Philipps-Universität Marburg, Abschiedsvorlesung am 27. Juni 2002
Hörsaalgebäude, Biegenstr. 14, HS 114


Vorgesehener Sendetermin: Hessischer Rundfunk, Hörfunk 2, 9. Februar 2003


Überarbeitete Fassung

Reinhard Brandt:
Zustand und Zukunft der Geisteswissenschaften

Wir können über den Zustand, in dem sich die Geistes- oder Kultur- und Sozialwissenschaften hier und heute befinden, und über die Zukunft, die sich abzeichnet, nur urteilen, wenn wir wenigstens ungefähr wissen, auf welchen Begriff oder Sachverhalt sich das Wort "Geisteswissenschaft" und die entsprechenden Wörter in anderen Sprachen beziehen. Also, was sind die sogenannten Geisteswissenschaften? womit befassen sie sich, mit welchen Methoden tun sie es? Und: wovon grenzen sie sich ab, was also sind sie entschieden nicht?


Zweierlei Wissenschaften

Natürlich kann keine schulgerechte Definition der Geistes- oder der in sie integrierten Kultur- und Sozialwissenschaften vorgeführt werden; sie liefe Gefahr, mit der faktischen komplexen, sich wandelnden Institution, auf die wir uns beziehen, nichts zu tun zu haben. Wir benutzen daher einen bei uns üblichen Umweg und fragen: Geisteswissenschaften - und nicht? Die Antwort lautet: Nicht Naturwissenschaften. Wir beginnen also mit einem komparatistischen Verfahren und bestimmen unseren Gegenstand durch die Kontrastierung mit dem, was er dezidiert und konstitutiv nicht ist. Wir gehen vergleichend, gegenüberstellend vor, während der Naturwissenschaftler und Mathematiker seinen funktionalen Zusammenhang direkt fokussiert. Der Naturwissenschaftler braucht einen Projektor, in den Hörsälen der Kunstgeschichte stehen dagegen zwei, weil man Bildwerke in ihrer Eigentümlichkeit dadurch bestimmt, daß man sie mit geeigneten Kontrastwerken vergleicht. Und zweitens: Die Naturwissenschaften vergessen ihre Geschichte und brauchen nur die Literatur der letzten zwei bis drei Jahre oder Monate oder Wochen. Wir dagegen begreifen unsere Gegenstände genetisch und beginnen unsere Untersuchungen und Vorträge grundsätzlich mit dem ersten Gesang der Ilias und noch früher, ab ovo, oder mit dem Buch der Bücher, der Bibel.

Der Gott des Alten Testaments, Jahwe, war Geistes- und Naturwissenschaftler, denn "Am Anfang war das Wort", der Geisteslogos, und Gott verfaßte entsprechend die Bibel, in der dieses Wort vom Wort verkündet wird (Johannesevangelium I 1: "In principio erat verbum"). Aber auch: "Du schufst alles nach Maß, Zahl und Gewicht" (Buch der Weisheit 11, 21: "Sed omnia mensura et numero et pondere disposuisti"), und, so ergänzen wir, nach den Funktionen in der materiellen Welt: Immer wenn x, dann notwendig y, so funktioniert die Natur bis in unser Gehirn hinein. Geistlogos also und Natur, "Les mots et les choses", eine biblische Ur-Teilung zweier Kulturen. Aber beide Stücke beziehen sich trotz der Teilung in komplizierter Weise auf einander, denn der "logos" schwebt nicht über den Wassern, sondern äußert sich in einem materiellen Substrat und Medium, ohne freilich in diesem "In-Sein" zu verschwinden, wie der Materialist es propagiert; und die materielle Natur kommt umgekehrt erst durch den "logos" zu ihrem Begriff und damit zu sich selbst, ohne sich im Begriff zu liquidieren, wie der Idealist es sich erträumt.

Platon weist den Anspruch der Pythagoreer, alles auf die Zahl zu reduzieren, mit dem Hinweis auf die eigentümliche Interaktion von Redner und Publikum zurück: Das Gelingen der Rede hängt von Faktoren ab, die niemand zuvor oder auch hinterher auszählen und berechnen kann. Die Rede und die Dichtung, die Komposition und das Malwerk werden von einer natürlichen und geschulten Urteilskraft bestimmt, die sich nicht durch Zählen, Messen und Wiegen beeindrucken läßt. Aristoteles nimmt dieses Motiv für die Ethik auf: Das faire Handeln, die kluge Einwirkung auf Personen, die umsichtige Politik, das alles können wir nicht mit Zahlen und Zirkeln und der Waage oder mit mathematischen Funktionen verrechnen. Die Ethik und Politik sind so wenig wie die Kunst nach mathematischen, wir ergänzen: naturwissenschaftlichen Kriterien zu erzeugen und zu beurteilen. Also auch hier zeichnen sich zwei Rationalitätsbahnen ab, die die eine Menschheit getrennt entwickelt.

Im Beispiel: Gene hier und Ethik dort. Entsprechend hier die genetische Biologie und Gentechnik, und dort die ethisch-rechtliche Debatte und Urteilsbildung über unser Handeln. Hier die Erkenntnis und technische Zurichtung der Natur, wortlos voranschreitend, prozessual und subjektlos wie die Natur selbst, dort die Menschenrede über das Woher und Wohin und die Frage der rechtlichen Erlaubnis und ethischen Notwendigkeit des technischen Handelns. Hier der Koloß des einäugigen Polyphem, dort die vielen Worte, Worte, Worte, die über die ethische Perspektive reflektieren, die der Fortschritts-Koloß kaum zu Gesicht bekommt.

Wir können diesen ersten Hinweis zu den beiden Wissenschaftsformen durch einige weitere Beobachtungen ergänzen, die der näheren Bestimmung unseres Themas dienen.

Naturwissenschaften

Gegenstand der Naturwissenschaften sind besonders Funktionen vom Typ "wenn a, dann notwendig b", die durch sie bestimmten Ereignisfolgen lassen sich im Prinzip beliebig im homogenen oder gesetzmäßig variablen Feld der Natur reproduzieren; diese Wiederholungen funktional bestimmter Abläufe lassen sich des weiteren häufig delegieren an Apparate und Maschinen, die ihrerseits reproduzierbar und je nach Zwecksetzung veränderbar sind. Wir lassen Maschinen schwere Lasten befördern, delegieren Rechenaufgaben an den Computer, und die Elektronik läßt uns Geräusche wahrnehmen, die das menschliche Ohr nicht mehr hört, die Stimme aus Sydney oder, bei zunehmendem Alter, die des Nachbarn. Diese Delegation von menschlichen Tätigkeiten an besser qualifizierte Apparate setzt ein Verfahren fort, mit dem schon die Natur ihren technischen Meisterweg vom Einzeller zum Delphin und Menschen beschritten hat, indem sie den Schutz an äußere Zellwände, die Stabilität an ein Knochengerüst, die Belüftung an die Lunge und das Nachdenken und die Vorträge an das Gehirn delegierte und dies auf Dauer tat, wenn sich die Delegation im Inneren des Systems und nach außen bewährte. Insofern ist die Technik die Fortsetzung der Natur mit anderen Mitteln. Die Fundierung dieser zweiten Techniknatur in der Naturnatur garantiert wiederum den planetarischen, ja kosmischen Erfolg der Technik, und dieser Erfolg öffnet mit Zauberkraft die Kassen der Drittmittel für die Naturwissenschaften, sofern sie technikrelevant sind. Aber zum Geld kommen wir erst später.

Geisteswissenschaften

Die Geisteswissenschaften suchen keine Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die experimentell bestätigt und häufig an Maschinen delegiert werden, sondern sind mit wenigen Ausnahmen auf individuelle Ereignisse und Produkte der Kultur fixiert, auf dieses Drama von Brecht, auf diese historischen Umstände der Entdeckung der Quantenphysik und z. B. auf die Frage, worin der Unterschied der nordamerikanischen von der deutschen Geschichte liegt, so daß sich Teile des einen Systems - etwa die Finanzierung der Universitäten - nur schwer oder gar nicht aus der einen in die andere Gesellschaft übertragen lassen. Das Einzelne wird methodisch als Schnittpunkt einer im Prinzip unendlichen Vielfalt wiederum einzelner Entstehungsfaktoren erkannt und in seiner Kultureigenschaft in einer singulären Konstellation bewertet. Die Geisteswissenschaften haben - mit Ausnahmen - diese singulären Kulturdokumente und -konstellationen zum Gegenstand. Sie erkennen ihren Inhalt in seiner Eigentümlichkeit durch die gelehrte Zuwendung auf das, was er ist, wie er entstand und was er in einer ihn kennzeichnenden, ihn charakterisierenden Weise nicht ist. Das Erkennen ist somit substanziell, nicht funktional, bezogen auf die einmalige Sache selbst, nicht auf repetierbare Relationen. Das Erkennen läuft auf eine Bewertung der Relevanz des untersuchten Komplexes innerhalb der zugehörigen Konstellation und vielleicht ihrer Nachwirkungen hinaus.

