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| Ein schiefes Bild |
Es ist zunächst unstreitig, daß nur wenige Zeugnisse über das Leben Kants verfügbar waren oder sind; zeitgleiche detaillierte Berichte oder eingehende Schilderungen der Person Kants in ihren alltäglichen oder besonderen Lebensumständen liegen im Gegensatz etwa zu Hegel und den verschiedenen sich durch eifriges Briefeschreiben mitteilenden Kreisen der Jenaer Romantiker nur in äußerst geringer Zahl vor. Der weitaus überwiegende Teil der Informationen, die über Kants Leben erreichbar sind, ist den nur selten herangezogenen Akten und den fünf Königsberger Kant-Biographien zu entnehmen, die zwischen 1802 und 1805 erschienen.
Sämtliche späteren Darstellungen sind mehr oder weniger deutlich von ihren Vorgängern anhängig. Nicht freiwillig sondern beinahe gezwungenermaßen; denn die zur positiven Korrektur eines verzeichneten Bildes notwendige Basis neuer Quellen, kann durch eine Einsicht in die Schiefheit der vorliegenden Darstellungen nicht ersetzt werden. Der Mangel an verläßlichen Quellen über die äußeren Lebensumstände Kants erzeugt, so meine Interpretation, im Kopf der meist philosophierenden Biographen den Schein der Einerleiheit.
Kants Biographie ist "uninteressant". Im Gegenzug dazu wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine "innere" Entwicklung des Kantischen Denkens postuliert, deren Geschichte in seinen publizierten Werken und den handschriftlich überlieferten Reflexionen nachvollzogen werden könne. Der Verlauf von nun schon 100 Jahre währenden Diskussionen hat meines Erachtens gezeigt, daß der Ansatz, die Genese "der" Kantischen Philosophie überwiegend auf einer immanent Kantischen Grundlage rekonstruieren, verstehen oder erklären zu wollen, zwar mitunter zu überraschenden Einsichten führt, insgesamt aber mit einem gravierenden Mangel behaftet ist. Es fehlt in Vielem bis heute das historisch-positivistisch herzustellende Raster äußerer Daten. Zu den grundlegenden Desideraten gehört auch, sich von Kants Vorlesungen einen Begriff zu verschaffen, der das immer wieder anzutreffendes dictum vel factum, Kant habe nicht seine Philosophie gelesen, in seinen historischen Kontext einbettet. Es genügt nicht, den Mangel an Forschung nach journalistischer Manier hinter scheinbaren termini technici zu verbergen. Was nützt beispielsweise die Rede von einem "Vorlesungs-Kant" in historischer Rücksicht?
Das Datenmaterial ist seit rund 80 Jahren weder geprüft noch aktualisiert worden und es ist lehrreich zu beobachten, daß dieselben 'Tatsachen' je nach Zeitumständen von verschiedenen Verfassern unterschiedlich ausgedeutet den Charakter eines Kant fundieren sollen. Bei Friedrich Paulsen (1846-1909) liest man in Berlin um 1900:
"Er ist ein Mann, der sich durch seinen Willen zu dem gemacht hat, was er ist. Er regelt sein ganzes Leben nach Grundsätzen, wie das diätetische und ökonomische, so auch das sittliche Gebiet. Im Leben ist er das vollendete Gegenstück zu dem Mann, zu dem als Schriftsteller er sich so unwiderstehlich hingezogen fühlte, zu Rousseau. Ist dieser willenlos dem Temperament hingegeben, mit einer starken Neigung zur Ungebundenheit, zum Vagantentum, eine Zigeunernatur, so ist Kant ein Freund der Ordnung bis zur Pedanterie. Nichts ist dem Belieben, der Eingebung des Augenblicks überlassen, die Vernunft ist alles, die Natur ist nichts, nichts als das Substrat für die Vernunfttätigkeit. Kant hat sich augenscheinlich selber als Modell für seine Moralphilosophie gesessen: der Mann des vernünftigen Wollens, des Handelns nach Grundsätzen, das ist der vollkommene Mann. [...] Vielleicht darf man sagen: zwischen Kantischer Moral und preussischem Wesen besteht eine innere Verwandtschaft; die Auffassung des Lebens als Dienst, die Neigung zum Reglementieren, ein gewisser Unglaube an die menschliche Natur, zusammenhangend mit einem gewissen Mangel an Naturfülle des Lebens das sind gemeinsame Züge. Es ist ein höchst achtbarer Typus menschlichen Wesens, der uns hier entgegentritt; nicht ein liebenswürdiger: er hat etwas Kaltes und Strenges, das wohl auch zu äusserlicher Pflichtmässigkeit und harter doktrinärer Rechthaberei ausarten kann." - soweit Paulsen.
Von den Brüdern Böhme wird 1983 in vermeintlich psychoanalytischer Tendenz unter Zuhilfenahme eines Konglomerats aus überlieferten Anekdoten und Berichten der Charakter eines Menschen erzeugt, der aus Ängstlichkeit seine mächtigen sinnlichen Antriebe nicht zur Entfaltung kommen läßt. "Gegen diese angsterregende Macht mobilisiert Kant die Rituale der Ordnung, in denen er Halt vor den Bedrohungen des Begehrens findet." - so Böhme.
