Kants Schule

Buchinformation zu Heiner F. Klemme (Hrsg.): Die Schule Immanuel Kants. Mit dem Text von Christian Schiffert über das Königsberger Collegium Fridericianum. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1994 (= Kant-Forschungen Band 6). VIII + 131 S.
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Im Jahre 1741 veröffentlichte der Schulinspektor Christian Schiffert (1689-1765) seine "Nachricht von den jetzigen Anstalten des Collegii Fridericiani". In ihr informiert er ein breites Publikum über den geltenden Unterrichtsplan der zu diesem Zeitpunkt schon weit über die Grenzen Königsbergs hinaus bekannten Schule und erläutert die in ihr gepflegten pädagogischen Grundsätze. Schifferts "Nachricht" stellt ein einzigartiges historisches Dokument dar, erlaubt sie uns doch einen minutiösen Einblick in den Anspruch und den Alltag einer Bildungsanstalt, die Immanuel Kant von 1732 bis 1740 als Schüler besucht hat.

Unter Rückgriff auf eine Vielzahl weiterer zeitgenössischer Quellen und Zeugnisse kann der bildungs- und geistesgeschichtliche Kontext rekonstruiert werden, der den jungen Kant bis zum Besuch der Universität seiner Heimatstadt umgab: Das Königsberg der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen lutherischer Orthodoxie und Pietismus, zwischen Wolffianismus und Aristotelismus. Gerade das Collegium Fridericianum steht dabei oftmals im Zentrum dieser Streitigkeiten, wurde nämlich nicht nur bereits seine Anerkennung durch den Kurfürsten Friedrich III. gegen den teilweise erbitterten Widerstand etablierter Schulen und Honoratioren der Stadt betrieben, sondern auch die institutionelle Verankerung des Pietismus in Königsberg.

Erstmals kann auf der Grundlage von Schifferts "Nachricht" eine umfassende Übersicht über die Fächer gegeben werden, die Kant belegte, die Bücher, die er im Unterricht und bei der religiösen Unterweisung benutzte, die Sprachen, die er lernte, und die Lehrer, die ihn unterrichteten. Dokumentiert werden ferner Kants spätere Urteile über seine Schule und die Bedeutung einzelner Lehrinhalte für seine eigene akademische Lehrtätigkeit. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf seine pädagogischen, anthropologischen und geographischen Ansichten eingegangen.

LESEPROBE AUS DER EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS (OHNE ANMERKUNGEN):

"Der wohl bedeutendste Philosoph deutscher Sprache wurde am Sonnabend, den 22. April 1724, morgens gegen 5 Uhr als viertes von neun Kindern des Riemermeisters Johann Georg Kant (1683-1746) und dessen Frau Anna Regina (1697-1737), geb. Reuter, in der südlich des Pregel gelegenen "vorderen Vorstadt", im Hause neben der sogenannten Sattlergasse, geboren. Getauft wurde er einen Tag später auf den Namen Emanuel in der ältesten Kirche der Stadt, im Dom, der die Pfarrkirche des Kneiphof und der zugehörigen Vorderen Vorstadt war. Erst in seinem Geburtsjahr haben sich die drei Städte Königsberg, die Altstadt (1286), der Löbenicht (1300) und der Kneiphof (1333) zu einer Gemeinde vereinigt. Die Krönungsstadt der preußischen Könige war mit seinen rund 6000 Häusern und 50 000 Einwohnern neben Berlin die größte Stadt des Landes und stellte ein bedeutendes Zentrum für den Handel mit den östlichen Ländern Europas dar. Neben vorwiegend lutherisch gläubigen Deutschen setzte sich die Einwohnerschaft aus einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen religiösen und ethnischen Minderheiten und Nationen zusammen.

In einer zeitgenössichen Beschreibung der preußischen Krönungsstadt heißt es: "Was endlich die Einwohner der Stadt betrifft, so sind dieselbe meistentheils Deutsche. Darum denn auch die deutsche Sprache daselbst am meisten geredet wird. Wiewol wegen der Handlung mit Pohlen und Litthauen auch beyderley Sprachen im Gebrauch sind. Es haben auch die aus Franckreich vertriebene Refug‚es, auff Landes-Herrschafftliche allergnädigste Erlaubniß in Königsberg ihr Asylum gefunden, und sich ziemlich etabliret, daher auch ihre Sprache und Moden, zumahl unter Vornehmen im Gebrauch kommen, auch die Strasse auff der Burg-Freyheit, wo die meiste wohnen, die Frantzösische Gasse genannt wird. Sonst sind die meisten Einwohner der Evangelisch-Lutherischen Religion zugethan. Nachdem aber Churfürst Johann Sigmund sich zur Reformirten Religion bekannt, ist das Exercitium dieser Religion auch allhier nach und nach introduciret, und haben sich die Reformirten so wohl aus Engelländern, Schotten, Holländern, Frantzosen, Pohlen und andern Frembden, als auch aus Einheimischen eine ansehnliche Gemeine gesammelet. Denen Päbstlern aber ist, vermöge der zwischen Pohlen und Preussen auffgerichteten Pactorum, das freye Religions-Exercitium allhier in gewisser Maaß verstattet, auch deshalb eine Kirche auff dem Sackheim zu ihrem Gottesdienst erbauet, wiewol ausser den Einwohnern der Stadt, wenig Leute von Condition sich zu dieser Religion bekennen. Die Juden haben auch ihre Synagoge, und die Mennonisten ihre Vermahnungen, welche aber von schlechter Consideration sind."