Ich möchte vorschlagen, die - häufig bestrittene, hier jedoch emphatisch verteidigte - Differenz von Natur- und Geisteswissenschaften in zwei unterschiedlichen Zeitformen zu begründen und zu sichern. Die Zeit der reinen und angewandten Naturwissenschaften ist wesentlich relationaler Art, die Geisteswissenschaften operieren dagegen dominant mit der sog. modalen Zeit. Die relationale Zeit besteht aus den zwei Beziehungen früher - später und zugleich, die modale besteht dagegen aus den Zeitlokalisierungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei die Vergangenheit früher als die Gegenwart, die Zukunft später ist. Die relationale Beziehung des früher - später und zugleich ist beliebig wiederholbar, während die Positionen in der modalen Zeit einmalig und irreversibel sind. Der Augenblick des Jetzt kommt, kam, auf uns zu und ist jetzt schon auf immer vergangen, während das An und Aus des Experiments und der Maschinen beliebig erneuert werden kann. Für den Geisteswissenschaftler gilt von der Zeit wie vom Raum "In ihm leben, weben und sind wir" - "sind wir", wenn auch nicht ohne eine freie Vernunft, die z. B. hierüber reflektiert und urteilt, die anamnetisch die Vergangenheit kultiviert und sich über die Zukunft Gedanken macht.

Der Zweck der neuzeitlichen Naturwissenschaften ist weitgehend nicht mehr wie gemäß einigen Verlautbarungen in der Antike die Theorie um ihrer selbst willen, es ist auch nicht wie im Barock eine Art Gottesdienst, die von den Naturerkenntnissen evozierte Bewunderung seiner Werke, sondern es ist - außer in den reinen Theorie- oder Grundlagenfächern - der Mitblick auf Verwendung, die Suche nach repetierbaren, möglichst an Maschinen und Apparate delegierbaren, also technisierbaren Prozessen. Der Zweck eines (mit Vorliebe finanzierten) Teiles der Naturerkenntnis ist ein technisches Delegationssystem.

Anmerkung: Nur noch ein geringer Teil der heutigen Menschheit nimmt an, das unsortierte Weitertreiben dieser Delegationen sei nützlich und gut. Der subjektlose, anonyme Prozeß zunehmender Delegation hat sich von dem einleuchtenden Ziel, die menschliche Auseinandersetzung mit der Natur zu erleichtern und zu humanisieren, in vielen - nicht allen! - Bereichen völlig getrennt und vollzieht sich blind hinein in ein wachsendes Elend. Auf die Meinung einiger weniger Menschen, dieser subjektlose Prozeß sei wünschenswert, ist er im übrigen so wenig angewiesen wie auf den Beitrag eines bestimmten Individuums; was Smith in Stanford heute nicht entdeckt, entdeckt morgen früh Sun Lee in Kyoto.

Welches ist der Zweck der Geisteswissenschaften? Wozu bemühen wir uns in gelehrten Untersuchungen, die Entwicklung der griechischen Plastik, die Argumentationsstruktur von Hegels Phänomenologie, den ideengeschichtlichen Hintergrund der Raumauffassung Newtons, die Zeitstruktur der Fotografie mit Roland Barthes zu erkennen? Der oder die einzelne mag sagen, daß sie oder er in diesen Untersuchungen ihre Existenzerfüllung finden, hier zu forschen und etwas zu entdecken sei eine helle Freude. Die Gesellschaft durchschaut den bloß privaten Charakter dieser Bekenntnisse und muß anders davon überzeugt werden, daß sie sich selbst als Menschengesellschaft liquidiert, wenn sie sich nur noch dem einäugigen Vorwärtserkennen der technisch orientierten Naturwissenschaften zuwendet.

Aber welches sind die öffentlichkeitsfähigen Argumente? Wir werden später auf diese Frage zurückkommen. Zunächst ist festzuhalten: Geisteswissenschaftliches Erkennen muß seinen Sinn und Wert finden im sozial integrierten Individuellen und in der kultur- und sozial mitbedingten Tätigkeit des Individuums selbst und ist so wenig delegierbar wie die eigene physische und seelische Gesundheit: Niemand kann für mich physisch und geistig gesund sein, niemand kann für mich ersatzweise erkennen, fühlen und wollen. In diesem Sinn ist das gesellschaftliche Individuum kritisch erkennendes Subjekt und zugleich Objekt der Geisteswissenschaften. Nur - wer erkennt hier für wen? Im Exempel: Welchen Zweck hat die Hegel-Lektüre und das anschließende Seminar für die Gesellschaft, die beides ermöglicht? Wir werden auf diese Frage in unterschiedlichen Formen zurückkommen.

So viel in einer ersten Skizze zu den Geisteswissenschaften im Unterschied zu den Naturwissenschaften. Nun begegnen uns die Natur- und Geisteswissenschaften an der Universität nicht in einem dualen System, sondern stehen in einem komplizierten Geflecht von vielen Disziplinen und Fächern, zu denen u. a. auch die Mathematik und Medizin gehören. Außerdem hat sich die Kontrastbeziehung erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts verfestigt, erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es das Wort "Geisteswissenschaft", wenn auch die Sache, wie wir sahen, ein wahrhaft biblisches Alter hat. Aus welchem geschichtlichen Zusammenhang sind die polaren Bereiche der Natur- und Geisteswissenschaft erwachsen? Von einer ersten Bestimmung aus der Differenz zu dem, was die Geisteswissenschaften nicht sind, schreiten wir jetzt fort zu einer historisch-genetischen Frage; auch dies ein typisch geisteswissenschaftliches Verfahren, das die Gegenstände aus ihrer Entstehung begreift.

Die neuzeitliche Universität


Geben wir der Verlockung nach und kommen von der Bibel über Platon und Aristoteles jetzt zu Goethes Faust: "Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert mit heißem Bemühen." Drei obere Fakultäten und eine untere, mit der Faust beginnt, denn mit ihr begann das Studium.

Die oberen drei Fakultäten dienten einer effizienten und homogenen Administration von drei grundsätzlichen Interessenbereichen der Bürger: Es sind das Heil der Seele, des Körpers und der äußeren Güter. Damit hier kein Wildwuchs entsteht und Sekten und Fundamentalisten sich um die Seele, Scharlatane um den Körper und die Mafia sich um die äußeren Güter kümmern, richtet der Staat Universitäten ein für die Ausbildung von Pastoren oder Priestern, die die eine wahre Religion predigen, von Ärzten, die die Medizinalordnung lesen und befolgen können, und von Juristen, die die Gesetze kennen und anwenden. Die vierte Fakultät dient der wissenschaftlichen Einführung und der Wahrheitsfindung unabhängig von den Interessen, die die oberen Fakultäten zu ihrem Inhalt haben. Dort also, im Brotstudium der drei oberen Fakultäten, die Verknüpfung von Erkenntnis und Interesse, hier, in der unteren Philosophischen Fakultät, die Erkenntnis um ihrer selbst willen. In der Ausbildung nimmt die Philosophische Fakultät die Stelle der alten, auf Platon zurückgehenden "artes liberales" ein, der sieben freien Künste: Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, und dann Grammatik, Rhetorik, Dialektik.

Die wohl wichtigste Publikation zu dieser Universität ist Kants Streit der Fakultäten von 1798. In dieser Schrift wird dargelegt, daß es außer der mündlichen Lehre in den Hörsälen eine zweite Dimension der Universität gibt. Sie besteht in der schriftlichen Publikation der je eigenen Fachauffassungen, die zur Auseinandersetzung zwischen den oberen Interessenfakultäten mit der Philosophischen Fakultät führen; das ist der Antagonismus oder Streit der Fakultäten, der dem Werk den Titel gab. Mit der notwendig von allem Staatszwang freien Publikation und Forschung ist verbunden, daß die Universität kosmopolitisch ausgerichtet ist. Die nähere Artikulation dieser staatlichen und zugleich überstaatlichen Einrichtung wird aus einer Vernunftidee konzipiert. Im Rückgriff auf Platon wird hier zum ersten Mal in der Geschichte die Universität durch den Ideenbegriff nobilitiert. Sie bildet ein Realsystem der Vernunft wie der Staat selbst. Kant hat mit dieser seiner Ideenkonzeption der Universität tief ins 19. und 20. Jahrhundert hinein gewirkt; nur durch den Streit der Fakultäten ist die Humboldtsche Idee der Universität möglich.

