|
Lieber Bruder!
Bey dem Besuche, den Überbringer dieses, Hr. Reimer, ein Verwandter von
Deiner Frau, meiner werthen Schwägerinn, bey mir abgelegt hat, ermangle ich
nicht, [das] was sich meiner überhäuften Beschaftigungen wegen nur in ausserordentlichen
Fällen thun läßt, mich bey Dir durch einen Brief in Erinnerung zu bringen. Uner-
achtet dieser scheinbaren Gleichgültigkeit habe ich an Dich, nicht allein so lange wir
beyderseitig leben, oft gnug, sondern auch für meinen Sterbefall, der in meinem
Alter von 68 Jahren doch nicht mehr sehr entfernt seyn kan, brüderlich gedacht.
Unsere zwey übrige, beydes verwittwete, Schwestern sind, die älteste, welche
5 erwachsene und zum Theil schon verheuratete Kinder hat, gänzlich durch mich,
die andere, welche im Sct. Georgenhospital eingekauft ist, durch meinen Zuschus
versorgt. Den Kindern der ersten habe, bey ihrer anfänglichen häuslichen
Einrichtung, meinen Beystand, und auch nachher, nicht versagt; so, daß, was
die Pflicht der Dankbarkeit, wegen der uns von unseren gemeinschaftlichen
Eltern gewordenen Erziehung fordert, nicht versäumt wird. Wenn Du mir
einmal von dem Zustande Deiner eigenen Familie Nachricht geben willst,
so wird es mir angenehm seyn.
Ubrigens bin ich, in Begrüssung meiner mir sehr werthen Schwägerinn,
mit unveränderlicher Zuneigung
Dein
Koenigsberg treuer Bruder
den 26 Januar I Kant
1792 |