Kant ist in sehr bescheidenen, vielleicht sogar ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Die Eltern - Kant erwähnt vor allem die Mutter - haben ihre Kinder im Geiste des Pietismus erzogen, wobei sie ihr besonderes Augenmerk auf die moralische Erziehung der Kinder gelegt haben. Kant war seinen Eltern hierfür zeitlebens dankbar und hat sein Elternhaus immer in guter Erinnerung behalten - trotz des Pietismus, dessen "frommen" Aspekt er in späteren Jahren nicht müde wurde zu verurteilen. Aufällig ist die Gegensätzlichkeit, mit der Kant sein Verhältnis einerseits zu Schultz und Johann Friedrich Heydenreich, seinem Lateinlehrer in Quinta, Quarta und Prima, andererseits zu seiner Schulzeit insgesamt zeichnet, die er nicht scheute als "Jugendsklaverei" zu brandmarken.

Seine Eltern - vielleicht auch nur die früh verstorbene Mutter -, haben die wöchentlichen Bibelstunden besucht, die Schultz in seiner Funktion als Pfarrer an der Altstädtischen Kirche abhielt. Kant wurde kurz vor Vollendung seines neunten Lebensjahres auf das Friedrichskollegium geschickt. Inwieweit Schultz selber dafür Sorge getragen hat, daß der junge Kant diese auf ein Universitätsstudium vorbereitende Schule besuchen konnte, ist nicht mehr festzustellen.

Seinen Elementarunterricht hat er jedoch zuvor auf der vorstädtschen Hospitalschule, einer Schule des St. Georgenhospitals, genossen. Nach einem zeitgenössischen Bericht im Erleuterten Preußen verrichtete im "Vorstädtschen St. George Hospithal", das zur Inspektion der Altstädtischen Kirche gehörte, ein "unordinirte(r) Prediger" seinen Dienst. Da zu dessen Amtsobliegenheiten auch die Unterweisung der Kinder gehört haben wird, hat Kant wohl in "Ludwich Boehm, aus Juditten, Minist. Cand." seinen ersten Lehrer gehabt. Boehm wurde am 11. April 1699 in die Matrikel der Königsberger Universität aufgenommen und übernahm zehn Jahre später die Predigerstelle am St. Georgenhospital, die er für eine ungewöhnlich lange Zeit innehatte. Zu seinen Aufgaben wird auch die Betreuung von Häftlingen gehört haben: "Die in den Städtschen Gefängnissen sitzenden besuchet der Prediger bey dem Georgen-Hospital wöchentlich einmal, und besorget alsdann ihre Erbauung." Sicherlich wird Boehm nicht gezögert haben, das Elend straffällig gewordener Menschen seinen ihm anbefohlenen Kindern eindringlich vor Augen zu führen.

Als Friderizianer hatte Kant nun einen längeren Schulweg zu bewältigen: "Wenn er morgens zur Schule ging, kam er zunächst unweit des Holländer Baums vorbei, einer Zollschranke auf dem Pregel zur Erhebung von Gebühren der Schiffe. Der Weg führte ihn dann über die Grüne Brücke, an deren östlicher Seite die flußabwärts kommenden Holz- und Getreideboote (Wittinnen) lagen, während westlich davon die Schiffe festmachten. [...] Durch das Grüne Tor erreichte Kant sodann die Kneiphöfsche Langgasse mit ihren Giebelhäusern und Beischlägen und dem am Ende des 17. Jahrhunderts aufgeführten Bau des Kneiphöfschen Rathauses im Stil der holländischen Renaissance. Der Schulgänger konnte sich nun nach rechts wenden und dabei einen Blick auf den Domplatz werfen oder am Schloß vorbei die Französische Straße erreichen, die zum Kreuztor führte. Dort konnte er im Vorübergehen die Ansicht des malerischen Schloßteichs wahrnehmen."" (1994, S. 32-35)

REZENSIONEN (Stand 1. Nov. 1996):
Das Achtzehnte Jahrhundert 20, Heft 1, 1996, S. 101-103 (U. Thiel); Kant-Studien 87, Heft 3, 1996, S. 378-382 (P. Giordanetti).



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Letzte Änderung: 11.11.1997