Im 19. Jahrhundert erhält die vierte Fakultät die Aufgabe der Ausbildung von Gymnasiallehrern. Die Stammfächer sind Philosophie und Geschichte, sodann Mathematik, Naturwissenschaften, alles mit örtlich bedingten Variationen, am Ende jedoch immer schon ein Konglomerat von Wissenschaften und Pseudo-Wissenschaften. Innerhalb dieser Philosophischen Fakultät bilden sich zwei Lager aus, die Geisteswissenschaften auf der einen und die Naturwissenschaften auf der anderen Seite; ihr Anwachsen und ihre thematische und methodische Differenz führt zum Auseinandertreiben und zur Zerstörung der Fakultätenordnung. Es ist auffällig, daß die Theologie, Jurisprudenz und Medizin als in sich geschlossene Sektionen oder Fachbereiche seit Fausts Mittelalter-Zeiten bis heute an vielen Orten überlebt haben; nur die Philosophische Fakultät als der Unruhestifter ist zerspalten in viele Teile.

Die Geisteswissenschaften werden nun von vornherein anders als die antiken und mittelalterlichen "artes liberales" so konzipiert, daß sie sich über bestimmte Inhalte methodisch verständigen, aber nicht die praktische Ausübung dieser Gegenstände selbst lehren. Die "artes liberales" waren gedacht als Könnens-Unterricht; die Lehre richtete sich auf die Fähigkeit, selbst etwas auszuführen. Die Rhetoriklehre zielte auf die Ausbildung von Rednern, die Musiklehre auf die Ausbildung von Musikern. Aristoteles´ Poetik ist analog ein Regelbuch für die Verfertigung von Dichtwerken.

Die Universitätslehre der meisten Geisteswissenschaften intendiert dagegen den Erwerb von Erkenntnis, nicht des erkenntnisgeleiteten Könnens. Entsprechend sind Konservatorien und Kunsthochschulen etc. nicht in, sondern außerhalb der Universitäten angesiedelt. Kennzeichnend für diese Situation ist die Trennung von Primär- und Sekundärliteratur und die Kompetenz der Universität eindeutig auf dem zweiten Gebiet, nicht dem ersten; wir suchen keine Dichter, sondern Interpreten. Der Geisteswissenschaftler muß nicht notwendig eine Kunst können, sondern sich nur kompetent zu kulturellen Produkten äußern. Wir sind nicht primär kreativ an diesen Kulturleistungen beteiligt, sondern rezipieren sie, korrigieren Mißverständnisse, vergleichen ihre Bestände, sichern den historischen Bestand durch Editionen, präsentieren sie in neuen Medien. Schlüsselbegriffe sind "Kritik" und "Urteilskraft". Der Begriff der Kritik ist ursprünglich in der Literatur und Ästhetik zu Hause und wird in der Aufklärung zu einem zentralen Vernunftbegriff überhaupt. Wir lehren und üben die kritische, erkenntnisfundierte Urteilsbildung auf unterschiedlichen Gebieten der Kultur, aber vorwiegend als Betrachter, nicht als Handelnde. Erster Vorschlag: Zur Rettung der Geisteswissenschaften sollte versucht werden, die Könnens-Kultur der "artes liberales" vorsichtig zu erneuern und das Können im Erkennen zu verstärken. Dies geschieht schon in verschiedenen Fächern unter dem Werkstatt-Titel: Literatur-Werkstatt, Geschichtswerkstatt etc. In der Philosophie könnte man Argumentationsübungen einführen als eine inneruniversitäre gegenstandsbezogene, nicht fremd- und marktbezogene Praxis. Hierauf komme ich am Schluß zurück.

Zustand der Geisteswissenschaften: 1950 - 2000.

Der wenn nicht wirklich, so doch ideell geschlossenen architektonischen Vierung von vier und nur vier Fakultäten folgte als originelle Neukonzeption im 20. Jahrhundert der offene Campus, der ins Freie hinein weiter bebaut werden kann, sei es auf tatsächlichen extraurbanen Feldern, sei es in seriell ergänzbaren innerstädtischen Hochhäusern. Wies die Universität der vier Fakultäten noch eine innere Struktur gemäß einer einheitlichen Idee auf, sieht die Nachfolgeuniversität eine serielle Anordnung vor, allenfalls eine Dreigliederung in Buchwissenschaften - Mathematik - Naturwissenschaften (plus Medizin), deren jeweilige Teile jedoch begrifflos aneinander addiert werden. Der Bindungs- und Begriffslosigkeit korrespondiert eine hohe Flexibilität der einzelnen Segmente; sie können beliebig entfernt oder neu installiert werden und so problemlos auf Umschichtungen und Veränderungen der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nachfrage reagieren. War die alte Universität hierarchisch konzipiert mit einer Rangfolge der oberen Fakultäten und ihrem gemeinsamen Opponenten, der unteren, Philosophischen Fakultät, ist die Campus-Universität egalitär. Es spielt für sie das Oben und Unten keine Rolle, und die Anordnung in der numerischen Abfolge ist nur eine Frage der Verwaltung und des Vorlesungsverzeichnisses, nicht die von Vorrang und höherer oder niederer Würde. Jede Überlegung zur jetzigen und künftigen Universität und speziell zu den Geisteswissenschaften muß von dieser egalitären Struktur bestimmt sein. Das bedeutet auch: Es läßt sich nicht nostalgisch an Kants Vernunftidee oder an Humboldt appellieren; es lassen sich allenfalls bestimmte Teilstücke für die jetzige Universität und ihre neuen Rahmenbedingungen fruchtbar machen. Dazu gehören sicher die Freiheit und der kosmopolitische Charakter der Forschung und der zur Forschung hinführenden Lehre, dazu gehören begründete Kritik und argumentative Auseinandersetzung in und zwischen den Disziplinen - Kants Streitidee in ihrer modernen Version.

Die deutschen Universitäten vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1933 standen in Staat und Gesellschaft in höchstem Ansehen; es ist ablesbar an den großartigen Repräsentativbauten mit dem entsprechenden Würdeanspruch im inneren Verhalten und der äußeren Achtung, man denke nur an die Ludwig-Maximilian-Universität in München, die Palastgrundlage der Humboldt-Universität in Berlin und der Bonner Universität. Die Selbstzerstörung der deutschen Universität, zu der Heideggers Freiburger Verratsrede von 1933 ein wichtiges Fanal war, hinterließ 1945 ein ideelles Vakuum; auf der einen Seite wurde eine restaurative Bemäntelungspolitik betrieben, auf der anderen Seite stand die Bemühung um Demokratie, die um 1968 zum endgültigen Durchbruch gelangte.

Die Geisteswissenschaften erlebten von 1950 bis ca. 2000 in Deutschland zweifellos eine Blüte, die dem Vergleich mit allen früheren Epochen, aber auch mit allen Ländern standhält. Es können als Nachweis für die Richtigkeit dieser Behauptung nur einige wenige Fakten angeführt werden, auch die ohne Zahlen und Belege. In allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gab es eine intensive historische Forschung und systematische Auseinandersetzung um Methoden und Wertfragen; es gab die Flügelkämpfe um eine mehr gesellschaftlich orientierte Interpretation und eine mehr ideengeschichtliche, die sich strikt an Texte und Dokumente hält - von der Ägyptologie bis zur Soziologie und Philosophie. Eine Vielzahl von Fachorganen und mehr zum Publikum geöffneten Zeitschriften dokumentierten die inneruniversitären Forschungen; die weltweite Öffnung zu den internationalen akademischen Zentren kam in den fünfziger Jahren zustande, allerdings mit unterschiedlich gestuften Verzögerungen. Der erste internationale Germanistenkongreß war erst 1985 in Deutschland (in Göttingen unter der Leitung von Albrecht Schöne) möglich.

