naturbeschreibung der Seele, aber nicht Seelenwissenschaft, ja nicht einmal psychologische Experimentallehre werden [...]." (IV 471,23-32) Und in der "Ersten Einleitung" der KdU: "Psychologisch beobachten (wie Burke in seiner Schrift vom Schönen und Erhabenen), mithin Stoff zu künftigen systematisch zu verbindenden Erfahrungsregeln sameln, ohne sie doch begreifen zu wollen, ist wohl die einzige wahre Obliegenheit der empirischen Psychologie, welche schwerlich jemals auf den Rang einer philosophischen Wissenschaft wird Anspruch machen können." (XX 238,18-23)
Kant nennt im folgenden die Schwierigkeiten, die einer Anthropologie als Wissenschaft entgegenstehen. Er spricht ihr auch hier die Möglichkeit zu, systematisch abgefaßt werden zu können (119,9; 121,29).
In ihrer ursprünglichen Fassung stellte sich die Anthropologie als Wissenschaft vor; so etwa bei Philippi: "Wenn wir die Kentniß des Menschen als eine besondre Wissenschaft ansehen, so entspringen daraus viele Vortheile" (2v), oder Hamilton: "Die empirische Psychologie ist eine Art von Naturlehre. Sie handelt die Erscheinungen unsrer Seele ab, die ein Gegenstand unserer Sinne sind, nämlich des inneren Sinnes sind, und ausmachen, und zwar auf eben die Art wie die empirische Naturlehre oder Physik, die Erscheinungen abhandelt." (1)
29 Schwierigkeiten] Kant nimmt die Argumentation aus der "Vorrede" der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786) auf (IV 471,11-37). In der KrV lautet das Gegenstück in Bezug auf die apriorische Selbsterkenntnis: "[...] eine Aufforderung an die Vernunft, das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntniß aufs neue zu übernehmen [...]" (A XI).
Der Hinweis auf Schwierigkeiten gehört zu den Topoi des Exordiums einer Abhandlung; so (und nicht durch direkte Filiation) erklärt es sich, daß auch Aristoteles am Anfang von De anima auf die Schwierigkeiten hinweist, die mit der Themenstellung verbunden sind: "Ganz im allgemeinen gehört es zum Schwierigsten, eine feste Meinung über sie [sc. die Seele] zu gewinnen." (402a11-12) Speziell die Selbsterkenntnis gilt als schwierig in Platons Alkibiades I 129a2-6, bei Cicero, De legibus I 22, 58: "Haec [sc. die Philosophie] enim una nos cum ceteras res omnes, tum quod est difficillimum. docuit, ut nosmet ipsos nosceremus [...]." Wie Kant nennt auch Justus Christian Hennings in seiner pragmatischen Geschichte von den Seelen der Menschen und Thiere (1774) "Schwierigkeiten der Psychologie" und verweist dabei auf Charles Bonnets Analytischen Versuch über die Seelenkräfte (1770-1771). Christian Gottfried Schütz zählt im "Anhang I: Betrachtungen über die verschiednen Methoden der Psychologie" seiner Bonnetübersetzung drei "Klassen psychologischer Schwierigkeit" auf, die mit den drei möglichen Methoden der Psychologie, der empirischen, der analytischen und der synthetischen einhergehen: "Derjenige, welcher bloß Erfahrungen von der Seele sammelt, scheint zwar am sichersten zu gehn; aber auch nicht die größten Progressen zu machen. [...] [Es] können auch hier unrichtig angestellte Beobachtungen, falsche Schlüsse, die aus ihnen gezogen werden, und Verwechslungen des Wesentlichen mit dem Zufälligen manchen Irrthum erzeugen. Der Analyst setzt sich der Gefahr aus, auf unmögliche Voraussetzungen zu gerathen, und die Zergliederung weiter zu treiben, als es der Wahrheit gemäß ist [...]