Mit dem Mangel an Quellen verwandt ist ein zweites Leitmotiv der biographischen Kantliteratur. Es betrifft nicht einen Wilhelminisch-preußisch erhobenen oder libidinös- Freudianisch abgewerteten Charakter der Person, sondern die geographische Lage seines Wohnortes: Königsberg gilt als abgelegen und fern von den Zentren der Berliner Aufklärung und der Jena-Weimarer Klassik, so daß Kant von dort gesehen wie ein weitgehend auf die Selbstkritik eingeschränkter Philosoph erscheinen kann. Jedoch ist in historisch bereinigter Perspektive das Gegenteil aus zwei Gründen eher plausibel. Zum einen lassen sich genügend Indizien, wenn auch nicht ausführliche Berichte, dafür angeben, daß Kant sich natürlicherweise in einem regen intellektuellen Austausch mit seinen akademischen Zeitgenossen in Königsberg befunden hat. Zweitens war Kant nach den Aussagen von Zeitgenossen ein leidenschaftlicher Leser, der sich intensiv und extensiv mit der ihn interessierenden Literatur auseinandergesetzt hat. Nicht die Werke oder Briefe belegen dies, sondern der handschriftliche Nachlaß und die Nachschriften seiner Vorlesungen. Weder das klassische Stereotyp eines in seiner Stube eingeschlossenen Gelehrten oder homme de lettres, der primär mit Büchern oder Briefen Umgang hat, noch das eines in seine eigenen Gedanken versunkenen Philosophen ist vereinbar mit den zeitgenössischen Nachrichten über die Person Immanuel Kant.
Blickt man in ähnlicher Weise bloß äußerlich auf Stadt, Region
und Universität, dann sind aus dem durch die Lebenszeit von Kant
gegebenen Rahmen - nach meinem Dafürhalten - die folgenden Daten
von Bedeutung: 1724 werden die drei Städte Königsberg unter einer
Verwaltung zusammengefaßt, ganz analog zu den beiden anderen
Großstädten in Gesamtpreußen Berlin (17**) und Stettin (1723).
Die konstituierende Sitzung der drei Räte und Gerichte von
Altstadt, Löbenicht und Kneiphof begann in Königsberg um 9 Uhr
vormittags am 28.August. 1744 beging die Universität mit der
Publikation diverser Gedenkschriften den 200sten Jahrestag ihrer
Gründung. Im Verlauf des 'Siebenjährigen Krieges' (1756-1763)
unterstanden Stadt und Universität einige Jahre der Herrschaft
russischer Zaren in St. Petersburg - und mit dieser Zeit war ein
nachhaltiger Wandel der Lebenverhältnisse in Stadt und
Universität verbunden. Im November 1764 vernichtete ein Großbrand
zahlreiche öffentliche und private Gebäude im Löbenicht. Mit der
ersten Teilung Polens in Jahr 1772 verlor die Region ihren quasi
exterritorialen Charakter, indem durch die Eingliederung des
Ermlandes und Anexion des westlich der Weichsel gelegenen Gebietes
eine direkte Anbindung nach Pommern und Brandenburg
geschaffen wurde. Dem entsprechend wurde bald darauf im internen
Schriftverkehr der Behörden das um Königsberg gelegene
Territorium (aus polnischer Perspektive: das
alte 'Herzogliche Preußen') als 'Ost-Preußen' bezeichnet - im Unterschied zu dem
eingegliederten polnischen 'Königlichen Preußen', das zu 'West-Preußen'
erklärt wurde. Die Preußische Krönungsstadt rückte
unaufhaltsam an den Rand des Gesamtstaates. 1786 starb
Friedrich II und Kant war als gerade amtierender Rektor der
Universität damit betraut, die obligatorische Huldigung der
Universität für den neuen Monarchen, Friedrich Wilhelm II, zu
regeln. Nach nur elf Jahren Regentschaft starb der König und der
greise Kant wurde 1797 zum dritten Mal Zeitgenosse der
Inthronisation eines Preußischen Königs in der Stadt am
Pregel.
Der Rahmen
Wendet man sich aus historischer Distanz dem Leben von Kant zu,
so ist nach klassischem Schema zwanglos eine Einteilung in vier
große Perioden gegeben: Auf die Kindheit (ab 1724) folgen Studium
(beginnend 1740) und Magisterjahre (nach 1755) und schließlich
die Zeit des gesetzten Mannes als Professor ab 1770. Wobei sich
für die letzte Periode vier weitere, gliedernde Jahreszahlen
angeben lassen: ab 1780 ist Kant ständiges Mitglied des Senats
der Albertus-Universität; ein eigenes Haus bezieht er im Frühling
1784; nur wenige Jahre später gibt er selbst in einem Brief zu
verstehen, daß er im Jahr der französischen Revolution (1789) die
Schwächen des Alters - er war in seinem 66sten Lebensjahr -
deutlich zu spüren begann; und ein enger Vertrauter der letzten
Jahre gibt schließlich an, daß der November 1801 eine deutliche
Zäsur im Leben des greisen Philosophen markiert hat. Der Tod
erfolgte im Februar 1804, wenige Wochen vor Erreichen des 80sten
Geburtstages.
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