Es wurden neue Fächer geschaffen wie z. B. die Politologie, die seit der Ablösung des Aristotelismus durch das neuzeitliche Naturrecht im 17. und 18. Jahrhundert nicht mehr gelehrt wurde. Im Fehlen der politischen Wissenschaft sah man einen der Gründe, warum deutsche Intellektuelle Hitler verfielen. Das Mittellateinische wurde an zahlreichen Universitäten zur Belebung der gemeinsamen Wurzeln des Abendlandes in der antik-mittelalterlichen Kultur vor der Ausbildung der getrennten Nationalstaaten eingerichtet. Später folgten die Medienwissenschaften.

Unter der Protektion langfristig planender, finanziell gut ausgestatteter Akademien gab es mustergültige Editionen klassischer Texte, die den besten philologischen Maßstäben gewachsen sind. International beneidet wurden editorische Großbaustellen über Jahrzehnte unterhalten. Ich greife willkürlich die monumentale Fichte-Edition der Bayerischen Akademie der Wissenschaften heraus. In gelungenen Kooperationen von Akademien, Wissenschaftlern und Verlegern wurden die philologischen Hochleistungen des 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts fortgesetzt. In keinem anderen Land gibt oder gab es eine derartige Editionskultur.

Sodann die monumentale Arbeit der großen Nachschlagewerke, die häufig in Anknüpfung an frühere Leistungen zu einer wiederum international einzigartigen Sammlung von Gedächtnishäusern führte. Die geistige Tradition wurde in unzähligen Speziallexika und Sammelwerken erschlossen; nie gab es so vielfältige und leicht zugängliche Übersichten und Gesamtdarstellungen, Werkanalysen und Bibliographien. Sie gehen heute ein in die elektronischen Informationsmöglichkeiten. Weiter: Die Geisteswissenschaftler versammelten sich in unzähligen Tagungen und Kongressen zu allen Themen ihrer Neugier und Forschung. Dieser Austausch wurde begleitet von Vorträgen, mit denen Wissenschaftler aus allen Ländern den Universitäten neue Impulse gaben. Ein großzügiges Stipendiennetz ermöglichte die Teilnahme von Gästen aus allen Ländern an deutschen geisteswissenschaftlichen Instituten. Der "Deutsche Akademische Austauschdienst" und andere Institutionen förderten den Auslandsaufenthalt deutscher Wissenschaftler.

Die akademischen Arbeiten der Dissertationen und Habilitationen erreichten ein bis dahin unbekanntes Niveau. Die durchschnittlichen Dissertationen aus der Zeit um 1900 hätten in ihrem Umfang und intellektuellen Aufwand zwischen 1950 und 2000 allenfalls als Seminararbeit passieren können.

Es gab eine bis dahin nie praktizierte Toleranz abweichender Meinungen, die im großen ganzen nur eine Grenze kannte: Die Propagierung nationalsozialistischen Gedankenguts. Umgekehrt bildete die Erforschung des Verhaltens der Fachvertreter in der Hitlerzeit ein zunehmend wichtiges, erschreckendes Nebenthema aller Disziplinen.

Die Diskussionsforen in den Universitäten wurden ergänzt durch die Berichterstattung und Urteilsbildung in den Medien, deren Redakteure ihre Bildung und ihr Ethos in den Geisteswissenschaften erworben hatten.

Diese Andeutungen wurden im Praeteritum formuliert, aber diese Zeitform soll nicht besagen, daß in der Gegenwart alles Vergangenheit ist; viele der Institutionen werden auch jetzt unterstützt und in die Zukunft weitergeleitet.

Anzeichen der Erosion

In der Zeit der geschilderten Blüte bereitet sich jedoch ein drohender Niedergang vor. Ein erstes äußerliches Symptom: Es gibt nach 1945 in Deutschland keinen architektonisch herausragenden Universitätsbau mehr. Die Betonaufschüttungen der niederen Preisklasse unterscheiden sich optisch nicht mehr von Universitäten der Entwicklungs- und der ehemaligen Ostblockländer. Im Ostblock entsprang das Konzept einer nach Fabrikmuster errichteten Universität jedoch noch einer Vision: Der Vision der Einheit von geistiger und körperlicher Arbeit, der gemeinsamen Tätigkeit für den Aufbau einer humanen Gesellschaft. Die westdeutschen Universitätsbauten dagegen verkörpern weder eine Idee noch eine Vision, sondern sind zum größten Teil Bunker für eine fluktuierende Masse, die in der zweiten Jahrhunderthälfte von Studenten zu Kunden mutierte. Wie soll eine baulich brutalisierte Universität noch ein gesellschaftlich anerkanntes Selbstbewußtsein aufbringen? Man vergleiche die Ausbildungsstätten der Bundesbank oder bei BMW in München, um zu ermessen, welche Wertungen die kommerzielle Gesellschaft vornimmt.

"Kommerzielle Gesellschaft" soll das anonyme Subjekt genannt werden, das die Prozesse der technischen und ökonomischen - häufig irrationalen - Rationalisierung global vorantreibt und dem wir wie einem Fatum ausgeliefert scheinen. Wo liegen die Erosionskräfte der kommerziellen Gesellschaft, die unsere Existenz bedrohen, und wie läßt sich auf die Bedrohung wenigstens skizzenhaft antworten?
Wir sind hiermit bei einem etwas düsteren Durchgangskapitel angelangt:

Schulen

Ein entscheidender Faktor der Erosion der Universitäten ist der jetzt allseits bekannte, jedem Interessierten längst vertraute, nur den Parteipolitikern völlig neue Niedergang der deutschen Schulen. Die Pädagogik ist geprägt von einem Mißtrauen gegen den Bildungswert von Inhalten und inzwischen von ihrer nackten Unkenntnis. Es werden keine Gedichte auswendig gelernt; man traut Eduard Mörikes "Um Mitternacht" oder "Auf eine Lampe" oder Conrad Ferdinand Meyers "Der römische Brunnen" nicht zu, eine intensivere und bessere Bildungskraft zu besitzen als alles Gerede über die Notwendigkeit von Dialogen und Diskursen. "Lehnt träumend an der Berge Wand" - das ist die schönste Zeile, sagt ein 9jähriges Mädchen, das privat "Um Mitternacht" lernt. Aus welchem Grund entzieht die Gesellschaft, speziell der Funktionärspädagoge, den Kindern in den öffentlichen Schulen diese schönste Zeile, diese einmalige, durch kein Gerede ersetzbare, diese eine Zeile? Und später Ingeborg Bachmann. Antwort: Auf Inhalte kommt es nicht an, sondern auf den in der Kommunikation geschulten Gesamtlehrer, der zunehmend zum Sozialarbeiter wird oder schlimmer, zum Lern-Moderator oder Initiator. Beim Singen internationaler Schülerbegegnungen können deutsche Gruppen eine einzige Zeile beisteuern: "Happy birthday to you". Wie wollen die Funktionärspädagogen, die ihr Gift in die Ohren der Kultusminister träufeln, den täglichen Kulturraub rechtfertigen? Den Diskobesitzern wurde versprochen, das Mindestalter der nächtlichen Besucher auf 14 Jahre herunterzusetzen, um diesen wichtigen Sektor der Wirtschaft und des Amüsements im Stand- und Spaßort Deutschland zu fördern. Keine Einsicht in das Krankhafte dieser Idee, sondern der Zufall eines Erfurter Einzeltäters und die Befürchtung öffentlicher Kritik ließ die Parteien zurückschrecken. Es sind nicht nur rechtslastige Rockbands, sondern die Regression der Discotheken zu Höhlen des Schamanismus, die Geist und Seele töten. Die kommerzielle Gesellschaft taumelt blind zurück in die neurotischen Rhythmen, aus denen die Kultur einst eine wüste Menschheit bzw. einen Teil dieser Menschheit befreite.

Die Schwierigkeit, in der Lehrer unweigerlich zu Opfern werden, ist das gesellschaftliche Tabu, nicht-nützliche Inhalte als für den Menschen wertvoll darzustellen. Die gymnasiale Bildung und Schulung der Urteilskraft an Kulturleistungen hat keinen Rückhalt in der öffentlichen Anerkennung; eine nicht-monetäre Wertschöpfung existiert nicht.
Lehrer: "Hier steht es: Das Leben ohne geistige Formung bleibt sich selbst verborgen." Schüler: "Ja und?"