. Der Synthetiker findet auf seinem Wege die Unbequemlichkeit, daß er durch eine Reihe von Schlüssen auf Begriffe geleitet wird, welche gar nicht mit der Realität zusammentreffen; daß er sich in Speculationen verirrt, welche der Erweiterung der Kenntniß der Seele keinen Vortheil bringen [...]." (Bonnet 1770-1771, II 187-322; dort 205-206) Und Karl Philipp Moritz schreibt in der (titellosen) Vorrede seines Gnothi Sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde (1783): "Mit Zittern schreite ich zu der Ausführung eines Unternehmens, dessen Wichtigkeit und Nutzbarkeit mir von Tage zu Tage mehr in die Augen leuchtet, wobei ich aber auch die großen Schwierigkeiten immer deutlicher einsehe." (Gnothi Sauton 1, 1783, 7) Thomas Reid schreibt in seiner Inquiry of the Human Mind on the Principles of Common Sense von 1764 unter dem Titel "Section II. The Impediments to our Knowledge of the Mind": "But it must be acknowledged, that this kind of anatomy is much more difficult than the other; and, therefore, it needs not seem strange that mankind have made less progress in it. To attend accurately to the operations of our minds, and make them an object of thought, is no easy matter even to the contemplative, and to the bulk of mankind is next to impossible." (98 a) So auch in den Essays on the Intellectual Powers of Man (1785), "Essay" I 6: "Of the Difficulty of Attending to the Operations of our own Minds" (Reid 1969, 59); es folgt wie bei Kant eine numerierte Liste von speziellen Schwierigkeiten; vgl. den Kommentar zu 121,18.
Carl Christian Erhard Schmid widmet den §XXII (109-120) der "Einleitung" seiner Empirischen Psychologie von 1791 der Darstellung der "Schwürigkeiten"; unter der Ziffer 7 und 8 (113-115) wird Kants Psychologie-Erörterung in der "Vorrede" der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft zitiert (113-115; Zitattext: IV 471,11-29).
1795 sprach Lacépède in Paris in der École Normale über die "Naturgeschichte des Menschen" und malte den Topos näher aus im Sinn der Subjekt-Objekt-Problematik: "Was ist schwieriger, als ihn [sc. den Menschen] kennenzulernen? Welches Objekt steht uns näher? Wir sehen es, berühren es, wir fühlen es in unserm Innern: dieses Objekt sind wir, und dennoch entzieht sich sein Wesen unserem Geist; es entgeht unserer Intelligenz. Ach! Gerade diese Identität entzieht es der Anschauung. Wir können nur aufgrund der Verschiedenheit von Beziehungen begreifen, und hier gibt es nur Ähnlichkeiten, aber keine Unterschiede zwischen dem Beobachter und dem Untersuchungsobjekt." (zit. nach Sergio Moravia, Beobachtende Vernunft (1973) 61).
Die drei im folgenden genannten Schwierigkeiten beziehen sich auf die beiden "Quellen" der anthropologischen Kenntnis, den Erfahrungsumgang mit anderen und sich selbst; die Schwierigkeiten liegen erstens in der Beziehung des Beobachtens zum Beobachteten (1. und 2.) und 3. in der Abwandlung des Menschen durch die "altera natura".
Mit "Endlich" schließt ein Problem der Hilfsmittel an (121,18-28). Eine weitere Schwierigkeit wird 143,4-13 genannt: Daß "der Forscher seines Inneren leichtlich, statt blos zu beobachten, manches in das Selbstbewußtsein hinein trägt" (143,8-9) und dies dann zur Grundlage der Beurteilung anderer nimmt.