Ein fataler Irrtum liegt in der Verwechselung von Subjektivismus und Individualismus. Der Subjektivismus ist der Meinung, jedes Subjekt kenne erstens seine eigenen praktischen Interessen am besten und verfüge zweitens über seine Erfahrungen, seine Gefühle und Meinungen als dem authentischen Quell seiner weiteren Erkenntnisse. Beide Annahmen sind falsch; die erste überfordert die Jugendlichen, die zweite infantilisiert sie. Das einzelne heranwachsende Individuum befindet sich häufig im Irrtum über seine eigenen Interessen, die andere wesentlich besser kennen können; und wie Kulturwerke beschaffen und zu bewerten sind, entscheidet sich nicht durch den Event- und Spaßpegel, den sie bei Jugendlichen erzielen.

Seelische Binnenräume zur Stabilisierung der Persönlichkeit gibt es nicht von Natur, wie Rousseauismus und Romantik glauben; es bedarf einer Schulung an kulturellen Inhalten, um Jugendliche von innen zu festigen. Wird diese cultura animi nicht durch kanonisch festgelegte Inhalte betrieben, stoßen die Medien, unterstützt von Ritalin, ins tiefste Innere; und der Computer? Der Computer führt den Menschen nicht aus dem Naturzustand in den Zivilzustand, den immer neu zu verwirklichen Bürgerpflicht ist.

Damit fehlt die Grundierung geistiger Interessen, an die die Universität anknüpfen kann; ohne eine derartige Vorbildung und schon vorbereitete Neugier sind wir, die Geisteswissenschaftler, jedoch praktisch verloren. Die merkantile Gesellschaft will die unbequemen Umwege in den Köpfen verhindern, und die Ministerien setzen mit privatem Bedauern diesen durchgängigen Willen in den Lehrplänen um. Kulturelle Umwege bringen keinen Profit und lassen sich, so der bisherige Konsens der Parteien, den Wählern nicht vermitteln. Dies ist die langfristige Strategie; taktisch gibt es Abweichungen mit einer Spende hier und guten Worten bei Feierlichkeiten dort. Die Strategie zeigt sich in der Zerstörung eines soliden Fachstudiums für den Dienst an den höheren Schulen; die Taktik in der gegenteiligen Beteuerung. Ich übertreibe? In den letzten Semestern hat sich in Marburg jeweils ein einziger neuer Student für Griechisch eingeschrieben, wohl etwas Einmaliges in der Geschichte der Philipps-Universität. In der Theologie soll die Kenntnis nicht nur des Hebräischen und Griechischen, sondern auch des Lateinischen für den Bakkalaureus, pardon: bachelor, gestrichen werden. Vermutlich wird jetzt das Händchenhalten in sozialer Betroffenheit geübt; hoffen wir, daß man dies auch im Ausland bemerkt.

Landesparlamente beschließen die Unterbrechung des Studiums der künftigen Gymnasiallehrer durch Praktika. Dies war üblich von 1933 bis 1945 durch den Wehrdienst, in den sozialistischen Ländern, auch der DDR nach 1945 bzw. 1949, durch die Tätigkeit in den Brigaden an der Produktionsfront. In beiden Systemen waren Überzeugungstäter am Werk. Jetzt wird wieder das Studium unterbrochen, jedoch mit dem Vorwand, diese Unterbrechung durch die Praxis diene dem späteren Beruf. Als ob nicht jeder Abgeordnete weiß, daß ein kontinuierliches Studium der späteren Unterrichtsfächer von wenigstens 8 Semestern die Mindestqualifikation für den Beruf ist. Die Unterbrechung und Zerstörung des Studiums wird zu einer Qualifikation für den Beruf umgeheuchelt. - Die gesamte Lehrerausbildung soll auf einen pädagogisch dominierten Bachelor-Master-Studiengang eingeebnet werden; damit ist die Bildung des deutschen Gymnasiallehrers liquidiert, offenbar eine Kleinigkeit für unsere demokratischen Parteien.

Eine weitere Hiobsbotschaft: Die Geisteswissenschaften sind angewiesen auf die Lektüre relevanter Texte im Original; der Romanist, der keine französischen, italienischen, spanischen und natürlich und vor allem lateinischen Schriften fließend lesen kann, gehört nicht an die Universität, usw. u. s. f. Die kommerzielle Gesellschaft führt jedoch in den einen monotonen Sprachstrom des Amerikanischen als der globalen Sprache von Kommerz und Computer; und allenthalben dient man sich der Macht des Marktes schon im Vorfeld an. Wie können wir überleben ohne die polyglotte Basis? Wie retten wir die Vielfalt der Sprachkulturen vor der Regression in eine einzige merkantile Umgangssprache?

Arbeit, Verwaltung

Die Universitäten haben anstelle der altrömischen und kirchlichen Wochengestaltung (mit einem Feiertag) die industrielle Fünf-Tage-Woche übernommen und u. a. damit ihre eigene Forschung und Lehre zur Arbeit gemacht - mit unguten Folgen für die Gesamtkonzeption von Studium und Forschung und Lehre. Das geistige fruchtbare Tun und Lassen, das Schreiben und Streichen (jeder Aufsatz ist das Resultat der Streichungen, den Wildwuchs der Gedanken kann jeder produzieren) mit den entscheidenden Einfällen beim Anblick eines Kindes auf dem Nachbardach läßt sich nicht als Arbeit verrechnen, so wenig wie Trauer als Trauerarbeit auf einen gewerkschaftlich erkämpften Stundenlohn hoffen sollte. Die östliche Diktatur des Proletariats und die westliche christlich-soziale Arbeitsgesinnung wollte und will: Der Herr gibt es den Seinen nicht im Schlaf, weder den Gelehrten, den Professoren für Forschung und Lehre, noch den Sängern und Mimen, sie allesamt gehören unter das eine gemeinsame, gewerkschaftlich geliftete Joch der Arbeit. Schon am Freitag(nach)mittag endet heute die gewerkschaftlich regulierte Geistesarbeitszeit und setzt am Montag zwischen 9.15 und 9.16 Uhr wieder ein; um 18 Uhr ist die Universitätsbelegschaft im Regelfall insgesamt zu Hause, zentrifugal auseinandergestiebt zwischen Flensburg und Füssen. Die Idee der akademischen Freiheit als eines entscheidenden Lebensabschnitts mit der Konzentration auf geistige Interessen und Studien um ihrer selbst willen weicht der doppelten Gewalt von Arbeit und Vergnügen.

Wir haben hiermit oberflächlich wiederum ein viel tieferes Problem berührt, nämlich das Verhältnis geistiger Tätigkeit zur produktiven Arbeit. Wir erinnern uns der Aristotelischen Auffassung, daß sich die reinen Wissenschaften erst nach den Nutzwissenschaften und gänzlich unabhängig von ihnen entwickeln. "Und werden dann mehrere Künste erfunden, die einen für die unumgänglichen Notwendigkeiten des Lebens, andere für eine gehobenere Lebensführung, so halten wir die letzteren, gerade deshalb, weil ihr Wissen nicht auf den Nutzen abzielt, für weiser als die ersteren. Erst als bereits alle nützlichen Künste entwickelt waren, entdeckte man die Wissenschaften, die sich nicht allein auf die Lust und die Lebensnotwendigkeiten bezogen, und das erstmals in diesen Gebieten, wo man sich Muße leisten konnte. Daher entstanden auch die mathematischen Wissenschaften in Ägypten, denn dort gestattete man den Priestern, Muße zu pflegen." Aristoteles trübt kein Gedanke über die Leistungen, die die anderen Teile der Gesellschaft erbringen müssen, um die reine Theorie zu finanzieren. Der Grund ist einfach: Die Priesterkaste ist in ihrem Tun durch ihre Bindungs-Funktion für die Gesellschaft legitimiert. Machen wir einen Sprung von Aristoteles zu Kant, der folgendermaßen über den Riß in der Zivil- und Kulturgesellschaft nachdenkt: "Die Gemächlichkeit einiger und die Anstrengung anderer, welche jene Müßigen ernähren mußten, dies war der Anfang der Wissenschaften." Die größere Bevölkerungsschicht arbeitet, wie es an anderer späterer Stelle heißt, gleichsam mechanisch und besorgt die Notwendigkeiten des Lebens, um die Gemächlichkeit und Muße derer zu ermöglichen, die sich mit Kultur, Wissenschaft und Kunst befassen; diese halten die übrige Bevölkerung "in einem Stande des Drucks, saurer Arbeit und wenig Genusses [...], auf welche Classe sich denn doch manches von der Cultur der höhern nach und nach auch verbreitet."

Diese Klassendifferenz von Gemächlichkeit und Anstrengung, von geistiger Tätigkeit und Arbeit im Produktionsprozeß ist nicht mehr legitimierbar. Aber welche Funktion haben die um ihren Nutzen unbekümmerten Geisteswissenschaften in der egalitären Gesellschaft? Noch verschieben wir den Versuch einer Antwort.

Die Integration der Tätigkeit von Gelehrten in die Arbeitswelt läßt uns dasselbe Schicksal erleiden wie die übrige arbeitende Bevölkerung: Die Zermürbung durch eine schleichende Aufhebung der Arbeitsteilung. Die Arbeitslosen sind unterfordert und werden um ihre Biographie gebracht, die Besitzer von Arbeit sind überfordert, weil jeder in einer undefinierten, unklaren Weise durch die anonyme, daher unverantwortliche Verwaltung zu immer neuen Verantwortlichkeiten gezwungen wird und sie auch erfüllt, weil sonst die berufliche Vernichtung und der Weg in die Arbeitslosigkeit oder in die Klinik drohen.

Man sehe sich die Bestimmungen zu den einzelnen Abschnitten der schriftlichen und mündlichen Prüfungen an, unter denen wir ebenso leiden wie die hoffnungslos überforderten Lehrer an den Schulen. Statt bescheiden eine funktionierende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, drangsaliert die juristisch dressierte Verwaltung die Lehrenden und Lernenden mit immer neuen verwickelten Aufgaben und macht alles zu ihrem grauen pathologischen Ebenbild.

Verlust des Inhalts

Unter dem Stichwort der "Jetztzustand der Geisteswissenschaften" verdient ein Aspekt der internen Erosion besondere Aufmerksamkeit: Der vielgestaltige Verlust des Inhalts. Ein Beispiel: Die Geschichtsphilosophie der Antike und Neuzeit versuchte, den singulären Gang der bisherigen und, in der Neuzeit, der künftigen Menschheit aus der Natur des Menschen, aus den Daten der Geschichte und den Tendenzen des kollektiven Handelns zu ermitteln und für die weitere Praxis vorzustellen. Sie operierte mit einer enzyklopädischen Fülle von Inhalten, die zugleich in andere Disziplinen integriert waren. Die gegenwärtige analytische Geschichtsphilosophie dagegen entledigt sich der Inhalte durch eine Kritik der von ihr so genannten "substantialistischen" Geschichtsphilosophie und betreibt eine formale Analyse geschichtsbezogener Urteile, etwa des Urteils: "Voltaire war der erste Sultan der Wikinger in den Jahren 435-423 v. Chr." Arthur Danto könnte in seiner Schrift Analytische Geschichtsphilosophie auf seine tatsächlichen Beispiele aus der römischen Geschichte und der Ereignisse in Monaco verzichten und sie problemlos insgesamt durch unseren Sultans-Satz ersetzen. Wer ihn anstößig findet und vage vermutet, daß er vielleicht falsch ist, mag selbst einen anderen wählen - auf den Inhalt kommt es bei aufgeweckten Köpfen nicht mehr an.

Eine nähere Untersuchung der zunehmenden Eliminierung der Inhalte müßte zurückgehen auf den latenten oder offenen Materialismus des 19. Jahrhunderts und die Genese der gegenstandslosen Kunst; auch in ihr wird der Inhalt einem anderen geopfert, sei es dem materialen Substrat, sei es einer vorgeblichen spirituellen Wesenheit. Es ist symptomatisch, daß derselbe Arthur Danto in seiner Kunstanalyse, Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst (1981), zu dem Ergebnis kommt, daß erst die gegenstandslose Kunst die Kunst in ihrer Selbstreflexion und damit in ihrem Wesen realisiert; also auch hier gipfelt der Geist in der Fähigkeit, den Gegenstand zum Verschwinden zu bringen. - Nur durch eine Erweiterung der Analyse auf die Bedingungen der Entstehung der gegenstandslosen Kunst könnte man dem Phänomen der Vernichtung jedes bestimmten Inhalts in einem Teil der Geisteswissenschaften gerecht werden und die Inhalte zu retten versuchen.

Die Eliminierung der Inhalte führt zur Vergleichgültigung der Sachorientierungen der verschiedenen Literaturen. Der allgemeinen Linguistik, die mit der reinen Textwissenschaft liiert ist, ist die jeweilige Nationalliteratur der Anglistik, Romanistik, Gräzistik gleichgültig, sie braucht nur Beispiele für ihre Regelsysteme.

Die Pädagogik entwickelt sich in gleicher Richtung: Die Didaktik soll Lernmethoden lehren, aber nicht zeigen, welcher Bildungswert in bestimmten Kulturgütern liegt, in den Sonaten Beethovens, in den Meisterwerken der Malerei, in den Gedichten Paul Celans und den Erzählungen von Kleist. Viele Probleme der Schulen beruhen auf der konsequenten Eliminierung von kanonisch fixierten Kulturgütern, deren Kenntnis einen Wert in sich darstellt, nicht in einer veräußerlichten Form, sondern einer geistigen Durchdringung und Aneignung, in der Konzentration auf dieses eine einmalige unersetzbare Werk.

Das Programm des diesjährigen XXVII. Deutschen Kunsthistorikertages in Leipzig enthält keine Sektion zur Kunstgeschichte. Der postmodernistische Titel lautet "Kunst unter Künsten. Kulturelle Divergenzen und Konvergenzen". Es gibt Passe-partout-Sektionen wie "Bewertung-Umwertung-Entwertung", dann die Praxis- und Selbstbezüge zur Denkmal- und Körperpflege. Wer etwas Neues zu Botticelli, zu Dürer, zu Picasso zu referieren hat, ist persona non grata - wie kann das Fach an die Tradition von Heinrich Wölfflin und Erwin Panofsky anschließen? Man wird befürchten, auf diese Weise aktualisieren, provinzialisieren und liquidieren sich Fächer freiwillig von innen und bereiten sich für die feindliche Übernahme durch die Medien und die Denkmal- und Körpervereine vor.

Die asoziale Marktwirtschaft, kurz, wenn auch nicht gern gehört: der Kapitalismus, hat sich die 11. Feuerbachthese von Karl Marx zu eigen gemacht und deshalb gleich in der Eingangshalle der Humboldt-Universität konserviert: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern." Paraphrasiert: Es kömmt jetzt darauf an, von der bloßen Theorie zur Praxis zu schreiten, von der Kontemplation zur Aktion, von den Geisteswissenschaften an und für sich zur Auftragswissenschaft für den Kommerz. Als ob nicht umgekehrt angemahnt werden sollte: "Die Menschen verändern die Welt permanent, es kömmt nun darauf an, diese Veränderungen zu interpretieren."

Drittmittel

Sie sind ein seltsames Zwiegebilde zwischen fester Staatszahlung, Geschenk und Geschäft. Das Dominantwerden der Drittmittelbeschaffung dokumentiert folgende Tendenz. Die frühere Universität berief den oder die HochschullehrerIn auf Lebenszeit und setzte ihr ganzes Vertrauen in die Person; bei einer Quote von, sagen wir, 15% Prozent Ausfällen war dies ein System der Stimulierung durch den Anreiz der Anerkennung in der kollegialen Öffentlichkeit, die im großen ganzen durch die beiden barocken und komischen Titel von Doktor und Professor markiert war. Also: Vertrauen in die Personen und das bestehende System der Leistungsstimulierung. Jetzt wird die Stimulierung und zusätzlich die Forschungsermöglichung nach außen in die Grauzone der staatlichen und privaten Drittmittelvergabe verlegt, in der anonyme Gremien ihre Macht- und Zitierpolitik betreiben. Wer da nicht smart das Passende formuliert und seine Projekte gendergerecht mit einem touch von Innovation gegen die Konkurrenz verpackt, wird sowieso vernichtet. Die Ablehnungsbegründung kennt keine Scham, weil die Gremien gesichts- und namenlos sind.