Die Nennung von Schwierigkeiten ist also nicht nur ein tradierter Topos für den Anfang einer Schrift, sondern findet - wie bei vielen anderen Autoren, die zur Selbsterkenntnis des Menschen schreiben - eine inhaltliche Begründung. Der Nennung der Schwierigkeit der Selbsterkenntnis am Anfang des Unternehmens korrespondiert die Behandlung der Schwierigkeit der Selbstverwirklichung am Schluß: Im letzten Kapitel über den "Charakter der Gattung" (321-333) wird die Frage erörtert, wie der Mensch zur Selbstfindung gelangen kann, wie er seine eigene Bestimmung zu erreichen vermag - "Wir wollen die Schwierigkeiten der Auflösung dieses Problems und die Hindernisse derselben anführen." (325,9-11) Die hier genannten Schwierigkeiten nehmen das Motiv auf, das aus dem "7. Satz" der "Idee" (1784) bekannt ist (VIII 23,2-6; vgl. unseren Kommentar zu 325,9-11).
Claude Lévi-Strauss verweist in Mythologica I. Das Rohe und das Gekochte (1976) darauf hin, daß sich das soziohistorische und anthropologische Material "nicht nach dem cartesischen Prinzip zu richten vermag, die Schwierigkeiten in so viele Teile zu zerlegen, wie zu ihrer Lösung nötig sind." (16) Vgl. Descartes zum methodischen Umgang mit Schwierigkeiten in den Regulae ad directionem ingenii VI Abs. 1: "[...] quoties aliqua difficultas occurrit, [...]." (Descartes 1967 ff., X 381)
Descartes’ methodischer Umgang mit Schwierigkeiten und deren völlige Eliminierung ist in der pragmatischen Anthropologie nicht möglich. So wenig jedoch wie Aristoteles auf die Ethik verzichtet, weil sie nicht more geometrico erfaßbar ist (vgl. Ethica Nicomachea I, iii: 1094b10-25), so wenig ist die Nichteliminierbarkeit der Schwierigkeiten bei Kant ein Grund, auf die pragmatische Anthropologie als eine Wissenschaft zu verzichten. Sie gehört in den "two cultures", die seit Platons Politikos (283b-287b) wahrgenommen werden, zu den nicht-mathematischen Disziplinen.
30-121,36 Eine große Stadt ... erworben werden kann] Königsberg, Montreal, Monreale, ist der feste Ort, von dem sich das gleichsam ‘empirische A-priori’ aller fluktuierenden Lokalkenntnisse in unbewegter Anschauung entwerfen läßt. Auch hier wird allerdings nur eine "Erweiterung sowohl der Menschenkenntniß als auch der Weltkenntniß" erworben. - Wie ist zu erklären, daß Kant von Königsberg als dem "Mittelpunkt eines Reichs" (z.30) spricht? Welches sollte dieses Reich sein? Kant scheint "Preußen" nur auf das spätere Ostpreußen zu beziehen; wenn er vom "Königreich Preußen" im §35 der Physischen Geographie (1802) spricht (IX 222,28-29), so ist die Mark Brandenburg nicht mitgemeint. Wenn in derselben Schrift von "Polen und Preußen" die Rede ist (so §17: IX 192,35; §49: 262,18-19; 323,32), ist ebenfalls das spätere Ostpreußen gemeint; auch der "Magister, der seine Verwandten in Preußen besuchte" (hier 262,31), besucht sie in Königsberg (262 Anm.). In der Physischen Geographie §35, IX 222,28-29, kommen Eisfelder vor, die "manchmal fast die Größe des eigentlichen Königreichs Preußens haben." Dieses "eigentliche Königreich Preußen" scheint Berlin und seinen Anhang nicht zur Kenntnis zu nehmen und nur mit der eigenen Größe und Königsberg als Hauptstadt zu rechnen.
Karl Friedrich Burdach schreibt in seiner Selbstbiographie Rückblick auf mein Leben (1848) über Königsberg zur Zeit seines Antritts der Anatomieprofessur 1814: "Königsberg nannte sich noch die Haupt- und Residenzstadt von Preußen, ungefähr wie eine verstoßene Geliebte ihr kümmerliches Dasein noch durch die Erinnerung an ihre glänzende Vergangenheit zu schmücken sucht." (279) Benno Erdmann (Hrsg.), Reflexionen Kants zur Anthropologie (1882-1884) 37 spricht pietätvoll von Königsberg als dem Mittelpunkt "des engeren Königreichs".