Die wichtigste Prüfung der bisherigen personorientierten Universität war die Habilitation, bei der unter rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten das schriftliche Werk, die persönliche Vorstellung im Vortrag und in einer mündlichen Diskussion mit Kollegen gemeinsam beurteilt wurden. Die Habilitation wurde und wird von Frau Bulmahn konsequent diffamiert, um die Universität marktmäßig umzugestalten. Das erfolgreiche Einwerben von Drittmitteln bei außeruniversitären Geldgebern gehört zu den neuen Qualifikationen des Juniorprofessors. Drittmittel wollen Projekte und Ergebnisse, keine freie Reflexion über Probleme und mögliche Lösungen. Die Geisteswissenschaften können dort besonders intensiv sein, wo keine Drittmittel benötigt werden - eine Einsicht, die der Wissenschaftsvermarktung nicht in den Kopf will. Sie sucht nach Meßkriterien, mit denen gedankenlos evaluiert werden kann, seien es die Eurobeträge der Drittmittel oder die Zahl der bestandenen Prüfungen und Abschlüsse, entscheidend ist das repetierbare bloße Quantum, das uns wesensfremd ist.

Wir brauchen gute Bibliotheken, nicht nur für uns selbst und unsere Doktoranden, sondern auch für Gäste aus dem Ausland, besonders Humboldt-Stipendiaten. Das Streichen von Büchergeldern für die Bibliotheken hat ein Ausmaß angenommen, daß man es nur schwer verantworten kann, die wissenschaftliche Betreuung besonders ausländischer Doktoranden und Habilitanden zu übernehmen. Damit regredieren jedoch die Geisteswissenschaften ins Provinzielle und können dann Dienstleistungen für etwaige privatwirtschaftliche Interessenten übernehmen.

Heute zeichnet sich ein Wechsel zur Destruktion der Möglichkeit freier Forschung und Lehre ab, wobei die Selbst- und Fremdzerstörung der (nicht nur deutschen) Geisteswissenschaften in der gegenwärtigen Phase nicht im Akt einer genau datierbaren Machtergreifung durch den Staat geschieht, sondern in einer langsamen, kaum merklichen äußeren und inneren Erosion und einer Invasion durch den Markt. Kaum einer befürwortet diese merkantile Metamorphose innerhalb der Universität, aber fast alle beteiligen sich notgedrungen an ihr. Gentili, ein Jurist des 16. und anfänglichen 17. Jahrhunderts, schleuderte der Kirche seinen Bann entgegen: "extra muros theologi!"; 1933 hätten die Universitäten unisono der machtlüsternen Politik ihr "Hinaus!" entgegen halten können. Die Vermarktung der Universität vollzieht sich dagegen in einem anonymen Prozeß auf Weltniveau, und sie führt einige Länder in ein selbstverschuldetes Provinzdasein.

Zukunft der Geisteswissenschaften - ihre Notwendigkeit

Und jetzt ein Gegenbild. - Die platonische Akademie, die Urform unserer Universitäten, wurde um 380 v. Chr. gegründet; die Universitäten sind also älter als alle Kirchen, Staaten und Firmen Europas. Wenn meine Bibelexegese Gnade vor dem Blick der Alt- und Neutestamentler findet, dann können wir die Natur- und Geisteswissenschaften sogar zurückdatieren in die Urzeit der erhabenen Feuerbrünste, als das Licht ward und Himmel und Erde vom Geist nach Zahl, Maß und Gewicht geschieden wurden. Damit ist die Idee der Universität so alt wie das Universum, und unsere wirklichen deutschen Universitäten sind nur der Hauch eines Hauches unseres eigentlichen Milliardenalters.
Mit dieser Vision zerstieben die Ängste; wir befreien uns vom prosaischen Zustandsbericht und wenden uns der Realpoesie der Zukunft zu.

Doch zuvor: Wie lassen sich die Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft legitimieren? Sie liefern keine Grundlagen oder direkte Anweisungen zum weiteren Ausbau der technischen Delegationssysteme wie die Naturwissenschaften, und sie verweigern sich dem Ansinnen, mit ihren Forschungen sozial verwertbare Ergebnisse und sonst nichts zu liefern. Wozu sind sie gesellschaftlich, und wozu sind sie überhaupt gut?

Die Universitäten können sich nicht als Stätten der Bildung definieren, wie sie im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert aufgefaßt und ausgestaltet wurden. Der Gedanke akademischer Bildung ist einmal durch eine vor 1933 undenkbare Erfahrung kompromittiert worden: Die Bildung hat einen Großteil der Mitglieder der Universitäten unter Hitler nicht vor dem Verlust elementarer Menschlichkeit geschützt. Die "Zerstörung der Vernunft" wurde z. B. durch das höchst gebildete Seinsdenken und die Hinwendung zum anfänglichen Denken der Griechen nicht verhindert, sondern geschickt verborgen und verstärkt. Diese Vernunftzerstörung mit den Mitteln akademischer Bildung begleitete auch noch die Nachkriegsuniversität als häßlicher Schatten. Wie muß Bildung spezifiziert werden, um sittlichen Orientierungen zu genügen? Sodann kann sich die Universität nicht mehr an ein privilegiertes Bildungsbürgertum wenden; sie hat ein fluktuierendes Publikum, dem bestimmte Kenntnisse und Verfahren angeboten werden. Diese werden gelernt und geübt und am Schluß in einer Prüfung als erworben testiert, den Jugendlichen so gut wie den Senioren, den Feinen und den weniger Feinen.

Es verbietet sich hiermit und auch sonst jeder nostalgische Rückgriff auf elitäre Konzeptionen, wie wir sie bei Aristoteles und auch bei Kant fanden. Welchen Nutzen also haben die von aller Ergebnisfixierung freien Geisteswissenschaften in einer modernen, d. h. nicht elitären, sondern demokratischen Gesellschaft? Ich denke, man muß zwei Komponenten der modernen Demokratie nennen, um die Funktion auszumachen, die den Geisteswissenschaften zukommt. Die Stichworte sind Zivilgesellschaft und Kulturgesellschaft. Erstens: Die "societas civilis" in ihrer modernen Ausprägung ist angewiesen auf eine kritische, öffentliche Auseinandersetzung um ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen, also normativen Grundlagen und Entscheidungen. Zweitens: Die Kulturgesellschaft bedarf der Vergegenwärtigung ihrer faktischen Geschichte und der geschichtsgestützten Erneuerung. Die Geisteswissenschaften sind der Freiraum, in dem beides für sich thematisiert wird, ohne Einrede von außen, nur der Sache und der Forschung und dem Polarstern der Wahrheit verpflichtet. Bildung läßt sich jetzt fassen als Kompetenz der Teilnahme an diesen Dimensionen der modernen Gesellschaft, und diese Bildung kann vielfach erworben werden, nicht nur an der Universität. Der Universität jedoch ist die staatliche Freistellung für die Thematisierung der zivilen und kulturellen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit vorbehalten.

Die demokratische Gesellschaft benötigt die Geisteswissenschaften, weil ohne ihr kritisches Korrektiv die zivilen und kulturellen Belange umstandslos den Machtinteressen zum Opfer fallen. Man denke nur an die Umschreibung der Geschichte in der Sowjetunion von 1918 bis 1990 und in Deutschland zwischen 1933 bis 1945.

"Geisteswissenschaften" wurden auch als "humaniora" bezeichnet, im Französischen firmieren sie als "humanités", im Italienischen als "scienze umane". Es ist jeweils der gemeinsame Titel der zivilen und kulturellen Belange der Gesellschaft, die in der Universität offiziell für sich thematisiert werden, unabhängig von der List und der Drohung der kirchlichen, politischen und wirtschaftlichen Mächte.

Zukunftsfähige Struktur der Geisteswissenschaften

Die Energien dieser Welteinrichtung "Universität" und speziell der Geisteswissenschaften mit immer neuen Generationen intelligenter und neugieriger Studierender sind unermeßlich, fast; ich will die wesentlichen Möglichkeiten in einem Tableau entfalten. Dabei vollziehe ich eine Bewegung von innen nach außen in fünf Schritten. Im Zentrum steht das einzelne wissenschaftliche Fach, an der Peripherie die Selbstdarstellung der Universität in einem Kulturforum.

Die Geisteswissenschaften bestehen so wie die "artes liberales" und die frühere Philosophische Fakultät aus einzelnen autarken Fächern. Die geisteswissenschaftlichen Fächer wurden nie systematisch generiert und geordnet, sondern rekrutierten sich aus zufälligen Konstellationen wie z. B. den Nationalstaaten und ihren offiziellen Sprachen. Hätte Gott in seinem Kampf gegen die Achse des Bösen, zu der sicher die ETA in erster Stunde gehört, den Atlantischen Ozean gleich hinter den Pyrenäen beginnen lassen, gäbe es keine Hispanistik und keine Lusitanistik. So kontingent sind einige Fächer unter dem Titel "Geisteswissenschaften". Trotzdem haben sich diese Fächer international etabliert und als wissenschaftliche Entitäten bewährt. Nehmen wir die Hispanistik; sie hat ein bestimmtes Inhaltsgebiet, und es gibt auf der Welt keine höhere wissenschaftliche Institution als ein spanisches Oberseminar über Cervantes´ Don Quijote. Diese Oberseminare mit der völligen akademischen Freiheit in der Erörterung von Cervantes´ Meisterwerk oder Barthes´ Fotografie eines Mörders vor der Hinrichtung ohne jedes meßbare, von der Verwaltung registrierbare Ergebnis gilt es zu erhalten. Ohne diese Seminare verliert sich die Universität und wird zur ergebnispflichtigen Fachhochschule. Ich meine, daß jedes Fach zweierlei tun sollte. Erstens muß zur Orientierung der Studierenden ein minimaler Lektürekanon erstellt und in die Prüfungen einbezogen werden. Zweitens muß jedes Fach sich den Studierenden in einem Zyklus von drei oder vier Semestern insgesamt durch die Lehrenden vorstellen. Die Studierenden müssen erfahren, was sie eigentlich studieren, und die einzelnen Fächer müssen kompetent sein, sich in dieser komprimierten Weise darzustellen. Wer nicht bereit oder fähig ist, an dieser Darstellung des eigenen Faches teilzunehmen, sollte nicht berufen werden.

Der Kanon mit einer Minimalanforderung und die Darstellung des Faches im ganzen dienen der Übersicht, die die Studierenden benötigen; das Studium ist kein aus beliebigen exemplarischen Kenntnissen zusammen gestoppelter Flickteppich, sondern braucht eine obligatorische Gesamtübersicht und einen Minimalkanon; alles andere sind exemplarische Erweiterungen und Vertiefungen.

So viel zu den einzelnen autarken Fächern. Nun steht jedes Fach in einem Verbund mit anderen Fächern, sei es, daß es sich aus ihnen partiell herleitet, sei es, daß in anderen Fächern verwandte Themen behandelt werden. Die Herleitung und historischen Ursprünge bestimmter Fächer sind in ihrem Zentrum gegenwärtig; als einfaches Beispiel wieder die Romanistik - sie kommt aus dem Lateinischen; die lateinische Sprache und Kultur bildet die Tiefenstruktur der romanischen Philologien und ist daher omnipräsent. Verzichtet die Universität auf die Rückbindung der Romanistik an die Kultur des Lateinischen, kann man aus dieser Philologie gleich eine profitable Übersetzerschule machen, die z. B. die Heizungskosten der Verwaltungsgebäude erwirtschaften könnte. Verwandte Themen werden in anderen Philologien behandelt, etwa das Drama. Hätten die Geisteswissenschaften eine andere historische Entwicklung genommen, hätte es ein Literaturfach "Drama", ein anderes "Roman", ein drittes "Film" gegeben. Eine wissenschaftlich adäquate Behandlung der Tragödien Racines muß Seneca und Euripides, aber auch Shakespeare und vielleicht Sartre einbeziehen, um dem Gegenstand gerecht zu werden. Das bedeutet: Aus einem in der Sache selbst liegenden Zwang müssen solidarische Beziehungen zu den Ursprungsdisziplinen und den Nachbarfächern aufgebaut werden. Ohne diese Beziehung finden die Erörterungen zu Recht in der internationalen Forschung (hoffentlich) keine Beachtung. Die Trennung der Kunstgeschichte in zwei Teile, den antiken Teil qua Archäologie und dann alles Nachfolgende, ist das bizarre Ergebnis der Winckelmann-Euphorie um 1800 - der Sache nach ist die europäische bildende Kunst eine Einheit, eine prekäre Einheit, weil sich vielfältige Verbindungen und Vergleiche zu nicht-europäischen Kunstentwicklungen ergeben, siehe Hegels monumentale Ästhetik.

Alle Fächer haben ein sachlich begründetes Internverhältnis zur Philosophie. Einmal steckt die Philosophie z. B. nachweislich in vielen, eigentlich in allen Bildern, die die Kunstgeschichte behandelt, oder in den Texten, mit denen die Philologien und Medienwissenschaften umgehen; zum anderen werden Fachdebatten über die Hermeneutik, über Foucault und Derrida geführt - Disziplinen, die sich von der Philosophie und ihrer Reflexionskultur fernhalten, verfallen daher in doppelter Weise dem Provinzialismus, wie hoch auch immer ihre positive Abschlußquote und der Dollarbetrag ihrer Drittmittel ist.

Es gibt einen zweiten Komplex interdisziplinärer Kooperation. Ich hatte auf die eigentümliche modale Zeitform der Geisteswissenschaften verwiesen. Unsere Themen sind geschichtlich und gehören in den irreversiblen Gang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jeder Gegenstand ist damit aber der singuläre Schnittpunkt von im Prinzip unendlich vielen Faktoren und ist damit ein offenes System. Und hier erleben wir in fast allen geisteswissenschaftlichen Fächern die verrücktesten Verbindungen - plötzlich kann ein Neurophysiologe über die Blickform der bedeutendsten Porträts der abendländischen Malerei informieren, der Gehirnforscher gibt dem Musiktheoretiker Auskünfte, der Satellitenfotograf informiert den Archäologen darüber, daß er seit zehn Jahren an der falschen Stelle gräbt, der Chemiker bringt Buchstaben in handschriftlichen Notizen von Kant zum Vorschein, die kein Mikroskop ahnen ließ, und der Philosoph demonstriert umgekehrt dem Hirnphysiologen zum hundertsten Mal, daß seine Suche nach der Einheit des sogenannten Bewußtseins im Tier- und Menschenhirn auf ewig vergeblich sein wird, usw. Im Bereich der Edition kritischer Textausgaben profitieren die Geisteswissenschaften bei jedem Wort von der elektronischen Datenverarbeitung. Hier tun sich unvorhersehbare Möglichkeiten auf, und kreative Geisteswissenschaften sollten sich dieser aus der Sache gebotenen Erweiterung und Vertiefung anschließen. Wer die eigene Disziplin retten will, muß sie verlassen und neue Spielformen der Erkenntnis einbeziehen - in der Archäologie und der Kunstgeschichte verweist die Eigenlogik des Faches genauso auf die Zusammenarbeit mit Naturwissenschaften wie in der Friedensforschung und Philosophie; man denke hier nur an die Probleme der angewandten Ethik.

So viel zu den Bereichen der Kooperation und Solidarität der einzelnen Fächer als offene Systeme mit verwandten und nicht verwandten Disziplinen. Das isolierte Fach gibt es, und es ist zugleich eine Illusion, es muß sich auf sich selbst konzentrieren und zugleich permanent entgrenzen.

Dazu noch zwei Ergänzungen. Die eine rekrutiert sich aus der Tradition der "artes liberales", die oben angesprochen wurde. Die Geisteswissenschaften sollten versuchen, die Leistungen des Verstehens und Erkennens wie in den "artes liberales" verstärkt durch das Können zu ergänzen. Es gibt dazu Ansätze in sog. workshops; in der Philosophie halten neuerdings die Studierenden und Mitarbeiter des Instituts in regelmäßigen Abständen Vorträge. Man könnte diese Praxis vielleicht durch Disputationsübungen ergänzen. Das Studium könnte durch die gezielte Vermehrung eigener studentischer Tätigkeitsbereiche aktiviert werden, wodurch zugleich die Didaktik spielend erlernt und dadurch vielleicht überflüssig wird.

Die zweite Ergänzung, unser letzter Punkt. Die Selbstdarstellung der Universität und speziell der Geisteswissenschaften als Kulturforum, vom Studium generale bis zum Tag der offenen Tür sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Die Geisteswissenschaften leben in der Spannung von Autarkie und Kooperation nach innen und außen, und genau in dieser Form sind sie für eine Zivil- und Kulturgesellschaft unentbehrlich. Keine Spur von Untergang.


Zur Homepage des Verfassers: Prof. Dr. Reinhard Brandt.

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FAZ, 3. Juli 2002, Nr. 151, Seite N 3
siehe auch Oberhessische Presse, Mittwoch, 26. Juni 2002

Erstes Datum 09.07.2002 / 01:06 Uhr
Zuletzt geändert am: Datum: 9. 12. 2002