Das Festhalten an "Preußen" und die implizite Rückweisung des nunmehr korrekten "Ostpreußen" und das Ignorieren der Hauptstadt Berlin paßt zu einer Tendenz Kants, die man als eine Depotenzierung des Staats kennzeichnen kann. In der "Rechtslehre" der Metaphysik der Sitten (1797) will Kant gegen Hobbes den Leviathan durch ein starkes Privatrecht einhegen und binden und seine Kompetenzen genauestens vorweg bestimmen. Dieses Ziel läßt sich nicht nur innerhalb der "Rechtslehre" belegen, die das Privatrecht gegen den Staat stärkt, sondern auch in anderen Schriften. Der Streit der Fakultäten entwickelt die Universität als eine Korporation, die sich den administrativen Eingriffen durch ihre innere Architektur (vier und nur vier Fakultäten mit apriori festgelegten Aufgaben) entzieht, explizit den Staat extra muros verweist, wenn es um Wissenschaft und wissenschaftliche Auseinandersetzung geht, und im übrigen das Ziel hat, die Zensur vom Staat weg in die Korporation zurückzuziehen. Ähnlich die Organisation der Kirche in der Religionsschrift von 1793: Ihr Telos ist auf die ethische Gemeinschaft der Menschen insgesamt gerichtet, die eigentliche Kirche ist eine kosmopolitische Organisation, sie hat mit dem jeweiligen Staat nichts zu tun. In der Anthropologie spielt der Staat für den Menschen praktisch keine Rolle ("Staat", "Staaten": 193,27; 194,7; 206,10; 35; 276,27; 319,15; 331,6).
Für Kant wird es nicht zum Problem, daß der Blick auf die Welt von Königsberg aus nur eine perspektivische Ansicht zeigen kann. Die literarische Tradition in England und Frankreich, die eigene Kultur in fingierten Außenaufnahmen zu verfremden, hat in Deutschland kein Echo gefunden. Die Fußnote enthält auch eine Apologie; denn der Autor weiß, daß die Menschenkenntnis nach dem common sense nicht "auch ohne zu reisen" (121,36) erworben wird. - Lichtenberg notiert in seinen "Reise-Anmerkungen" von 1775: "Ich sage der Stubensitzer ist nicht der Mann, der hierzu taugt, weil es kaum möglich ist ohne Umgang mit der Welt und mit Leuten, die einem an Erfahrung überlegen sind, von allerlei Stand, sich das Gefühl zu erwerben, das uns fast ohne nachzudenken von Begebenheiten urtheilen lehrt [...]. Bücher würden diesen Mangel völlig ersetzen, wenn alle Bücher von Menschenkennern geschrieben wären [...]. Langer Aufenthalt in großen Handelsstädten, nicht weit von einem Hof, oder noch besser in einiger Verbindung mit ihm [...] sind Umstände, die überhaupt vieles beitragen den vernünftigen Mann zu bilden und hauptsächlich den Geschichtsschreiber." (Anmerkung 127; Lichtenberg 1967 ff., II 676)
33 angränzenden entlegenen] Vorländer: "Einen besseren Sinn gäbe: mit angrenzenden sowohl als auch entlegegen usw.". Vielleicht läßt sich die seltsame Zusammenstellung retten, wenn man berücksichtigt, daß zuerst vom Seehandel (sc. mit fernen Ländern) gesprochen wird, dann vom Verkehr durch die Flüsse, der sich einmal auf das Innere des eigenen Landes, sodann auf angrenzende andere Länder - wie Polen und Rußland - bezieht, die groß und für den üblichen Verkehr entlegen sind.
| letzte Seite | -Abschnittsübersicht | -nächste Seite |